Wolfgang Höbel

Diskussion um Starkritiker Schecks Brutzelnummer

Wolfgang Höbel
Ein Kommentar von Wolfgang Höbel
Ist es okay, ein Buch von Christa Wolf anzuzünden? Der Fernsehkritiker Denis Scheck ist für Clown-Auftritte berüchtigt – jetzt lässt er von ihm verachtete Bücher in Rauch und Flammen aufgehen. Das ist nicht lustig.
Scheck als gottähnlicher Entertainer in »Schecks Anti-Kanon«: »Li­te­ra­tur kann eine Art Seis­mo­graf für gesell­schaft­li­che Be­find­lich­keit sein«

Scheck als gottähnlicher Entertainer in »Schecks Anti-Kanon«: »Li­te­ra­tur kann eine Art Seis­mo­graf für gesell­schaft­li­che Be­find­lich­keit sein«

Foto: Christian Koch / SWR

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Aus dem Ärmel des Mannes zuckt ein blauer Blitz und trifft auf ein Buch, das implodiert und in einem Nebel aus Flammen und schwarzem Rauch verschwindet.

Es ist ein nicht besonders raffinierter Trickeffekt, mit dem der Fernsehkritiker Denis Scheck in der Clip-Reihe »Schecks Anti-Kanon« auftritt. Man kann sie sich derzeit auf der Seite des SWR angucken. Scheck ist ganz in Weiß gekleidet und in einen weißen Raum eingesperrt, das soll offensichtlich an Morgan Freeman in der Rolle Gottes in dem Film »Bruce Allmächtig« erinnern. Und er spricht über Bücher, die er verachtet, liest ein bisschen vor, begründet sein Urteil kurz und zündelt dann los. Stefan Georges Gedichtesammlung »Das neue Reich« hält er zum Beispiel für »Schwulst«, es folgen der blaue Blitz und Schecks Brutzelnummer.

Rassismusdebatte mit Blackfacing karikieren

Scheck, Präsentator von TV-Sendungen wie »Druckfrisch« und »lesenswert«, ist der Clown des deutschen Literaturbetriebs. Dass er sich selbst und die Bücher, die er anpreist und manchmal kritisiert, nicht allzu ernst zu nehmen scheint, hat ihn erfolgreich gemacht.

Seiner Art von Humor entsprach es aber auch, das israelfeindliche Ge­dicht »Was ge­sagt wer­den muss« des in jungen Jahren in der SS gestählten Autors Gün­ter Grass im Jahr 2012 ausdrücklich zu begrüßen, weil end­lich wie­der die ganze Welt über ein deut­sches Ge­dicht spre­che. Schecks Sorte von Spaßverständnis kam zum Vorschein, als er sich mit schwarz bemaltem Gesicht vor einer Fernsehkamera präsentierte, in der Absicht, den Streit um rassistische Motive in den Romanen von Astrid Lindgren und gleich auch die Debatte über Blackfacing zu karikieren.

Jetzt kann man Scheck also dabei betrachten, wie er, ganz in ein weißes Clownskostüm gewandet, ihm missliebige Bücher den Feuertod sterben lässt. Die »Süddeutsche Zeitung« verteidigt das , weil es sich bei Schecks Zündelaktion um »keine Bücherverbrennung im engeren Sinne« handle. Anstößig sei sie nur für jene, die »ihren falschen Hals nie vollkriegen«.

Ein höchst zweifelhafter Geschmack

Ist das so? Denis Scheck gibt in einem der SWR-Clips Adolf Hitlers Machwerk »Mein Kampf« den Flammen anheim, das kann man als einen Akt der historischen Rache am obersten Anstifter der Bücherverbrennungen der Nazis sehen. Er verfeuert aber auch einen Krimi des Erfolgsautors Sebastian Fitzek und Christa Wolfs einst sehr populären Roman »Kassandra«.

Scheck sagt über Wolf: »Diese Autorin malt mit schwarzem Pinsel auf schwarzem Grund.« Er findet sie humorlos und »sehr, sehr deutsch«, sie betreibe einen »moralischen Gerichtshof« und üble »Rechthaberei«. Auch sei Christa Wolfs Urteil »Alle Männer sind ichbezogene Kinder« gar nicht zutreffend. Weil das Buch ihm »ein Grauen« sei, lässt der keinesfalls kindliche oder ichbezogene Scheck es zischend in Rauch und Feuer verschwinden.

Natürlich ist es nicht okay, Wolfs Buch in dieser Reihe anzuzünden, es ist höchst respektlos und plump provokativ. An der Idee dieser Inszenierung wie am Urteil über das Buch zeigt sich aber vor allem etwas anderes, das schon immer gilt: Denis Scheck hat offensichtlich einen höchst zweifelhaften Geschmack. Vielleicht hat er sogar gar keinen. Dieses Schicksal teilt er mit vielen Menschen, die über Bücher urteilen. Im Fall von Scheck kann man seine Geschmacksirrtümer auf vielen Buchrücken von schlechten Romanen und lausigen Sachbüchern nachlesen, die ihn in Begeisterung versetzt haben. Als Fernsehkritiker hat der mit seiner Schwäbelei stets gemütlich wirkende Scheck sich frühen Ruhm damit erworben, dass er vor der Kamera leidenschaftlich gern Bücher in eine Tonne wirft. Neuerdings tritt er in einer Clip-Reihe auch als Literaturkritiker zu Pferde an.  

Es sei seine »Funk­tion, ­die Leser vor un­ge­nieß­ba­ren ­Bü­chern zu schüt­zen«, hat Scheck einmal in einem Interview gesagt. Ich möchte nicht vor Büchern »geschützt« werden, schon gar nicht von einem Mann, der sein Verständnis der deutschen Sprache in Sätze gießt, wie sie eben Denis Scheck sagt: »Li­te­ra­tur kann eine Art Seis­mo­graf für ge­sell­schaft­li­che Be­find­lich­keit ­sein«, behauptet er zum Beispiel, oder dass ein Buch »den Geist der Siebziger atmet«.

Bücher atmen nicht, zum Glück. Sie sollten auch nicht brennen.

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