Roman "Flexen in Miami" Sumpfgehirne und Quallenmanöver

Joshua Groß müht sich um Gesellschaftskritik und atmosphärische Sprachkomposition. Doch sein Roman "Flexen in Miami" erweist sich leider als etwas dick aufgetragene Post-Adoleszenz-Story.
Quallen in einem Aquarium: Schlüssige Großmetapher

Quallen in einem Aquarium: Schlüssige Großmetapher

Foto: Cavan Images/ Getty Images

Ein Kühlschrank gibt Liebestipps und sorgt sich um den Cholesterinspiegel seines Besitzers? Dieses Szenario könnte nicht mehr allzu weit von unserer Gegenwart entfernt sein. So lautet zumindest die Prognose in Joshua Groß' Roman "Flexen in Miami". Abgesehen von diesem amüsanten Detail zeichnet das Buch eine krude Zukunft: Überall in den Städten kreisen Drohnen. Neben dem "BSE-Killer"-Game, bei dem die User Hirnmassen auf dem Bildschirm vor der Zersetzung retten, ist das Programm "Cloud Control" der neueste Renner.

Was als "Second Life"-Variante mit unbegrenzten Möglichkeiten für die Avatarwahl beginnt, erweist sich bald schon als Kriegsschauplatz. Menschen treffen darin nicht einfach auf ballernde Zombies, sondern auf Personen ihrer Wirklichkeit, hinter denen sich jedoch nur technisch generierte Killer verbergen. Die Virtualität hat das echte Leben komplett aufgesogen und imitiert, Jean Baudrillards Rede von der "Agonie des Realen" in der digitalen Ära ist Faktum geworden.

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Groß, Joshua

Flexen in Miami: Roman

Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Seitenzahl: 199
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08.10.2022 00.35 Uhr

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Inmitten dieser skurril-beklemmenden Welt befindet sich der Erzähler Joshua, den es mithilfe eines Stipendiums in die titelgebende US-Metropole verschlägt. Wenn er sein Geld nicht in Wettbüros auf den Kopf haut, zieht er einen Joint nach dem nächsten durch. Lebensmüde, völlig abgefuckt ringt er um Halt und läuft doch unentwegt vor sich selbst davon. "Die Wahrheit ist, dass ich ein moderner Hippie bin, aber ich habe versucht, ein Angestellter zu sein."

Natürlich braucht so eine spätpubertäre Ich-weiß-nicht-wohin-Figur auch noch eine komplizierte Beziehung. So ist Claire, die Frau des Herzens, genauso am Ende wie Joshua selbst, der sich mit dem Musiker Jellyfish P das Privileg teilt, mit ihr schlafen zu dürfen. Die ungewollte Schwangerschaft gibt es zu allem Wirrwarr noch obendrauf. Und da die beiden ja zu ihrer Verantwortung stehen, begeben sie sich zuletzt auf einen Männer-Trip in die Wüste, wo sie nach Spuren eines Paralleluniversums suchen.

"Lichtschaum der Neonreklame"

Reality-TV meets Sci-Fi und Teenie-Klamotte will dystopischer Bildungsroman sein. Dabei gibt der beim Bachmann-Preis präsentierte Text, gemessen an einschlägiger Prosa der letzten Jahre, kaum Neues preis. Wie dunkel eine Epoche der künstlichen Intelligenz und parasitärer Maschinen aussehen kann, lässt sich an Werken wie Eugen Ruges "Follower", Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck" oder Friedrich von Borries' "1WTC" betrachten. Die Perfidie der Überwachungsgesellschaft mitsamt den Ängsten und Identitätskrisen, sie ist omnipräsent in jüngeren Romanen.

Wenn schon der Plot von Groß' Roman wenig hergibt und dem vermeintlich innovativen Thema zudem mit einer unambitionierten, linearen Erzählweise begegnet wird, bleibt nur noch die Atmosphäre übrig. Sichtlich bemüht sich der 1989 geborene Autor um eine Sprachkomposition, die Denglisch, Jugend-Slang und technisches Vokabular vereint, um dadurch den Sprachverlust seiner Hauptfigur innerhalb einer entfremdeten Welt aufzuzeigen. Doch die Vehemenz, den neuen Ton zu finden, schlägt fehl. Unzählige Stilblüten und schiefe Bilder durchziehen den Text. Was man sich wohl unter einem Gehirn, das "sumpfte", oder einem "feinstofflichen Schleudertrauma" vorzustellen hat? Noch unklarer fällt diese Beobachtung aus: "Ich erahnte den blassen Lichtschaum der Neonreklame vom Hotel gegenüber. Er sank in mich ein." Vieles an diesem Roman ist eben "verfickt gruselig".

Leuchtend hervor tritt daraus nur die Großmetapher der Qualle. Claire beschäftigt sich als Meeresbiologin mit ihr, in "Cloud Control" fungiert sie als Joshuas Begleiterin. Sie steht zum einen - passend zur denaturierten Realität der Geschichte - für das Antimenschliche, zum anderen versteht sie sich als Gegenbild zur Einsamkeit der Figuren. Während sie alle für sich kämpfen, deutet sich in der symbiotischen Lebensweise einiger Quallen das Vorbild eines achtsamen Miteinanders an. Auf spielerische Weise vermag der Text mit dem uns so fremden Tier doch noch eine Tiefebene zu eröffnen. Joshua Groß ist also kein Irrläufer im literarischen Betrieb, allein seine Richtung muss der Autor noch finden.

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