Geschichte einer Flucht aus Afrika Die Welt liegt jenseits des Ozeans
Toumani wird im Alter von sechs Jahren für umgerechnet 23 Euro verkauft. Er ist einem Tyrannen zu Diensten, der ihn mißhandelt, und dem er erst als seelisch und körperlich Versehrter entkommt - zum Krüppel geschlagen. Aber seinen Glauben an seine zentralafrikanische Heimat verliert er nicht.
Anders als die Titelfigur in Ryad Assani-Razakis Roman "Iman", die wie Toumani entwurzelt in einer Stadt lebt, die den Jugendlichen nichts bietet außer Jobs als Tagelöhner. Es sei denn, sie sind bereit, ihren Körper zu verkaufen oder sich den Gang-Kriegen und der Kriminalität zu überlassen. Über allem schwebt das Vermächtnis der ehemaligen Kolonialmacht, die für die perspektivlosen Afrikaner Fluchtpunkt bleibt. Iman, Anfang der achtziger Jahre von einem französischen Geschäftsmann und einer Afrikanerin gezeugt, will ins gelobte Land jenseits des Meeres. Er ist eine Symbolfigur unserer Gegenwart, in der jährlich Tausende in überfüllten Booten die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa wagen, um dort oft genug nie anzukommen.
Der Emigrant Assani-Razaki, der 1981 in Benin geboren wurde und mittlerweile als Informatiker in Kanada lebt, erzählt in seinem Buch die Vorgeschichte dieser Menschen, die ihr Leben im Meer lassen, auf Lampedusa stranden oder als Fremde in Paris, Rom oder Hamburg arbeiten. "Die Welt gehört uns allen", lässt Assani-Razaki seine Figur Iman einmal sagen. Diese Welt ist die Welt, in der es sich lohnt zu leben; sie liegt, wenn es sie denn gibt, außerhalb Afrikas, das ist die traurige Botschaft des Romans, der ein düsteres Bild des Kontinents zeichnet.
Vom Bildungsroman zum Endspiel
"Iman" ist die zweite Veröffentlichung Assani-Razakis nach einem Erzählungsband und spielt in den Jahren zwischen 1965 und dem Jahrtausendwechsel. En passant erzählt der Roman von den Umwälzungen in dem Land, das allem Anschein das Geburtsland seines Autors ist, vor allem aber erzählt er von seinen Menschen: von den ungleichen Freunden Toumani und Iman, von Imans strenggläubiger Großmutter Hadscha und seiner Mutter Zainab, die gegen die archaischen Gesetze des Zusammenlebens rebelliert. Von Alissa, die wie Toumani im Kindesalter in die Stadt verkauft wird.
Iman, Toumani und Alissa hängen an einem elastischen, unsichtbaren Band, das sie einander gleichzeitig nahebringt und entfernt. Alissa steht zwischen Iman, der gehen, und Toumani, der bleiben will. Für ihre Generation gibt es nichts mehr zu hoffen - in Assani-Razakis Afrika ist die Wellblechhütte im Armenbezirk Endstation allen Strebens. Und so wird aus einem Bildungsroman junger Schwarzafrikaner ein Endspiel um alles, wird die existenzielle Frage, ob man dem tristen Schicksal nur durch das Besteigen eines Schiffes entkommen kann, zum Drama im Telenovela-Format. Eifersucht, Herzschmerz, pathetische Bekenntnisse - Assani-Razaki scheucht seine Protagonisten im letzten Buchdrittel erbarmungslos in den emotionalen Grenzbereich, das einem als Leser von all den gefühlsmäßigen Wendungen ganz schwindelig wird. Gleichzeitig entscheidet sich Assani-Razaki im Finale dieses manchmal sprachlich und formal allzu konventionellen Romans nachdrücklich für das allegorische Erzählen.
In dessen Logik muss eine Figur für das hässliche, grausame und widerwärtige Afrika stehen, die andere für Schönheit und Anmut, für das gute Afrika, in dem sich der Einfluss der westlichen Welt bemerkbar macht. Die überdeutlich herausgearbeitete Opposition erscheint plump, wird aber abgemildert durch die wenig romantischen Vorstellungen, sie sich mit der Welt jenseits des Ozeans verbinden. Eine der in "Iman" auftretenden Gestalten war schon mal da, aber sie ist zurückgekommen, um doch noch in ihrer Heimat glücklich zu werden. Was sie in Europa fand, war ein Leben am Rande der Gesellschaft: "Es gab eine Zeit, in der ich nicht mehr wusste, was es heißt, ein Mensch zu sein".
Und so ist "Iman" am Ende ein zutiefst moralisches Buch, das nicht nur von Afrika, sondern auch von Europa erzählt. Es zeigt, was Menschen dazu bewegt, alles hinter sich zu lassen, obwohl das, was vor ihnen liegt, nur ein kälteres Spiegelbild des alten Lebens ist.
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