Forschungsband über queere Flüchtlinge Der Wunsch nach mehr Sensibilität

Wenn die Diskriminierung weitergeht: Nach Angaben von NGOs sind rund fünf Prozent der Geflüchteten in Deutschland queer - ein Sammelband will mehr Aufmerksamkeit für das Thema schaffen.
Die deutschen Behörden hatten laut Ibrahim Mokdad "keine Ahnung, was zu tun war"

Die deutschen Behörden hatten laut Ibrahim Mokdad "keine Ahnung, was zu tun war"

Foto: Joerg Meier

Im November 2015 kam Ibrahim Mokdad nach Deutschland. Der 28-Jährige war aus dem Libanon geflüchtet, weil er homosexuell ist. Nach Gewalt und Diskriminierung, die darin gipfelten, dass Mokdad aus dem dritten Stock eines Hauses geworfen wurde, flüchtete er über die Balkanroute nach Deutschland. Doch schon kurz nach seiner Ankunft und dem Versuch, Asyl zu bekommen, verpufften seine Träume von Freiheit und Frieden. Im Flüchtlingscamp sei er angefeindet geworden, die Behörden, die von seinem Asylgrund wussten, hätten ihm auch nicht geholfen: "Weil sie entweder homophob waren, mit solchen Fällen nicht vertraut waren, oder keine Ahnung hatten, was zu tun war."

So schildert es Mokdad in dem Band "Refugees & Queers", der zu einer 2016 in Dresden stattgefundenen Fachtagung herauskam und nun im transcript Verlag erscheint. Der 175 Seiten starke Band will einen differenzierten Dialog zwischen LSBTTIQ-Geflüchteten, Migrant/innen-Selbstorganisationen, Fachkräften, Unterstützungsorganisationen und universitärer Forschung einleiten.

15 AutorInnen kommen in elf Texten aus Theorie und Praxis auf Deutsch und Englisch zu Wort, geordnet nach den Themen "Forschungsethik und Forschungspraxis", "Politischer Diskurs und Asylverfahren und Selbstorganisation" und "Sensibilisierung für Haupt- und Ehrenamtliche". Der Mix aus eher theoretischen Texten und dringlichen Schilderungen menschlicher Schicksale macht "Refugees & Queers" sehr lesenswert. Der Band könnte dazu beitragen, auch unter Nicht-WissenschaftlerInnen eine Diskussion über ein vielseitiges Thema anzufachen.

Zu Wort kommt zum Beispiel Zülfukar Cetin, Professor für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Er legt dar, wie qualitative Forschung mit verwundbaren Gruppen funktionieren könnte, die oft von der eigenen Fluchtgeschichte gebeutelt sind. Voraussetzung sei unter anderem, dass WissenschaftlerInnen genug theoretisches und gesellschaftspolitisches Wissen über 'ihren' Forschungsgegenstand besitzen - nur so könnten Stereotypisierungen vermieden und diskriminierende Fremdzuschreibungen korrigiert werden, und nur so können dann auch die Teilnehmenden verlässliche Informationen liefern.

Mehr Sensibilität wünscht sich auch Marlen Vahle vom Kölner Flüchtlingsrat e.V., die die rechtliche Situation queerer Geflüchteter betrachtet. Sie zeigt auf, dass die deutsche und europäische Gesetzgebung zwar sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität als Asylgründe anerkennt, jedoch "die Implementation des geltenden Rechts durch das Bamf defizitär" sei - das Amt würde das 2013 ergangene Urteil des Europäischen Gerichtshofs "nicht immer befolgen".

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Refugees & Queers: Forschung und Bildung an der Schnittstelle von LSBTTIQ, Fluchtmigration und Emanzipationspolitiken (Queer Studies, Bd. 17)

Verlag: transcript Verlag
Seitenzahl: 178
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Dieses regelt, dass eine Asylablehnung nicht damit begründet werden darf, dass die sexuelle Orientierung im Herkunftsstaat geheim gehalten werden könne, um Verfolgung zu entgehen. "Dies zeigen verschiedene Fälle, die an den Kölner Flüchtlingsrat e.V. herangetragen worden sind." So wie der von der lesbischen Marokkanerin Ihsan, deren Asylantrag abgelehnt wurde, weil "Homosexualität in Marokko toleriert werde, solange sie im Verborgenen gelebt wird."

Ungewisses Schicksal

Tatsächlich werden homosexuelle Handlungen dort mit Haft zwischen sechs Monaten bis zu drei Jahren geahndet - und Ihsan vom Vater mit dem Tod bedroht. Laut Vahle ist das Vorgehen des Bamf im Fall der lesbischen Marokkanerin kein Einzelfall. Dem Kölner Flüchtlingsrat seien in den Jahren 2016 bis 2017 viele ähnliche Fallkonstellationen bekannt geworden.

Als Ibrahim Mokdad 2015 herausfand, dass es in Deutschland keine dokumentierten Fälle von Gewalt und Diskriminierung gegen LGBTIQ-Geflüchtete in Flüchtlingscamps gab, schrieb er seine Erfahrungen auf. Nachdem er über soziale Netzwerke mit anderen Geflüchteten in Kontakt kam, fand er einen Job und schuf Webseiten, auf denen sich Geflüchtete vieler Länder tummeln und sich auf Arabisch, Englisch, Persisch und Dari austauschen.

Er gründete auch "Sofra Cologne", einen monatlichen Treffpunkt für Geflüchte aus NRW. Die Facebookseite von "Sofra" (Arabisch für "Esstisch)" hat inzwischen 734 Mitglieder. Mokdad geht es jetzt gut, er sagt: "Ich hoffe, dazu beitragen zu können, eine sicherere Welt zu schaffen, in der jeder sein volles Potenzial entfalten kann und gleichermaßen geschützt und respektiert wird." In seinem Fall hat es mit der Integration also geklappt, er wird gern als glänzendes Beispiel geführt:

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Ob es den anderen fünf Prozent queeren Geflüchteten (laut Flüchtlingsrat NRW sind es so viele in Deutschland) ebenso gelingt, bleibt dahingestellt. Das Schicksal von Ihsan ist jedenfalls ungewiss, Vahle klärt es in dem Band nicht auf. Nach einem glatten Happy End klingt das zumindest erst mal nicht.