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Forsyth gegen le Carré: Söldner, Spion, Schakal

Foto: Britta Gürke/ dpa

Forsyth gegen le Carré Sind wir Schlappschwänze oder Schurken?

Duell der Altmeister: John le Carré und Frederick Forsyth haben den Politthriller geprägt. Jetzt erscheinen ihre neuen Romane - sie könnten kaum unterschiedlicher sein. Forsyth hält die westlichen Gesellschaften für verweichlicht, le Carré weiß: Wir tun Böses im Namen des Guten.

Man hatte sich immer gefragt, ob sich nicht doch ein Schuldiger dafür finden lässt, dass der Mensch von Blumen über Vögel bis hin zu halben Völkern fast alles ausrottet - das Verbrechen aber noch nie auf einer roten Liste aufgetaucht ist.

Wer Frederick Forsyth liest, weiß schnell, an wem es liegt: an uns. Am Westen. Nicht etwa, weil wir selbst Böses tun, nein, weil wir besessen sind - "besessen von den Menschenrechten". Da kommt der beste Exorzist nicht weiter. Kein Wunder, dass "New Yorker Bürgerrechtsanwälte" dafür sorgen, dass "80 Prozent" der Verbrecher durchkommen. Einem Mann wie Forsyths Figur Paul Deveraux bleibt da nur der Rückzug ins Privatleben. Hat er doch einen entscheidenden Fehler: "Zu rücksichtslos. - Gegenüber den Kollegen? - Nein, Sir. Ich glaube gegen unsere Feinde."

Ein Dialog, den der Direktor der amerikanischen Homeland Security in Frederick Forsyths Thriller "Cobra" mit dem US-Präsidenten führt - doch der Eindruck täuscht, "Cobra" ist kein Roman aus einer Epoche, in der es die USA versäumt hätten, Stärke zu zeigen. "Cobra" ist 2010 erschienen und spielt sogar 2011. Doch das Buch liest sich, als hätte es rückwirkend noch einer indirekten Rechtfertigung von Abu Ghuraib und Guantanamo bedurft: Gebt mir eine mit allen Vollmachten ausgestattete Gang weißer Männer - und jedes Problem lässt sich aus der Welt schaffen! Und so wird Paul Deveraux, Jesuitenschüler, jahrzehntelanger CIA-Mann in leitender Position, "politische Korrektheit ist ihm zuwider", reaktiviert, um mit einer Spezialorder des Präsidenten in den Kampf zu ziehen. Sein Auftrag: die Welt vom Kokain zu befreien.

"Cobra" ist Frederick Forsyths 13. Roman. Erschienen ist er fast gleichzeitig wie "Verräter wie wir", das neue, 23. Buch von John le Carré. Die beiden Altmeister des britischen Spionage- und Weltverschwörungsthrillers im Duell. Fast schon Stoff für einen eigenen Roman. Doch wenn die beiden sich persönlich begegneten, würden sie es wohl beim Austausch von Floskeln belassen. Zu unterschiedlich sind ihre Bücher, zu verschieden ist ihr Blick auf die Welt. Hier Forsyth, der sich kokett "Söldner der Schreibmaschine" nennt. Dort le Carré, der zur "FAZ" sagte: "Die meisten meiner Bücher handeln tatsächlich von ein und derselben Frage: Was sind wir unserer Menschlichkeit schuldig?"

Viriles Schnurren

Wie bedauerlich, dass es nicht Frederick Forsyth war, der Perry Makepiece erfunden hat, sondern John le Carré. Makepiece, Dozent in Oxford, Vater "militanter Pazifist", Großvater "bekennender Sozialist", Gründer des Vereins "Akademiker gegen Folter", wäre genau der Sparringspartner für Deveraux gewesen, an dessen Beispiel Forsyth die Weichheit des Westens in allen Verästelungen hätte darlegen können.

Doch Forsyth verzichtet auf unnötige Schlenker, auf Nachdenken, auf alles, was die Handlung ins Stocken bringt - dazu gehört bei ihm auch Sex. In "Cobra" gibt es exakt eine Frau. Ein Mädchen, das sich reinlegen lässt. Forsyth beherrscht das Handwerk, einen Interkontinental-Thriller ins Rollen zu bringen, seine stilistischen Mittel sind nicht allzu raffiniert ("Auf der anderen Seite des Atlantiks graute der Morgen"), aber funktionstüchtig. Wenn die Geschichte doch einmal aus ihrem Korsett ausbricht, dann, weil sich Forysth kleine Nachlässigkeiten des Alters erlaubt: Plötzliches, unangebrachtes Räsonieren über eine Begegnung zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem damaligen britischen Premierminister Harold Wilson Mitte der Siebziger oder eine Szene, in der die Besatzung eines Containerschiffs im Hamburger Hafen von Bord geht, "um in den Bars der Reeperbahn einzufallen". Warum nicht gleich in einen Beatschuppen? Der Autor war offensichtlich schon sehr lang nicht mehr auf der Reeperbahn.

Forsyth ist 1938 geboren. John le Carré, bürgerlich David Cornwell, ist knapp sieben Jahre älter. Anders als Forsyth, der so schreibt und denkt, als wären seit seinem ersten Bestseller, "Der Schakal" von 1971, erst ein paar Monate vergangen, hat le Carré einen weiten Weg zurückgelegt, seit er 1963 berühmt wurde mit der Agentengeschichte "Der Spion, der aus der Kälte kam." Damals war er noch merklich von den schäbigen Welten Graham Greenes beeinflusst.

"Verräter wie wir" dagegen ist eine von virilem Schnurren durchzogene, geradezu muskulös erzählte Geschichte. Das mag auch an Dima liegen, einem Moskauer Geldwäschefürsten, schwer tätowiert, markig radebrechend - und, da er keine Forsyth-Figur ist, spielen Bettgeschichten in Dimas Werdegang durchaus eine Rolle: "Muss unsere Mutter Drecks-Apparatschik ficken, damit wir Essen haben, Seife haben" schimpft er. Klar, dass Dima den Mann abknallt. Er wandert ins Straflager. Dort beginnt, geradezu sinnbildlich für das postsowjetische Russland, sein Aufstieg in der Mafia. Ausgerechnet mit Hilfe des Oxford-Dozenten Perry Makepiece versucht Dima, mit dem britischen Geheimdienst ins Geschäft zu kommen.

Wahrhaftigkeit gegen Allmachtsphantasien

Le Carrés Roman bietet einige eindringlich und plastisch gezeichnete Figuren, darunter besonders Hector, das Gegenstück zu Forsyths Paul Deveraux. Beide Elder Statesmen der internationalen Konspiration, bei denen die Stärken und Schwächen ihrer Erfinder genau zutage treten. Wirkt Forsyths Deveraux wie eine gründlich gebügelte, kleinkariert gemusterte Hose, so ist Hector wie ein zerknitterter Cordanzug, voller Charakter und Geschichte.

Die Mafiaverbindungen, die Dima offenzulegen ankündigt, drohen bei le Carré schließlich in die obersten Ränge der im Roman noch amtierenden New-Labour-Regierung zu führen - eine Wendung, die Forsyth gefallen könnte. Nannte er Tony Blair doch "den schlechtesten britischen Premier der letzten hundert Jahre". Forsyth lässt in "Cobra" als nicht ganz unsympathische Nebenfigur den jetzigen Amtsinhaber David Cameron auftreten. Le Carré dagegen hat einmal berichtet, er habe nach der Wahl Blairs "vor Freude geweint". Erst später nahm er das "Ausmaß der Verlogenheiten wahr" - und den Abbau der Bürgerrechte.

Offenbar geht der Forsyth aber noch nicht weit genug. Sonst würde sich in "Cobra" wohl kaum die Situation ergeben, dass Volksvertreter darüber nachzudenken beginnen, wie ihr Handeln beim Volk eigentlich ankommt. Für Forsyth ein Zeichen der Schwäche - man kann sein Buch auch als Ausdruck der Sehnsucht nach einem starken Mann verstehen.

Bei le Carré nimmt die Sache einen ambivalenteren Verlauf. Die Regierung entzieht einen Mann dem Zugriff der Mafia, indem sie wie die Mafia handelt. Verbrecherisches Handeln, das wird klar bei le Carré, gibt es nicht nur dort, wo wir das Böse vermuten - es geschieht auch im Namen des Guten. Das mag eine bittere Erkenntnis sein. Doch sie ist wahrhaftiger als die Allmachtsphantasien des Frederick Forsyth.