Afrika-Bilder von Pieter Hugo Generation Hoffnung

In seiner Serie "1994" zeigt der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo jene Generation, die nach Ende der Apartheit und dem Genozid in Ruanda auf die Welt kam. Es sind Porträts der Hoffnung.

Pieter Hugo/ Prestel

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Da liegt ein Junge längs im Gras, etwas schief und ganz starr. Der zu große Hut ist leicht vom Kopf gerutscht, der Kittel voll rötlichen Staubs, die Hände wie zum Gebet auf den Bauch gelegt. Für den Schockteil einer Sekunde wirkt das Kind wie tot. Doch dann entdeckt man seinen tiefen, ruhenden Blick.

Diese Unsicherheit zwischen Leben und Tod gehört untrennbar zu seiner Generation: Er ist nach Ende der Apartheid geboren, nach dem Genozid in Ruanda. Also nach 1994, deshalb benannte der Kapstädter Fotograf Pieter Hugo seine neue Werkserie nach diesem Jahr. Hugo ist bekannt geworden mit Arbeiten, die die Spuren der Kolonialzeit bis heute in der afrikanischen Gegenwart zeigen.

Er hatte als Reportagefotograf angefangen, bis er 2004 die Zeit nach dem Genozid in Ruanda dokumentieren sollte. Damit änderte sich seine Haltung zu seiner Arbeit und seinem Leben: "Ich fand, ich sollte mehr tun, als nur Texte zu bebildern", sagte er, selbst Jahrgang 1976, einmal in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Dass in Südafrika vor allem Landschaftsaufnahmen entstanden, steht für die Abwesenheit der Portraits."

Nun hat er diese Portraits nachgeholt, in Bildern von sanfter Wucht. Zeigte er bislang vor allem die Leerstellen, das Fehlen derjenigen, die ihr Leben verloren, bildet er nun mit liebevoller Konsequenz das Danach ab: jene, die keine Bilder vom Leben in Ruanda und im Apartheids-Südafrika in ihrem Gedächtnis haben, sondern diese Zeit nur aus Erzählungen kennen.

Bilder ohne Kontext - und damit hierarchiefrei

Auch diese Generation muss sich mit ihrer Vergangenheit befassen - wie lange es dauert, Geschichte aufzuarbeiten, wissen Europäer nur zu gut. Aber es ist leichter als bei jenen, denen sich die Traumata noch direkt in ihre Körper einschrieben. "Ich beneide sie", sagt Pieter Hugo.

Ein Mädchen in einem goldenen Paillettenkleid mitten in die Erde gekuschelt, ein kleiner pummeliger Junge im blauen Top in der Wiese. Die einen tragen Kleider, die eher an Abendgarderobe erinnern, mit Spitze und Volants; die anderen alles von Jeansanzug über zerrissene Hosen oder nichts, mit Hortensienkranz auf dem Kopf. Sie liegen auf riesigen Steinen, am Rande eines Bachs, stehen im hellen Blumenfeld, lehnen sich an Baumwurzeln.

Pieter Hugo/ Prestel

Doch der Kontext, er fehlt. Sind die Szenen innerhalb eines Anwesens oder am Rande eines Dorfs? Der Bildausschnitt, den Pieter Hugo so schlau wählte, ist immer gleich eng. Und damit hierarchiefrei. So befreit er die Landschaften geradezu, die er mitportraitiert. Denn sie tragen den Genozid in sich, die Ära der Apartheid - Phasen, in denen sich Macht und Unterdrückung auch immer räumlich einschrieben.

Die Aufnahmen seien mit den Kindern entstanden, erklärte Pieter Hugo, als die Bilder im Sommer erstmals in Kapstadt zu sehen waren, viele hätten sich auch selbst in Szene gesetzt. Allein das verdeutlicht, wie sehr es ihm darum geht, Hierarchien zu durchbrechen. Und wirklich: Seine Protagonisten sind zwar Bildobjekte, aber ganz fraglos die Subjekte hier - sie halten ernst jedem Blick stand. Mit zögernder Offenheit schauen sie direkt in die Kamera, in die Augen des Betrachters. Als wüssten sie um ihre Verantwortung. Und würden Versionen ihrer Zukunft spielerisch anprobieren, wie die Kleider, die sie tragen, immer auf der Grenze zur Verkleidung.

Referenzen zum europäischen Bilderkanon

Gerade wegen des strengen Formats fällt der Fokus auf ihre Körperhaltung. Ihre Positionen wirken aus hiesiger Sicht seltsam vertraut. Wie schon in seinen Serien "Permanent Error" und "This Must Be the Place" ruft Hugo den klassischen, westeuropäischen Bilderkanon auf. Mit Aufnahmen, die an die im Wasser schwebende Ophelia erinnern, an Pastorales flämischer Meister, an lässig hindrapierte Tizianfiguren. Die einen schwarz, die anderen weiß, die einen Nachfahren der Unterdrückten, die anderen der Unterdrücker, bei Pieter Hugo sind diese Hierarchien unsichtbar.

Doch jene Referenzen sind wie ein fernes Echo in einem unerwarteten Setting, dazu die teils erwachsen wirkenden Kleider, mitten in Staub und Wasser: Damit schafft Pieter Hugo jene Unwägbarkeiten, die ihm so wichtig sind. Der Boden, auf dem wir stehen, er wankt.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:48 Uhr
Ohne Gewähr

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PJ Hugo, Ashraf Jamal
Pieter Hugo 1994

Verlag:
Prestel Verlag
Seiten:
92
Preis:
EUR 9,95

Ihm sei bewusst, dass der Raum, in dem er sich bewege, problematisch sei, erklärte Pieter Hugo damals im SPIEGEL-ONLINE-Interview - als weißer Mann sei sein Erbe nun mal die Kolonialmachtsgeschichte. Es geht ihm darum, diese Kluft, die Entfremdung, die Machtstrukturen zu thematisieren. Und versetzt ganz konsequent sich selbst und die Betrachter in einen andauernden Unruhezustand.

Nelson Mandela zitierte 1994 in seiner Rede zum Ende der Apartheid ein Gedicht, das die Südafrikanerin Ingrid Jonker nach dem Sharpeville-Massaker geschrieben hatte. "The child is not dead", das Kind ist nicht tot, heißt es da immer wieder. Es werde losziehen, durch ganz Afrika, durch die Welt - frei. Man kann nur hoffen: Mögen die Kinder, die jetzt in Aleppo oder Nigeria oder in irgendeinem Flüchtlingslager im Dazwischen gefangen sind, starke Kinder bekommen, wie Pieter Hugo sie uns nun zeigt.


Ab 19.2. zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg eine große Einzelausstellung von Pieter Hugos bisherigen Arbeiten.

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