Frank Apunkt Schneiders "Deutschpop halt's Maul!" Die verspätete Popnation

Eine prima Schmähschrift: Frank Apunkt Schneiders Musikbuch "Deutschpop halt's Maul! Für eine Ästhetik der Verkrampfung" analysiert die Verknuffisierung des früher einmal schrägen Sounddesigns deutscher Popmusik.

Frank Apunkt Schneider: Bambergs führender Pop-Theoretiker
Ventil Verlag

Frank Apunkt Schneider: Bambergs führender Pop-Theoretiker


2015 war das Jahr, in dem die Top Ten der deutschen Albumcharts erstmals komplett mit deutschsprachigen Werken belegt waren. Für den Bamberger Pop-Theoretiker Frank Apunkt Schneider muss jene Woche im Juni die endgültige Bestätigung seiner These von Deutschland als "verspäteter Popnation" gewesen sein. Eine Entwicklung, die er seit der Wiedervereinigung beobachtet, verstärkt aber seit 1998 und dem Regierungsantritt der rot-grünen Koalition: Seither gehöre "Popkompetenz zur Grundausstattung der Politik".

Dabei war die Rolle von Pop einmal eine ganz andere, argumentiert Schneider in seiner schmalen, aber sehr pointierten Streitschrift: Pop sei in der Nachkriegszeit eine der erfolgreichsten Umerziehungsmaßnahmen der Alliierten gewesen, englische Songs hätten dem Denken der jungen Deutschen neue Möglichkeiten eröffnet: "Popkultur als Alternative zu Volksgemeinschaft und Scholle."

Wenn Deutsche aus der Konsumentenposition auf die Seite der Macher wechselten, ging das selten ohne Verkrampftheiten vor sich, sei es im ungeübten Umgang mit dem Englischen, oder durch die Brüche in der Tradition des Liedtextens in deutscher Sprache.

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Diese "antideutsche Popgeschichte" des Autors für linke Magazine wie "Testcard" oder "Skug" zu lesen, ist lohnend für alle an Musik Interessierten, denen da nicht der politischen Gesinnung wegen gleich die Hutschnur hochgeht. Schneider buchstabiert seine Position durch bis zu einer "Ästhetik der Verkrampfung", positiv konnotiert.

Doch sie sei in der Defensive, seit dem "Entkrampfungsbefehl der Berliner Republik". Am schlimmsten findet der mit Post-Punk und Indie-Rock aufgewachsene Schneider dabei, was Gitarrenbands heute machen: "Alle, was an deutschem Pop einmal sperrig, schräg, übers Knie gebrochen und incredibly strange war, wird mit hemdsärmeligem Familienausflugs-Groove und knuffigen Indiegitarren übertüncht." Ein prima Geschenk für Freunde der durchdachten Schmähkritik also!

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