Frankfurter Appell Schriftsteller fordern Rücknahme der Rechtschreibreform

Rund 100 Prominente und Schriftsteller, darunter Günter Grass, Martin Walser und Ralph Giordano, haben auf der Frankfurter Buchmesse die Rücknahme der Rechtschreibreform gefordert. Die alten Schreibweisen sollen schnellstmöglich wieder eingeführt werden.


Reformgegner Walser: "Experiment beenden"
DDP

Reformgegner Walser: "Experiment beenden"

Frankfurt/München - Die Liste der Unterzeichner des so genannten Frankfurter Appells ist prominent besetzt: Günter Grass, Martin Walser, Ulla Hahn, Elfriede Jelinek, Hans Magnus Enzensberger und Ralph Giordano zählen erneut zu jenen Literaten, die sich für die sofortige Rücknahme der Rechtschreibreform einsetzen. Sie fordern die Kultusminister der Länder auf, "nach acht Jahren zunehmender Verwirrung das Experiment Rechtschreibung zu beenden". Viele der Beteiligten haben sich in den vergangenen Jahren schon oft und in verschiedenen Initiativen gegen die Reform zur Wehr gesetzt. Grass, Walser und Enzensberger engagierten sich bereits 1997 im Rahmen des "Frankfurter Appells".

Auch der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz hat sich den Angaben der Initiatoren zufolge dem Appell der rund 100 Prominenten angeschlossen. Der Erlanger Germanistikprofessor Theodor Ickler sagte vor Journalisten in Frankfurt am Main, die alte Rechtschreibung müsse wieder eingeführt werden. Während einer großzügigen Übergangszeit solle aber auch die reformierte Rechtschreibung gültig bleiben. Wörterbücher sollten - ähnlich wie Schulbücher - künftig einem Genehmigungsverfahren unterzogen werden, schlug er vor. Sprache habe ihre Gesetzmäßigkeiten: "Wenn man eine Substantivgroßschreibung hat, kann man 'leid tun' nicht groß schreiben."

Kritik übten die Rechtschreibreformgegner an der 23. und neuesten Auflage des Dudens. Hier werde unter der Hand ein Rückbau der Reform betrieben, dies aber nur halbherzig, sagte Krieger. Die Folge: Alle anderen seit 1996 erschienenen Wörterbücher seien wertlos, und alle müssten erneut umlernen.

Der "Frankfurter Appell" wurde von dem Gymnasiallehrer Friedrich Denk initiiert, der bereits 1996 die "Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform" veröffentlicht hatte. "Die Ankündigung mehrerer Zeitungsverlage, zur bewährten Rechtschreibung zurückzukehren, und die zahllosen Änderungen im 23. Duden haben die Kritik von neuem bestätigt", heißt es in dem Aufruf, den - neben anderen - auch die Autorin und Ex-Schauspielerin Marianne Koch, Sybil Gräfin Schönfeldt, Siegfried Lenz, Thomas Hürlimann, Tilmann Spengler und die Witwe des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, Ulla Berkéwicz, unterzeichnet haben.

Die "Süddeutsche Zeitung" kündigte unterdessen an, nicht zur alten Rechtschreibung zurückzukehren und die weitere öffentliche Diskussion zunächst abwarten zu wollen.

Das Thema Rechtschreibreform wird bei der nächsten Kultusministerkonferenz (KMK) am 14. und 15. Oktober im Saarland auf der Tagesordnung stehen. Eine wichtige Rolle dürfte dabei der vom KMK-Präsidium vorgeschlagene "Rat für deutsche Rechtschreibung" spielen, der künftig den "Schriftgebrauch der deutschen Sprache beobachten und Vorschläge zur Weiterentwicklung der Rechtschreibung erarbeiten" soll.

Auf ihrer am Donnerstag beginnenden zweitägigen Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) in Berlin werden auch die Ministerpräsidenten der Bundesländer über die Rechtschreibreform beraten. Die große Mehrheit der Bundesländer will offenbar nach an der Reform festhalten. Für Korrekturen hatten sich im Streit um die neuen Regeln vor allem Bayern, Niedersachsen und das Saarland ausgesprochen.



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