Margarete Stokowski

Buchmesseboykott »Wir« müssen gar nichts aushalten

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Man müsse auch andere Meinungen aushalten, hieß es zum Buchmesseboykott einer bedrohten Autorin. Klar kann man das, aber muss man? Wie viel Risiko muss man eingehen, während andere überhaupt keins eingehen?
Für weite Teile des Literaturbetriebs ist die Buchmesse vor allem eine Wohlfühlveranstaltung – für bedrohte Autor*innen ist sie gefährlich

Für weite Teile des Literaturbetriebs ist die Buchmesse vor allem eine Wohlfühlveranstaltung – für bedrohte Autor*innen ist sie gefährlich

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Sebastian Gollnow / dpa

Es gehört ganz grundlegend zum Phänomen »Buchmesse«, über die Buchmesse zu meckern: Früher waren die Partys wilder, die Häppchen größer und die Freigetränke mehr, alle haben zu eng getaktete Termine, außerdem ist in den Hallen schlechte Luft und schlechtes WLAN, am Ende sind alle übermüdet und erkältet. Trotzdem ist die Buchmesse für weite Teile des Literaturbetriebs vor allem eine Wohlfühlveranstaltung: Man sieht alte Bekannte wieder, man lernt neue Leute kennen, man trinkt viel Sekt und feiert, man lästert über Richard David Precht und gibt damit an, dass man schon wieder ein Buch am Suhrkamp-Stand geklaut hat.

Fast alle meckern, und fast alle fahren beim nächsten Mal wieder hin, und alles fängt von vorn an. Ich bin selbst Teil dieses Spiels, ich war seit 2012 auf jeder Buchmesse, außer ein Mal wegen Krankheit, und dieses Jahr auch nicht, wegen Pandemie. Als die Diskussion um Jasmina Kuhnkes Boykott der Buchmesse losging, war ich eigenartig froh, dass die Messe für mich diesmal eh ausfiel. Denn der erwartbare Tenor des Literaturbetriebs war die Reaktion: Das Naziproblem gibt es hier schon länger, aber hinfahren muss man natürlich trotzdem! Stößchen! Auf die Literatur! – Sie hätten auch sagen können: Endlich wieder Buchmesse, die schwarze Frau soll uns mal nicht die Stimmung verderben mit ihrer angeblichen Bedrohungslage.

Jasmina Kuhnkes Absage ging über das übliche Buchmesse-Meckern hinaus. Kuhnke wird seit Langem regelmäßig rassistisch beleidigt und bedroht , im Frühjahr musste sie mit ihrer Familie umziehen, nachdem ihre Adresse veröffentlicht worden war und dazu aufgerufen wurde, sie zu »massakrieren«. Eigentlich hätte sie auf der Messe ihren Roman »Schwarzes Herz« vorstellen sollen , in dem es um eine Frau geht, die als Schwarze unter Weißen aufwächst und dabei Unmengen von Ausgrenzung und Demütigung erlebt, dazu psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt. Sie sagte ab, als sie erfuhr, dass auf der Messe der Verlag eines rechtsextremen Aktivisten ausstellen würde. Eines Aktivisten, der zuvor schon mal die »Abschiebung« Kuhnkes gefordert hatte und der verdächtigt wird, 2017 an einem vermummten Angriff auf einen Fotografen beteiligt gewesen zu sein.

Viele Reaktionen des Feuilletons auf diese Absage lassen sich zusammenfassen mit: »Hä? Wieso denn?« Weiße Literaturredakteure, die seit Jahrzehnten auf jeder Buchmesse waren, verstehen das Problem nicht oder werfen Kuhnke sogar vor, mit ihrer Absage Nazis großzumachen. In der  »taz « hieß es , es sei »nicht die richtige Form der Solidarisierung«, wenn andere Autor*innen aus Solidarität mit Kuhnke ebenfalls nicht zur Messe fahren würden: »Aus einem Grund, der banaler klingt, als er ist: weil man dann nicht auf der Messe ist. Man würde die dort gelebte Diversität verkleinern.« In der »FAZ« hieß es , nur weil der Verfassungsschutz irgendwelche Rechtsextremen als Verdachtsfall einstufe, könne das nicht »die Auseinandersetzung mit unliebsamen politischen Ideen ersetzen«. Unliebsam wohlgemerkt, nicht etwa: gefährlich. Nichts verstanden.

Im »Tagesspiegel« wurde gemunkelt , ob es Kuhnke mit ihrer Absage nicht einfach um »medienwirksamere Resonanz« gegangen sei. Auf Twitter schrieb eine Frau, Kuhnkes »PR-Aktion« sei »das Gegenteil von Zivilcourage« und Kinder bräuchten »starke Vorbilder«. Kuhnke antwortete, ihre Kinder hätten kein Verständnis, wenn sie sich in lebensbedrohliche Auseinandersetzungen begebe, und dass es ja wohl die beste PR gewesen wäre, wenn sie sich auf der Buchmesse hätte umbringen lassen, dann wäre sie »safe« auf Platz eins der Bestsellerliste gekommen.

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Es mangelte nicht an Stimmen, die Kuhnke erklärten, wie sie sich besser verhalten hätte. Auf shz.de hieß es , Kuhnke habe »die Buchmesse beschädigt«. Im »Neuen Deutschland« hieß es , Boykott sei falsch, denn man müsse Faschisten »mit rhetorischer Verve« begegnen, sich »in Akzeptanz üben«, »die eigene Bubble verlassen«, »mit den Mitteln des Wortes kämpfen«, und man fragt sich, Junge, wo warst du die letzten Jahrzehnte? Und der Soziologe Aladin El-Mafaalani erklärte : »Ich war mal Punk. Ich meide einen Ort nicht, weil da Faschos sind. Im Gegenteil, ich gehe da gezielt hin. Das ist meine Idee von Widerstand.«

Es mangelte auch nicht an Stimmen, die Kuhnkes Bedrohungslage in Zweifel zogen. Im »Standard«  nannte man Kuhnke eine »Kämpferin gegen ›Nazis‹«, also »Nazis« in Anführungszeichen. Die Autorin Jagoda Marinić verwies auf Salman Rushdie, der 2015 zur Messe gekommen sei, obwohl ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war, und dass es ja Sicherheitskonzepte gebe.

Vonseiten der Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hieß es derweil, dass Meinungsfreiheit »das höchste Gut ist« und man hier einen Konflikt habe, »mit dem wir leben müssen«. Als herauskam, dass der oben genannte Rechtsextreme in einem Podcast erklärt hatte, man könnte einem »taz«-Redakteur, der über Rechtsextreme schreibt, auf der Messe eine Glatze rasieren und ihm »Deutschland« in Fraktur ins Gesicht tätowieren, hieß es vom Justiziar der Buchmesse, das sei ja wohl »ironisch« gewesen . Alles klar. Und Buchmessedirektor Boos erklärte: »Wir müssen auch die Präsenz von Leuten aushalten, die ich nicht gerne hier habe.«

Das Ding ist: Es geht nicht um Leute, die man »nicht gerne« irgendwo hat. Es geht nicht darum, ob Ideen »unliebsam« sind. Es geht nicht darum, ob theoretisch genug Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden könnten. Und es geht auch nicht darum, dass »wir« was »aushalten müssen«. Welches »wir«?

Wie viel Risiko muss man eingehen, während andere überhaupt keins eingehen?

Klar kann man auch als bedrohte Autorin auf eine Buchmesse gehen. Man geht dann aber eben anders hin als Leute, die noch nie einen Konflikt mit Nazis hatten oder nie bedroht werden. Ich war auch schon auf Buchmessen, nachdem ich sehr konkrete Drohungen erhalten hatte oder auf Lesereise, nachdem man mir angekündigt hatte, mich bei meiner Ankunft in einer bestimmten Stadt am Bahnhof abzufangen und an der nächsten Laterne aufzuhängen. Ich wurde auch auf der Buchmesse schon blöd von einem bekannten Rechtsextremen angequatscht und von einem Handke-Anhänger angeschrien. Klar kann man das »aushalten«, aber muss man? Wie viel Risiko muss man eingehen, während andere einfach exakt überhaupt keins eingehen? Man bewegt sich dann jedenfalls anders durch die Welt als ein Literaturkritiker auf der Suche nach dem nächsten Grauburgunder.

Der Literaturbetrieb spaltet sich nicht nur auf in »die Autor*innen« und »die Kritiker*innen« oder »die Verlage« und »die Presse«. Sondern in Leute, für die es um etwas geht, und Leute, die hauptsächlich unterhalten werden wollen. Es gibt viele coole Leute im Literaturbetrieb, aber es gibt auch die, die denken, dass sie als Intellektuelle eh im Grunde schon alles wissen und verstanden haben, und die jetzt nur noch beurteilen wollen, ob es stilistisch gut gemacht ist, was andere so abliefern.

Ich habe diese Sorte Kritiker*innen in der Vergangenheit oft »Feuilletonboys« genannt, weil es meistens um Männer geht, denen etwas eigentümlich Unerwachsenes anhaftet, wenn sie Kunst hauptsächlich nach dem Kriterium bewerten, ob der Konsum sie erhebt, und die jede Form von literarischer oder politischer Debatte nur für eine Theateraufführung halten, in der es faktisch um nichts geht außer um gute Performance, ganz sicher aber nicht um Leben und Tod. Solche Feuilletonboys können allerdings auch Frauen sein.

Antirassistisch oder antifaschistisch zu sein ist eigentlich keine Frage der Bildung im üblichen Sinne, aber natürlich kann man mit Bildung darin weiterkommen. Gleichzeitig kann aber das Gefühl, eh schon gebildet, weltläufig und offen zu sein, einer Entwicklung in diesen Fragen entgegenwirken: Was für ein Affront, wenn man erkennen muss, dass man »privilegiert« ist, weil man sich ohne Sicherheitsbedenken auf der Messe bewegen kann! »Privilegiert« wird dann als »einfältig/arrogant« verstanden, und das ist natürlich eine Zumutung.

Mangelnde Empathie und falsch verstandene Neutralität

Die Debatte über den Buchmesseboykott wurde im Feuilleton hauptsächlich so geführt, dass das Feuilleton entlastet wird: dass man ruhig zur Messe fahren kann, dass Nazis zwar ein Problem sind, aber eins, das einem nicht den Spaß verderben sollte. Mitunter war man leicht genervt, dass es nun schon wieder um Nazis ging und nicht um »Bücher«. Na klar. Hätten diese weißen Feuilletonist*innen mal die Bücher von Jasmina Kuhnke, Tupoka Ogette oder Alice Hasters gelesen, würden sie sich nicht so in ihrer mangelnden Empathie und falsch verstandenen Neutralität suhlen.

Auf den letzten Seiten von Kuhnkes Roman »Schwarzes Herz« heißt es: »Ich schreibe mich frei. So manche*r mag denken, dass ich all das zu wichtig nehme, und das kann ich niemandem verübeln. Aber endlich habe ich meine Stimme gefunden, und diese erhebe ich.« Sehr gutes Buch, übrigens.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Verlag eines rechtsextremen Aktivisten sei nahe der Bühne gelegen, auf der Jasmina Kuhnke hätte auftreten sollen. Die Buchmesse weist darauf hin, dass Kuhnkes Auftritt in einer anderen Halle geplant gewesen sei, ihr Weg dorthin hätte nicht an dem Stand vorbeigeführt. Wir haben die Passage geändert.

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