Frankfurter Buchmesse eröffnet Das Buch als verbindendes Band

Mit einem Bekenntnis des Gastlandes Litauen zur westlichen Kulturgemeinschaft und zu Europa ist die 54. Frankfurter Buchmesse eröffnet worden. Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin warb dafür, die Literatur Osteuropas stärker zu beachten.


Frankfurt/Main - Der aus dem Amt scheidende Staatsminister sprach anstelle von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der wegen der Koalitionsverhandlungen kurzfristig abgesagt hatte. Nida-Rümelin sprach von der Perspektive einer europäischen Zivilgesellschaft, die kulturelle Unterschiede aufhebe und auf Respekt beruhe gegenüber der Haltung anderer. Der Blick der kulturellen Aufmerksamkeit sei in Richtung Westen gerichtet, kritisierte er: "Wir erfahren zu wenig über unsere östlichen Nachbarn."

Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Claudia Roth (CDU) hob die Bedeutung des Lesens hervor: Wer nicht über diese "Kardinalkompetenz" verfüge, bleibe "von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen". Sie erinnerte an die Pisa-Studie, wonach 23 Prozent der 15 Jahre alten Jugendlichen in Deutschland kaum lesen könnten oder außer Stande seien, das Gelesene im Zusammenhang zu verstehen.

Litauens Staatspräsident Valdas Adamkus sagte bei der Eröffnungsfeier, das freie Litauen von heute teile mit Europa die Vergangenheit und die Verantwortung für gemeinsame schutzbedürftige Werte. Litauens Literatur sei geprägt von der Geschichte des kleinen Landes, erläuterte Adamkus. Nach der Unterdrückung durch den russischen Zaren hätten die Litauer nach dem Ersten Weltkrieg eine moderne europäische Kultur geschaffen. "Die damals eingeatmete Luft der Freiheit half in der späteren Zeit der faschistischen und sowjetischen Besatzung zu überleben. Zu überleben, indem man schrieb." Europa sei heute kein abstraktes Gebilde, die Vielfalt seiner Kulturen und Völker bereichere alle und führe sie näher zusammen. Dabei sei das Buch das verbindende Band.

"Wir mögen zwar winzig aussehen, aber im existenziellen und ästhetischen Sinn sind wir ein untrennbarer Bestandteil der europäischen Kultur, des gemeinsamen Erbes und einer gemeinsamen Gegenwart", sagte Sigitas Geda, einer der bekanntesten litauischen Autoren.

Litauische Autoren und Leser seien schon seit einem halben Jahrhundert im Bann deutschsprachiger Autoren - darunter Goethe und Schiller, aber auch Franz Kafka, Hermann Hesse, Thomas Mann, Max Frisch, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Hans Magnus Enzensberger und Peter Handke. Dennoch existierten nach wie vor Sprachbarrieren zum Nachteil der litauischen Literatur. Gedas plädierte dafür, mehr Übersetzungen zu fördern. "Wenn vielleicht drei, vier, fünf Übersetzer sich an die Arbeit machen, dann wird sich Litauen nach noch einer Seite hin öffnen."

Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, erinnerte daran, dass nach wie vor Inhalte der Dreh- und Angelpunkt der Informationsgesellschaft seien. Diese würden immer noch von Menschen und nicht Maschinen geschaffen. Dieser Gedanke gehe in der "schönen neuen Glitzerwelt der Cyber-Technik" mit ihren immer schnelleren Übertragungswegen und immer leistungsfähigeren Speichermedien manchmal verloren, sagte Schormann.

Die weltgrößte Buchmesse erwartet bis kommenden Montag 250 000 Besucher. 6375 Aussteller aus 110 Nationen präsentieren von Dienstag an ihre Neuerscheinungen, wegen der schlechten Wirtschaftslage etwas weniger als sonst.



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