Männerroman "Flut" von Daniel Galera Oh, ihr schönen sanften Machos

Schwimmen, rennen, pumpen: Die Kerle in Daniel Galeras "Flut" kämpfen sich mit extremen Körperkräften in die eigene Einsamkeit. Ein starkes Beispiel für Literatur aus Brasilien, dem Gast der Frankfurter Buchmesse 2013. Und eine betörende Story über männliche Wut und Weltverlorenheit.

Corbis

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Das Meer ist wie ein guter alter Freund. Es nährt dich, aber stellt keine Forderungen. Es trägt dich und lässt dir doch deine Ruhe. Bei genauerer Betrachtung kann es eigentlich gar keinen besseren Freund geben als das Meer. Das weiß in seinem Innersten auch der junge Held aus Daniel Galeras Männerroman "Flut". Stundenlang pflügt er durch den aufgewühlten Atlantik vor Brasiliens rauerem Süden, fängt mit Sportfischern riesige Barsche und zählt melancholisch die Wale, die vor dem Fenster seines Apartments unweit einer alten Walfängerstation vorbeiziehen.

In solchen Momenten fragt sich der junge Held, wie es sein kann, dass sich die großen Säuger so nah an die Menschen herantrauen, obwohl dieser sie doch beinahe ausgerottet hatte. Haben Wale denn kein Gedächtnis?

Mit dem eigenen Gedächtnis ist das beim jungen Held auch so eine Sache: Er kann sich aufgrund einer neurologischen Erkrankung keine Gesichter merken. Nicht die beste Voraussetzung, um eine Beziehung zu führen. Aber eine Beziehung zu führen, ist wohl auch das letzte, was er will. Er ist ins verlassene ehemalige Fischerörtchen Garopaba nahe der argentinischen Grenze gekommen, um hier endlich das Geheimnis um den Tod seines Großvaters zu lüften.

Das Leben ist zu lang

Der Alte, der wohl ebenso wortkarg, meereshungrig und bewegungsmanisch war wie der junge Held, ist angeblich vor vielen Jahren bei einem Dorffest in Garopaba getötet worden. Es soll einen Stromausfall gegegeben haben, in der Dunkelheit hat man ihn angeblich mit Hunderten von Messerstichen gemeuchelt. Der junge Held ist dem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten; als er durch den Ort geht, denken viele der alten Bewohner, sie stünden einem Gespenst gegenüber. Durchs Meer pflügend, am Strand sprintend und verschiedene Sportgeräte tretend verwandelt sich der junge Held immer stärker in einen Wiedergänger des Großvaters.

Der brasilianische Schriftsteller Daniel Galera, 1979 in São Paulo geboren und in seinem Land auch als Übersetzer von Hunter S. Thompson und David Foster Wallace bekannt, schreibt in einer kargen, klaren, körperlichen Sprache. Seine Worte sind wie der Atlantik an einem kühlen, aber ruhigen Tag. Meistens zumindest. Dann aber hebt sich in seiner Erzählung ein Sturm, in dem der junge Held unterzugehen droht, die Sprache kippt dabei zuweilen ins Surreale. Man denkt an lateinamerikanische Erzähler wie Jorge Luis Borges, auf dessen Roman "Süden" hier explizit die Tötungsszene des Großvaters verweist.

Eine sonderbar milde und reflektierte Form von Machismo, der freilich niemals in Kraftmeierische kippt, steckt in dieser Geschichte aus Brasilien, dem Gastland der diesjährigen Buchmesse. Das Buch erzählt von drei Typen, die mit allen Mitteln versuchen, sich selbst zu erkunden, die aber kaum je ein anständiges Gespräch zustande bringen. Es geht um drei Generationen Männer: den jungen Held, seinen Großvater sowie das familiäre Bindeglied dazwischen, den Vater. Für eine längerfristige Beziehung ist offensichtlich keiner von ihnen gemacht. Man ist sich immer selbst genug.

Und manchmal ist man sich offenbar auch über. So wie der Vater, der dem Jungen am Anfang des Romans die Pistole präsentiert, mit der er sich später umbringen wird. Die Kräfte beim Alten lassen nach, die Vorstellung von Viagra ist ihm zuwider. Oder wie er klar und unmissverständlich mitteilt: "Das Leben ist zu lang, und ich habe keine Geduld." Dann bittet er den Sohn noch, nach dem Tod seinen Hund zu töten, ein schon etwas ramponiertes, aber treues Exemplar. Wie der Vater sagt: "Ein Hund ist ein verkrüppeltes Tier." Sprich: Ihm fehlt der Instinkt, sich selbst durchzuschlagen.

Der Sohn unternimmt keine Anstalten, den Alten vom Suizid abzuhalten. Den Hund aber lässt er nicht einschläfern, sondern nimmt ihn mit auf seine Selbsterkundungsreise. Das ist auch so eine angenehme Pointe in Galeras aufwühlendem, aber niemals deprimierenden Männerroman. Ein kranker Hund und ein kaltes Meer: Glücklich ist der Mann, der solche Freunde hat.

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doubletrouble2 09.10.2013
1. Männer lassen sich nicht deprimieren.
Sie nehmen das Leben hin, solange es ihnen passt. Diesen Roman sollte Mann lesen, sofern er lesen kann.
kritiker82 09.10.2013
2. Ich kann hier...
... in der Beschreibung dieses Buchs keinen Machismo erkennen, auch keinen "sanften". Oder fällt darunter jetzt jede männliche Gefühlsäußerung, welche nicht in nagenden Selbstzweifeln, Selbstvorwürfen und Unsicherheit besteht ?
Rickie 09.10.2013
3. Hm...
Was daran ist Machismo?
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