Frankenstein und die Gegenwart Was ist ein Wunschbild, was ist ein Monster?

Dieser Roman ersetzt jede Ethik-Kommission: Die Autorin Jeanette Winterson fordert mit "Frankissstein" heraus, neu über künstliche Intelligenz, Körperpolitik und Liebe nachzudenken. Ein großartiges Buch.

Frankenstein und sein Monster (hier gespielt von Boris Karloff) hat sich Mary Shelley vor 200 Jahren erdacht - es wird Zeit, das Buch nochmal zu lesen
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Frankenstein und sein Monster (hier gespielt von Boris Karloff) hat sich Mary Shelley vor 200 Jahren erdacht - es wird Zeit, das Buch nochmal zu lesen

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"Ich forme mein Monster - und mein Monster formt mich": Nein, das ist kein Satz über lernende Maschinen und KI. Es ist ein Satz über die Autorin Mary Shelley im Jahr 1816 - als sie ihren Doktor Frankenstein erschafft. Und der sein gefühliges Monster.

Auch wenn der Titel "Frankissstein" so klingen mag: Die englische Autorin Jeanette Winterson hat nicht Shelleys Klassiker neu geschrieben. Ja, sie zeigt die Szenerie, in der jener Roman entstand, Anfang des 19. Jahrhunderts in den Schweizer Alpen. Und ja, sie dehnt die Monstrosität des künstlichen Leben-Schaffens aus auf einen Arzt und einen Computerspezialisten heute. Also auf das, worüber unsere globalisierte Gesellschaft sowieso debattiert.

Aber vor allem hat Winterson wieder einmal, darauf ist bei ihr Verlass, eine Geschichte entworfen, die an allem rüttelt, was uns gerade ausmacht - und ist damit konsequent auf der Longlist des Booker Preises gelandet. Zeitbewusster geht es gerade kaum.

Wo beginnt das Übernatürliche?

Sie erzählt uns all das als Liebesgeschichte. In zwei Zeitebenen, ineinander geschoben, trocken, selbstironisch, laut lachend: Dort jener Sommer 1816, in dem die junge Mary Shelley mit ihrem Mann Percy Bysshe, ihrer Stiefschwester Claire Clairemont, samt der testosteronigen Typen Lord Byron und dem Arzt John Polidori in deren bräsigen Selbstgefälligkeit in den Bergen über dem Genfer See am Kamin abhängt. Als sie sich aus Langeweile bei Schietwetter anstacheln: Wo beginnt für Dich das Übernatürliche - und für Dich? Und Mary Shelley sich Doktor Viktor Frankenstein ausdenkt, den "modernen Prometheus", der aus Leichenteilen ein Wesen erschuf, das als Monster durch Europa ziehen sollte.

Und hier, zweite Story, der Londoner Arzt Ry Shelley in unserem Heute, der bei einer Forschungsreise den Computerspezialisten und Bot-Entwickler Victor Stein kennenlernt, ihm zuhört, wie er in TED-Talks von künstlicher Intelligenz schwärmt, und ihm für dessen Experimente Körperteile liefert.

Autorin Jeanette Winterson
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Autorin Jeanette Winterson

Wintersons Text hat auch deshalb so viel Kraft, weil beides organisch ineinandergleitet: das Nachdenken über die Utopien menschlichen Schaffens - und die Liebe, die Erregung, die sie so unvergleichlich abbildet, dass man sich dazu beamen möchte, um mitzulieben. Die frische, überbordende Leidenschaft von Mary und Percy, die im Bett, Hand auf nacktem Rücken, über Ovids Metamorphosen und den materie-erweckenden Pygmalion räsonieren.

Und die wachsende Nähe zwischen Ry -, der mal Mary war, nun als Trans-Mann Geschlecht als vertrautes Doppeltsein lebt - und dem Zukunftsnerd Victor, dessen Hetero-Liebesidee wankt, als er Ry gegenüber steht; verwundert erregt, als er vorsichtig einen Körper ertastet, den sich jemand nach seinen Vorstellungen schaffen ließ. Winterson macht es uns leicht wie selten, unsere starren Ideen von Geschlecht aufzulösen. Und uns in ein Gegenüber zu verknallen.

All das macht den Rumms eines Romans aus, der die papierknisternden Resolutionen von Ethik-Kommissionen herausfordert: mit seiner sprühenden Intelligenz, seinem Vermögen, aufs Jenseits des Denkbaren zu zeigen. Endlich ein Roman, der all das nicht durch eine popkulturelle Wurstmaschine jagt, um uns mundgerechte Happen im Kunstdarm zu kredenzen.

Pingpong über unsere Alltagsdebatten

Wie moderne sokratische Dialoge drehen sich die Gespräche von Wintersons Held*innen um das, worüber wir alle nachdenken sollten: Kann künstliche Intelligenz sagen, was Mensch ist und was nicht? Ist Leiden menschlich? Wie lässt sich Leben ausdehnen? Wird die Zukunft sexistisch sein, weil sie von männlichen Nerds programmiert wird - oder wird die künstliche Intelligenz diesen Glitch im ersten Update fixen? Und: Warum wollen wir überhaupt "erschaffen"?

Ein Pingpong also über unsere Alltagsdebatten. Bots. Künstliche Intelligenz in all ihren Spielarten. Sexpuppen. Bionik-Prothesen. Deep-Fakes. Siri-Lieben. Humanoide Roboter. Genmanipulierte Babys. Ein Pingpong aber, das beharrlich all das über den Rand schubst, was wir uns vertraut gemacht haben - so begrenzt vertraut man sich das Nachdenken über ethische Verschiebungen in unserem Menschsein eben machen kann.

Preisabfragezeitpunkt:
08.10.2019, 15:46 Uhr
Ohne Gewähr

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Jeanette Winterson
Frankissstein: Eine Liebesgeschichte: Roman

Verlag:
Kein & Aber
Seiten:
400
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Brigitte Walitzek, Michaela Grabinger

Das Buch ist darüber hinaus eine Einladung, zwei Klassiker neu zu lesen. Klar, Mary Shelleys "Frankenstein": Um zu staunen, wie zeitlos die Geschichte ist, die die Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft erschaffen hat. Zu ahnen, welch Anmaßung es wohl war, dass eine 19-Jährige ein Wesen erschreibt, das die Vorstellungskraft der Männer drumherum sprengt - und deren Habitus als Nabel der Welt karikiert. Und dann bitte auch Jeanette Wintersons ebenso alterslosen, bahnbrechenden Debütroman von 1985 "Orangen sind nicht die einzige Frucht": über die junge Jeanette, die sich einem bibeltreuen Leben entwindet, noch so einem paternalistischen Narrativ.

Natürlich ist "Frankissstein" ein feministischer Text. Körperpolitik war immer ein Thema für jene, die patriarchalen Strukturen unterworfen sind. Aber dieses großartige Buch hat das Zeug, endlich den Blick zu weiten. Weil es zeigt, wie allumfassend Feminismus die Debatten unserer Zeit bereichert.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
hannibalanteportas 13.10.2019
1. Auch...
eine "allumfassende" Ideologie bleibt eine Ideologie. Deswegen werden nur die wie von alleine bereichert, die dieser Ideologie anhängen. Andere wollen idealerweise eine gute Auseinandersetzung über Ideen, "Gedankenkonstrukte", Visionen, Gefahren, etc.. Und das passiert leider nicht durch das Buch einer Einzelnen, das eben nicht das "Ethikkomitee ersetzt". Hinter solchen Sätzen versteckt sich die nicht seltene feministische Ansicht, das die gefühlte Wahrheit einer Person einen guten und breiten Diskurs ersetzt, weil dieser ja sowieso vom bösen Patriarchat dominiert wird, ob wir das nun merken oder nicht.
egghead7 13.10.2019
2. 'Den Blick erweitern' - passiert eher durch andere Erfahrungen
Hört sich, trotz Ihres Kommentars oder auch des allgemeinen Bezugs des Artikels oder auch der Autorin zum Feminismus (ja, der ist ziemlich allumfassend, aber wie ja anscheinend auch im Buch beschreiben, bleibt der ja nicht nur beim 'klassischen' Feminismus sondern dehnt sich noch weiter aus) wie ein ganz spannendes Buch an. Naja, und dann ist Diskurs nunmal nicht alles, wenn es darum geht, den Blick zu erweitern - gerade Kunst, Literatur, Poesie, aber auch Natur, leistet hier vermutlich viel mehr. Zumal Diskurs auch oft (nicht immer, natürlich) in eine verengende Richtung hin geführt wird. Zum Kategorisieren, auch Perfektionieren mag das seinen Sinn haben. Das Erweitern des Blicks, erhellenden Erfahrunge,n passieren allerdings idR aufgrund viel vielfältigerer Erfahrungen.
Newspeak 13.10.2019
3. ....
"Wird die Zukunft sexistisch sein, weil sie von männlichen Nerds programmiert wird - oder wird die künstliche Intelligenz diesen Glitch im ersten Update fixen?" In dieser eingestreuten Frage zeigt sich sehr gut die Beschränktheit feministischer Debatten, denn weder wird in Frage gestellt, warum es denn männliche Nerds sein müssen, die alles programmieren, noch, ob die Annahme, die AI würde einen solchen Bias automatisch korrigieren, gelten muss. Man kommt ironischerweise gar nicht auf die Idee, dass keine Frau daran gehindert wird, selbst zu programmieren. Fast alle der nerdigen Jungs haben das nämlich schon als Teenager autodidaktisch gelernt, lange bevor sie den bösen, alten, weissen Männern an den Unis etc. begegnet sind. Und manche nerdige Frau, die es nämlich gibt, ebenso. Und was die Korrigierfähigkeit der AI betrifft. Die erste AI, die sich in einem Chatforum als ununterscheidbar menschlich geben sollte, hat aus dem, was sie vorfand, gefolgert, es wäre am besten, rassistisch beleidigend zu sein. Und was, wenn eine AI basierend auf umfangreichen empirischen Daten herausfinden sollte, dass es vielleicht doch ethnische Unterschiede z.B. in der Intelligenz geben sollte, oder zwischen Männern und Frauen? Was, wenn die AI basierend auf Logik den Feminismus als abzulehnende Ideologie klassifiziert? In der Tat, das wäre mal eine interessante Entwicklung. Man muss offen sein, um so etwas als Möglichkeit zuzulassen. Die Feministen sind es mehrheitlich nicht.
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