Frankreich diskutiert über Missbrauch Hinter der bürgerlichen Maske

Der Schriftsteller Gabriel Matzneff soll Minderjährige sexuell missbraucht haben. Der Erfahrungsbericht eines mutmaßlichen Opfers rührt an Frankreichs Selbstbild.
Gabriel Matzneff im April 2014: Sex mit Minderjährigen als zentrales Thema

Gabriel Matzneff im April 2014: Sex mit Minderjährigen als zentrales Thema

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JACQUES DEMARTHON/ AFP

Der Zusammenbruch der politischen Parteien, die Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg regiert haben, war nur der Auftakt zu einem grundlegenden gesellschaftlichen und kulturellen Erneuerungsprozess, dessen Ausgang noch nicht abzuschätzen ist.

Seit Wochen dominiert der erbitterte Streit über die Rentenreform die Nachrichten, aber eine andere Geschichte entwickelt sich zu einer ebenso wirkmächtigen Krise im nationalen Selbstbild.

Kein Tag vergeht ohne neue Enthüllungen zu den Machenschaften des heute 83-jährigen Schriftstellers Gabriel Matzneff und insbesondere zu der Frage, wie er so lange ohne juristische Probleme seine pädophilen Neigungen ausleben konnte.

In dieser Woche berichtet das Nachrichtenmagazin "Le Point", dass die Polizei Matzneff schon in den Achtzigerjahren im Visier hatte, die Ermittlungen dann aber im Sande verliefen - was die Frage aufwirft, ob er politischen oder rechtlichen Schutz genoss.

Seit die Schriftstellerin und Verlegerin Vanessa Springora Anfang Januar unter dem Titel "Le Consentement" (deutsch: "Die Einwilligung") ihre Erinnerungen an die Zeit mit Matzneff veröffentlichte, ist dessen bürgerlich-künstlerische Maske endgültig gefallen. Zu sehen ist ein mutmaßlicher Serientäter. Springora beschreibt einen Mann, der dem von ihr damals bewunderten Beruf des Schriftstellers nachging und mit Briefen und Einladungen eine Vertrauensbasis schafft, die er dann nutzt, um sie emotional und sexuell auszubeuten.

Welche Bedingungen machten es möglich?

Auch nach der Trennung sei er bestrebt gewesen, weiter Macht auszuüben, habe kein Nein akzeptiert, sondern sie verfolgt und belästigt mit Briefen, Anrufen und Mails. Es handelt sich keineswegs um eine Liebesgeschichte eines ungleichen Paars, denn Matzneff ist auch ein Kunde männlicher, minderjähriger philippinischer Prostituierter und verfolgt auch andere Mädchen in Paris.

Aber es steht darüber hinaus die Frage des sozialen, kulturellen und politischen Umfelds Matzneffs im Raum, nach den Bedingungen, die seine Machenschaften erst möglich machten.

Denn nichts an dieser Geschichte ist neu. Matzneff ist seit Jahrzehnten eine Figur des literarischen Betriebs in Paris und sein Wunsch nach Sex mit Minderjährigen ist nicht etwa ein Element eines opaken Doppellebens, sondern das zentrale Thema seines weit verbreiteten Werks. In Tagebuchbänden wie den "cahiers noirs" schildert er sich als eine Art verfemter Schriftsteller, von dem sich die Gesellschaft abwendet, während er Besuch von jungen Frauen bekommt. Er beschreibt sich als Mentor, der seinen Schützlingen Erfahrungen vor der Ehe vermittelt und sich gegen ihre Eifersucht und Besitzansprüche wehren muss.

Dem Leser gab sich Matzneff als Literat in der Tradition der französischen Libertinage, als Erbe eines Marquis de Sade oder Jean Genet zu erkennen, der nur deswegen Repressalien zu fürchten hat, weil die Bourgeoisie noch so verklemmt ist und die Leute in Familien zusammenpfercht.

Das war zwar ein literarisches Minderheitenprogramm, aber auch seinen Misserfolg an der Kasse und bei Preisverleihungen verstand er, für sich zu nutzen, indem er sich als Opfer der modernen Zeiten stilisierte.

Nicht seine übermächtigen und übergriffigen Obsessionen, die er auf Kosten der seelischen und körperlichen Integrität von anderen Menschen realisierte, waren demnach der Grund für seine soziale Isolation, sondern ein Zeitgeist, der nicht etwa ihn oder seine Taten ausgrenzt, sondern die wahre Literatur, die Religion und die gesamte abendländische Kultur.

Matzneff beanspruchte zwar die emanzipatorische Fürsprache einer liberalen Gesellschaft, in der jeder nach seiner Façon selig werden kann, aber er gab sich auch als frommer orthodoxer Christ, als Vertreter einer alteuropäischen Kultur, in der die Dinge noch an ihrem Platz waren und ein Literat alle Freiheiten genoss. Diese Masche hatte durchaus Erfolg.

Da er zu den dominierenden Männern im literarischen Paris sehr zuvorkommend war und keine wahre Konkurrenz darstellte, weil sein literarisches Thema eng begrenzt blieb, wurde er aus dem Betrieb nicht verstoßen. Im Gegenteil: Er fungierte als eine Art Hofnarr, dessen Anekdoten zwar gewagt klangen, aber natürlich nie nach dem Elend und den Verheerungen, die seine jahrelangen Übergriffe tatsächlich darstellten. Denn allzu genau wollte es niemand wissen.

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Springora, Vanessa

Le consentement (Littérature Française) (French Edition)

Verlag: Grasset
Seitenzahl: 198
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Matzneff gehörte sogar der "Académie Française der Verdammten" an, also jener kleinen Gruppe von Literaten, denen das französische Kulturministerium eine jährliche Rente überweist, weil sie im Alter mittellos geworden sind, obwohl sie der französischen Literatur einen Dienst erwiesen haben.

Vanessa Springora hat mit ihrem Erfahrungsbericht nicht allein einen übergriffigen Mann beschrieben, sondern ein kulturelles System. Denn Frankreich versteht sich schon seit der Revolution als ein Land, in dem die Literatur - insbesondere die erotische Literatur - ein Motor der Aufklärung und des Fortschritts ist. Eingriffe von außen, durch Markt oder Justiz, werden als Unterdrückung der Freiheit empfunden - darum bestand faktisch Springoras einzige Chance auf Widerspruch darin, ebenfalls ein Buch zu schreiben und sie legte eines vor, das weit besser geschrieben ist, als die Erzeugnisse von Gabriel Matzneff.

Zu seiner Rechtfertigung verweist Matzneff immer wieder auf literarische Vorbilder für erotische und sexuelle Sonderwege, auf Nabokov, Lewis Caroll und andere, aber die Autorin verbaut ihm diesen Rückzug. In seinem Werk geht es einzig und allein um die Verherrlichung seiner Taten, seiner Lebenskunst und seines Weltverständnisses - von künstlerischem Gestaltungswillen darüber hinaus ist wenig zu erkennen.

Und was den Bezug zu Nabokovs Meisterwerk "Lolita" angeht, weist Springora darauf hin, dass der Autor hier die Gefahren und Zerstörungen, also die wahre Perversion der Geschichte in den Mittelpunkt der Erzählung rückt; Humbert Humbert ist keinesfalls ein toller Hecht, er ist Täter.

Die Differenzierung ist bei Springora das wesentliche Mittel der Darstellung, denn in Frankreich ist mindestens ein ungleiches Paar wohlbekannt und akzeptiert - schließlich war Emmanuel Macron auch einst der Schüler seiner heutigen Ehefrau Brigitte. Vanessa Springora arbeitet daher in ihrem Buch präzise die Mechanismen des Missbrauchs heraus, die Strategien der Vertuschung und Manipulation.

Der Underdog unter anderen Underdogs

Matzneffs Schutz war stets die von ihm betriebene Pauschalisierung: Er gab sich als Underdog unter anderen Underdogs, verglich sich mit anderen, die auch anders waren. In einer Chronik für das Magazin "Le Point" verglich er sein Schicksal mit dem seines Bekannten Jean-Marie Le Pen. Auch der rechtsradikale Politiker, den Matzneff als ulkigen Bonvivant schildert, werde trotz seiner Urteilskraft und tollen Bildung ausgegrenzt. Politische Fürsprecher hatte Matzneff freilich in allen Lagern. Springora schreibt, dass er stets einen lobenden Brief des Präsidenten - es könnte François Mitterrand gewesen sein - mit sich führte, falls die Polizei ihm doch mal auf die Schliche kommen sollte.

In der republikanischen Monarchie Frankreichs ist die Position des Literaten immer noch etwas ganz Besonderes. Schriftsteller gelten als Konkurrenten der Machthaber, als Garanten des freien Geistes und als solche beugt sich die Staatsmacht vor ihnen.

Doch diese Zeiten gehen ihrem Ende entgegen, jede Macht braucht Kontrolle. Das Buch von Vanessa Springora beweist, dass es nicht ausreicht, wenn männliche Macht durch andere Männer kontrolliert wird, sondern dass eine offene Gesellschaft notwendigerweise auf eine Pluralität der Stimmen angewiesen ist.