Begeisterung für Le Pen Die Illusion, sichtbar zu sein

Von Front-National-Wählern umgeben: Der Autor Édouard Louis schreibt über Frankreichs vergessene Arbeiterklasse. Er wuchs selbst in ihr auf.
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Foto: JOEL SAGET/ AFP

Édouard Louis, Jahrgang 1992, gilt dank seines Debütromans "Das Ende von Eddy" als literarischer Shootingstar. Er wurde in einem französischen Dorf in der Picardie geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern wählen den Front National und seine Homosexualität sorgte für Diskriminierung und Gewalterfahrungen. Sein zweiter Roman "Im Herzen der Gewalt" erscheint im August auf Deutsch (Fischer). Louis lebt mittlerweile in Paris.

Mein politisches Leben begann 2002 mit den Tränen eines Zehnjährigen. An jenem historischen Tag, als es Jean-Marie Le Pen als erstem Kandidaten einer rechtsextremen Partei gelang, die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahlen zu erreichen. Ich kam von der Schule nach Hause. Mein Vater saß vor dem Fernseher und war außer sich vor Freude. Bald werde Frankreich araber- und judenfrei sein, sagte er. So etwas hörte ich damals öfter von ihm, mehrmals pro Woche, manchmal auch mehrmals am Tag. Meine Mutter war kaum weniger begeistert, doch hielt sie sich zurück. "Dein Vater hätte besser Le Pen geheiratet", spottete sie. "Dann wäre ich ledig und hätte endlich Ruhe."

Ich saß neben meinen Eltern auf dem Sofa - und weinte. Unser Lehrer hatte uns gesagt, dass der Front National eine gefährliche und rassistische Partei sei, und bereits in diesem Alter glaubte ich meinen Lehrern mehr als meinen Eltern. Die Kluft zwischen mir und meiner Familie wurde tiefer. Ich begann alles zu tun, um anders zu sein als sie.

Im Dorf wählten 55 Prozent der Einwohner ultrarechts

Den ganzen Abend lang rollten meine Tränen, bis meinem Vater der Kragen platzte. So lange ich unter seinem Dach lebte, hätte ich kein Recht, schlecht von den Rechtsextremen zu sprechen, brüllte er mich an. Er schickte mich ohne Abendessen ins Bett: Wehe ich würde es wagen, ihm heute noch mal unter die Augen zu kommen!

In dem kleinen nordfranzösischen Dorf, in dem ich aufwuchs, wählten knapp 55 Prozent der Einwohner bei den letzten Wahlen ultrarechts. Hätten die Nichtwähler gewählt, wären es vermutlich siebzig Prozent gewesen. Ich kenne die Menschen, die sich enthielten. Ich lebte viele Jahre unter ihnen und sah sie immer wieder zwischen Abscheu und Revolte schwanken. Die Wahl zwang sie, sich zu entscheiden: Verzicht auf die Stimmabgabe oder Le Pen.

In meiner Kindheit, Anfang der Nullerjahre, wählte meine ganze Familie den Front National. Mein Vater begleitete meinen älteren Bruder und meine große Schwester regelmäßig in die Wahlkabine, um sicher zu gehen, dass sie ihre Stimme Jean-Marie Le Pen und später, nachdem sie den Parteivorsitz übernommen hatte, seiner Tochter Marine gaben. Der Bürgermeister und seine Stellvertreter ließen es geschehen. In diesem Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern hatten alle die gleiche Schule besucht. Mit Ausnahme des Bürgermeisters hatten alle vor den großen Entlassungen in der gleichen Fabrik gearbeitet. Niemand wollte sich mit meinem Vater anlegen.

Die Stimme für den FN war natürlich eine Manifestation von Rassismus und Homophobie. Wenn er nicht von den Arabern sprach, wiederholte mein Vater gebetsmühlenartig, dass Homosexuelle die Todesstrafe verdienten. Er sagte es mir ins Gesicht, mir, der ich mich bereits mit fünf oder sechs Jahren von den Jungen auf dem Schulhof körperlich angezogen fühlte.

Dennoch waren die Wahlen für meine Eltern - mehr noch als eine Gelegenheit, ihrer Xenophobie und ihrem Hass Ausdruck zu verleihen - eine Chance, sich gegen die eigene Unsichtbarkeit zu wehren. Marine Le Pen sei die einzige, die von uns, von "den kleinen Leuten" spräche, erklärten sie und machten sich auf ins Wahllokal. Alle anderen Kandidaten würden uns ignorieren.

Die Enttäuschung

Das Gefühl der Unsichtbarkeit war das zentrale Element unseres Lebens, war allgegenwärtig und eine Obsession. Kein Tag verging, an dem meine Mutter nicht sagte: "Für uns, die kleinen Leute, interessiert sich niemand. Schon gar nicht die großen Tiere." Wenn sie Politiker im Fernsehen sah, schimpfte sie: "Die sind doch alle gleich! Die denken doch nur an sich!"

Meine Eltern fühlten sich von der Linken verraten. War die Verteidigung der Schwachen in der Gesellschaft nicht deren Sache gewesen? "Aber heute sind sie alle gleich, links wie rechts", kommentierten sie, was sie als unnormal empfanden. In diesem "aber" steckte ihre ganze Enttäuschung und das Gefühl der Verlassenheit, das an ihnen nagte.

Worte wie Hunger, Elend, Ungleichheit, Leiden, Schmerz, Erschöpfung kamen in den Erklärungen der Linken tatsächlich nicht mehr vor. Die Realität, die auf unseren Körpern Stunde für Stunde, Tag für Tag ihre Spuren hinterließ und für die wir uns abrackerten, fand sich in ihren Worten nicht wieder. Seit der konservativen Revolution der Achtzigerjahre, in der die französischen Linken zu Technokraten wurden, und die Didier Eribon in Rückkehr nach Reims so treffend beschreibt, sprachen die Politiker, die unsere Interessen hätten vertreten sollen, nur noch von Koexistenz, Entspannung, Sozialdialog, Verhandlung. Zwar gaben sie vor, dass sie dabei an uns dachten. Doch wir - und unsere Körper - spürten, dass sie logen. Wir kramten in unserer Erinnerung nach irgendetwas, das einer Entspannung oder dem Sozialdialog entspräche. Wir fanden nichts.

Nach mehrjähriger Arbeitslosigkeit fand mein Vater schließlich einen Job bei der Straßenreinigung. Ich war mittlerweile dreizehn. Eines Tages, es war Wahlkampf, kündigte ein rechter Minister einen Besuch bei seiner Firma an. Meine ganze Familie hasste ihn. Wenn er im Fernsehen auftrat hatten sie nichts als Beleidigungen für ihn übrig. Morgens um acht sollte er im Depot eintreffen, in dem die Kehrmaschinen untergestellt waren. Er erschien wie geplant.

Noch am Abend zuvor hatte mein Vater geschworen, dass er ihm endlich mal die Meinung sagen würde. Während des ganzen Essens ging es um nichts anderes. Er erläuterte uns detailliert, wie er ihn ansprechen würde, mit wie viel Verve und mit welchen Worten, und was er ihm um die Ohren hauen wollte. Doch als der wichtige Herr dann eintraf, der elegante Politiker, mit seinem Stab von Bodyguards und Assistenten, bekam mein Vater den Mund nicht mehr auf. Er schwieg, verängstigt und plötzlich ganz klein angesichts der Attribute der Macht. Später, zu Hause, gestand er uns, dass er dem Minister keine Vorhaltungen gemacht habe. Dieser sei ihm sogar sympathisch gewesen. "Ich dachte, er sei ein Arschloch, aber er ist doch ein netter Kerl", erklärte er. Mein Vater schaute uns nicht an, als er so redete. Ich fühlte mich verraten.

Es sind diese Erinnerungen, die uns davor bewahren, uns von der Sprache der Lügen täuschen zu lassen. Wo gab es denn einen Sozialdialog in dieser Begegnung meines Vaters mit dem Minister? Der neue Jargon der Polittechnokraten führte uns ein weiteres Mal vor Augen, wie allein wir letztlich waren. Er erinnerte uns daran, dass niemand wirklich von uns sprach, weder von unserer Existenz, noch von dem, was wir erlebten.

Doch nicht nur die Politik gab uns auf. Auch die Medien, Kunst, Film, Literatur wandten sich ab. Wenn meine Eltern alljährlich die Verleihung des Prix Goncourt im Fernsehen verfolgten, realisierten sie sehr wohl, dass dieser regelmäßig an einen Bourgeois ging, der einen Roman über sein bourgeoises Leben geschrieben hatte.

Das Elend gibt es nicht

Kurz nach meinem zwanzigsten Geburtstag schickte ich das Manuskript meines ersten Romans an einen großen Pariser Verlag. In Das Ende von Eddy beschrieb ich jene Welt meiner Kindheit, die Armut und die Ausgrenzung, die ich erlebt hatte. Schon nach gut zwei Wochen erhielt ich Antwort: Sie könnten den Roman nicht veröffentlichen, teilte man mir mit. Das Elend, von dem ich berichtete, hätten wir vor hundert Jahren hinter uns gelassen, die Leser würden nicht glauben, was ich erzählte. Ein solches Buch kaufe keiner, hieß es.

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Louis, Édouard

Das Ende von Eddy: Roman

Verlag: S. FISCHER
Seitenzahl: 208
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Preisabfragezeitpunkt

09.12.2022 23.04 Uhr

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Immer wieder las ich die E-Mail aus dem Verlag. Ich war den Tränen nah, doch ich riss mich zusammen. Ich spürte den Schrei, der mir heiß im Hals stecken blieb. Der banale, doch tragische Grund für die Ablehnung meiner Geschichte war, dass das Leben, das ich einst geführt hatte, und das meine Eltern immer noch führten, im öffentlichen Diskurs derjenigen, die anders lebten, nicht vorkam. Es war ihnen so wenig präsent, dass sie glaubten, es existiere nicht. Wir existierten nicht für sie.

Meine Eltern steckten die Stimmzettel mit den Namen der Le Pens am Wahltag in die Wahlurne, um sich für diese Unsichtbarkeit zu rächen. Für sie ging es nicht um ein bestimmtes politisches Programm oder eine Meinungsäußerung. Es war ihr verzweifeltes Bemühen, von den anderen wahrgenommen zu werden.

Heute, da in Frankreich wieder gewählt wird, aber auch anderswo und darüber hinaus, trägt die Linke eine enorme Verantwortung für unsere politische Zukunft. Wenn sie keine Diskurse, keinen Rahmen anbietet, in dem auch die Ausgeschlossenen sich vertreten fühlen, werden sich diese jeder populistischen Bewegung anschließen, die ihnen die Illusion gibt, sichtbar zu sein.

Im Gegensatz zu dem, was viele Intellektuelle und Journalisten glauben, bekämpft man Marine Le Pen nicht, indem man ein weiteres Mal aufzeigt, was ohnehin jeder weiß, d.h. wie rassistisch und gefährlich sie ist. Der Kampf gegen Marine Le Pen ist nicht ein Kampf gegen die extreme Rechte. Es ist der Kampf für die Linke.

Übersetzung aus dem Französischen: Lilian-Astrid Geese
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