Österreich nach der Wahl Das halbe Land hypnotisiert

Sebastian Kurz, der Robin Hood der oberen Zehntausend, ist der Wahlsieger in Österreich. Doch jetzt kommt es auf die richtige Partnerwahl an. Zumindest eine Option böte eine große Chance fürs Land.

ÖVP-Wahlsieger Sebastian Kurz: Seine Methode? Platzhalterpolitik, in die jeder alles hineininterpretieren kann
Michael Gruber/ Getty Images

ÖVP-Wahlsieger Sebastian Kurz: Seine Methode? Platzhalterpolitik, in die jeder alles hineininterpretieren kann

Ein Gastbeitrag von Franzobel


Ibiza, illegale Parteienfinanzierung, falsche Spesenabrechnungen, geschredderte Festplatten, Postenschacher, Nepotismus: Der österreichische Wahlkampf war geprägt von Skandalen, Fehltritten und anderen Ungereimtheiten, die in jedem anderen Land zu einer Abstrafung der Regierungsparteien geführt hätten. In Österreich?

Die neue ÖVP um Altkanzler Sebastian Kurz wurde belohnt. Man versprach Kontinuität und eine Fortsetzung des Begonnenen, was unnötige Härte bei Kürzungen der Sozialleistungen und der Flüchtlingspolitik bedeutet, Steuererleichterung für die Wirtschaft wie den gehobenen Mittelstand und möglicherweise sogar Toleranz gegenüber den gerülpsten Einzelfällen des Koalitionspartners aus dem braunen Loch.

Die Politik des wie eine Mischung aus Schwiegersohn und Heilsbringer auftretenden Sebastian Kurz ist schwer zu fassen, ein Robin Hood der oberen Zehntausend, der seine Parolen wie Litaneien beim Rosenkranzbeten wiederholt. Untergriffige Angriffe wie griffige Gegenargumente gleiten an ihm ab, als träfen sie auf Teflon. Kurz mimt den messianischen Elder Statesman so glaubwürdig, dass sich ihm kaum jemand entziehen kann - ein Prediger in einer Methodistengemeinde.

Seine Methode? Platzhalterpolitik, in die jeder alles hineininterpretieren kann. Trotz Zwölf-Stunden-Tag, Kürzung der Mindestsicherung und kleinen Fehltritten hat er mit einer perfekt inszenierten Show das halbe Land hypnotisiert. Kurz verkörpert eine Phantasmagorie des in Österreich immer noch geträumten Habsburgerreichs, ist so eine Art junger Franz Joseph und bringt der vor Kurzem noch darniederliegenden ÖVP Wahltriumphe zum Niederknien. Dass wie seinerzeit beim Kaiser die richtige Partnerwahl keine leichte wird, war bereits vor der Wahl klar. Eine hochneurotische Sisi oder die nicht ganz so attraktive Schratt?

Zur Person
  • Arne Dedert/ DPA
    Franzobel, eigentlich: Franz Stefan Griebel, wurde 1967 in Vöcklabrück, Oberösterreich, geboren. Er ist als Lyriker, Theater- und Romanautor tätig. 1995 gewann er den Bachmann-Preis, 2005 den Nestroy-Theaterpreis für das beste Theaterstück (für "Hunt oder Der totale Februar"). 2019 erschien sein Krimi "Rechtswalzer".

Der Kuchen ist mit 16 Prozent noch fett

Die FPÖ, während des Wahlkampfes um eine Fortsetzung der Koalition bemüht, steht jetzt ziemlich belämmert da. "Ohne uns kippt Kurz nach links", wurde plakatiert, das war den Wählern nicht genug. Einerseits hatten die Blauen viel zu tun, aus den Schatten der nicht enden wollenden Skandale heraus zu kommen, andererseits wollte das Kernthema der Partei, die Angst vor Flüchtlingen, nicht mehr recht ins Licht.

In jedem anderen Land mit einer aufgeklärten Wählerschaft wäre die FPÖ, nach dem was sie sich an Ausrutschern und Spesen geleistet hat, zerbröselt wie Baiser-Ringe vom letzten Weihnachtsbaum, nicht in Österreich, da ist der Kuchen mit 16 Prozent noch immer saftig, wenn auch nicht mehr fett. Drittstärkste Partei! Immer noch. FPÖ-Wähler scheinen gegenüber Fakten resistent. Die Partei ist auf Spesen aus gewesen, hat ihren Politikern ein Luxusleben finanziert, pflegt eine dubiose Russlandnähe und war dabei, den Ausverkauf Österreichs zu forcieren? Trotzdem 16 Prozent! Für die Partei eine gehörige Watsche, ein Megadebakel, aber trotzdem noch zu viel.

Die anderen? Dass Rendi-Wagner für ihren aufopfernden Wahlkampf wenig Rendite bekommen und unter die Wagenräder kommen würde, war klar. Absturz mit Anlauf, aber der harte Aufprall überrascht dann doch. Das Dilemma der SPÖ war nicht in der attraktiven, aber selbst in den eigenen Reihen ungeliebten Spitzenkandidatin begründet, sondern in der Tatsache, dass diejenigen, denen diese Partei zu sozialem Aufstieg verholfen hat, die Sozialdemokratie jetzt nicht mehr brauchen, ihre Herkunft verdrängen und sich als neuer Mittelstand eher mit dem bürgerlichen Lager identifizieren.

Mit wem soll der Schwiegersohn der Nation jetzt ins Bett?

Die Grünen, zuletzt im Nationalrat gar nicht vertreten, als humorlose Spaßbremsen verschrien, hatten es in Österreich noch nie leicht. Abgesehen vom hervorragenden Bundespräsidenten fehlen Persönlichkeiten, wie man sie in Deutschland kennt. Österreichs Grüne besitzen das Talent, mit richtigen Argumenten an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeizureden. Diesmal hatte man aber mit der schwedischen Klima-Pippi-Langstrumpf und den spürbaren Wetterkapriolen solch mächtige Wahlkampfhelfer, dass man sich trotz Talent fürs Unpopuläre den Wind nicht mehr aus der alternativen Energiequelle nehmen ließ. 14 Prozent sind zwar ein riesiger Gewinn, aber dennoch nur ein bescheidener Erfolg.

Preisabfragezeitpunkt:
27.09.2019, 12:48 Uhr
Ohne Gewähr

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Franzobel
Rechtswalzer: Kriminalroman

Verlag:
Paul Zsolnay Verlag
Seiten:
416
Preis:
EUR 19,00

Schließlich die Neos, eine gar nicht so retromäßige Abart des Liberalen, wie der Name vermuten lässt. Mit einer authentischen und gut argumentierenden Spitzenkandidatin versuchten sie sich als bessere Konservative von der dem Rechtspopulismus zugewandten Kurzschen Show-Politik abzugrenzen, was mit mäßigen 7 Prozent nicht ganz gelungen und schade ist.

Und mit wem soll sich der Schwiegersohn der Nation jetzt ins Bett legen? Bei der SPÖ scheinen die ideologischen Differenzen unüberbrückbar, die FPÖ hat ihre Regierungsunfähigkeit schon mehrfach durchdekliniert, bleiben also, und das ist neu und spannend, nur die Grünen, was mich positiv stimmt. Alles andere geht sich nicht aus. Mit einem grünen Gewissen an seiner Seite kann der Alpenmessias zeigen, was außer Showtalent noch in ihm steckt. Das ist eine große Chance für Österreich.

insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
tehb1zz 30.09.2019
1. Also wirklich
Was ist das für ein Journalismus? Man merkt dem Schreibstil die Unverständlichkeit für alle politischen Vorgänge in Österreich an. Zutiefst subjektiv und schlichtweg falsch. Pfui! - - - - - - Es ist ein Gastbeitrag des österreichischen Buchautoren Franzobel, vielleicht klärt diese Information Ihre Beanstandung..., MfG Redaktion Forum
lozenz 30.09.2019
2. Welchen Grund
sollte Kurz haben, sich von einer 12% Partei die Themen diktieren zu lassen. Die erklärenden Umfragen zeigen deutlich, was sich der Wähler wünscht. Strafe für die dämliche FPÖ ja, aber sie soll in der Regierung bleiben. Die von den Grünen angestrebte Massenmigration, wird in Österreich strikt abgelehnt. Hier scheint der Wunsch nach einer Koalition mit den Grünen nur von einigen wenigen zu kommen. 87,3 % sind dagegen. Kurz wird das Richtige machen, das, was für das Land am besten ist; und das sind nicht die Grünen.
spiegerlguckerl 30.09.2019
3. Famoser Beitrag
"Mit einem grünen Gewissen an seiner Seite kann der Alpenmessias zeigen, was außer Showtalent noch in ihm steckt. Das ist eine große Chance für Österreich" - ich geselle mich zu Franznobel in dieser Hoffnung. Nicht nur für Österreich, sondern auch für Europa. Es bleibt in der Tat abzuwarten, ob des Alpenlandes Schwiegersohn zu einer echten Umkehr, also Bekehrung vom falschen angebraunten Weg, willens und in der Lage ist. Oder ob es bei seiner hypnotischen, hohlen Show bleibt. Letztere aber ist, seit jeher und unüberbietbar, das kostbare Erbe und Privileg der ehemaligen KuK Hof- und heutigen Staatsoper, wo ein neuer Direktor und neuer Musikdirektor reichlich Anlass für unterhaltsames Intrigenstadl bieten. Nicht nur für Wienerinnen und Wiener...;-)
Schartin Mulz 30.09.2019
4. Diese
Begeisterung für konservativ-grüne Bündnisse kann ich irgendwie nicht nachvollziehen. Mit der Merkel-CDU mag das ja nach angehen. Aber mit Kurz? Der gerade noch mit den Rechten regiert hat? Das würde ja einen vollkommenen Politikwechsel bedeuten. Unabhängig davon, ob man einen solchen Wechsel für gut hält, fragt man sich doch, was das für die Glaubwürdigkeit der Politik bedeutet. Wenn Kurz jetzt mit den Grünen koaliert und seine Politik zwangsläufig nach links verschiebt, dürfte mittel- udn langfristig vor allem dei FPÖ davon profitieren. Die Vorstellung, dass Wähler, die wegen der EU- und der Migrationspolitik FPÖ gewählt haben, wegen ein paar Skandalen jetzt linkere Parteien wählen, ist doch ziemlich naiv. Wer politisch rechts von der ÖVP steht, wird doch weiter bei der FPÖ bleiben. Dass die FPÖ in jedem anderen Land jetzt weg vom Fenster gewesen wäre, ist auch eine nicht durch Fakten gestützte Behauptung des Autors. Querelen und Skandale durchziehen doch die Geschichte so ziemlich aller rechten Parteien, ohne dass sie deshalb ihre Wähler verlieren. Und bei uns haben CDU und FDP damals die Parteispendenskandale auch ziemlich unbeschädigt überstanden.
pauli96 30.09.2019
5. So, das ist der dritte Gastkommentator
aus dem linksintellektuellen Spektrum in zwei Tagen. Nur zur Erinnerung, diese Politik hat die Wahl wohl verloren (SPÖ+Grüne zusammen weniger als ÖVP) Wie wäre es mit seriöser Berichterstattung?. Zum Beispiel welche Wähler was gewählt haben? Gibts in Deutschland immer Analysen bis zum Erbrechen. Mal paar O-Töne von ÖVP Wählern. Was erwarten die den wirklich von ihrem Kurz?. Wie ist den in Österreichs Wählerschaft die Koalitionsfrage präsent? Ach egal. Irgendwas, was nicht die Stimmung derer beschreibt, die maximal für 15 bis 20 Prozent der Österreicher sprechen.
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