Vargas-Krimi "Nacht des Zorns" Von allen guten Geistern besessen

Da gurren Vogel und Leser: Jean-Baptiste Adamsberg lässt eine Taube in seinem Schuh wohnen und sucht mythische Jäger im Wald. So lässig wie in dem Krimi "Die Nacht des Zorns" waren die Französin Fred Vargas und ihr Kommissar noch nie.
Krimiautorin Fred Vargas: Kosmos der eigenen Phantasie ist ihr genug

Krimiautorin Fred Vargas: Kosmos der eigenen Phantasie ist ihr genug

Foto: Louise Oligny

Hochsommer in Paris: Nachdem Jean-Baptiste Adamsberg, Chef der Brigade criminelle und leidenschaftlicher Träger schwarzer Leinenanzüge, den Mord an einer Rentnerin aufgeklärt hat, nimmt er sich einer Taube an, die, weil ihre Beine mit einem Seil gefesselt sind, sein Mitleid erregt. Künftig wird sie in einem Schuh des Kommissars wohnen, den der gelegentlich voller Nachsicht vom Taubendreck freikratzt. Ja, dieser Vogel hat es gut - doch so, wie der Vogel in Adamsbergs Schuh, hat es sich auch der Leser bequem gemacht. Und wenn er könnte, würde er gurren vor Behaglichkeit bei der Lektüre.

Willkommen in der Welt von Fred Vargas. Nur alle paar Jahre mal schreibt die Französin mit dem maskulin wirkenden Nom de plume einen Kriminalroman, doch fast immer sind die stimmungsvoller und auch viel exzentrischer als der Großteil dessen, was zwischendurch von anderen Krimiautoren veröffentlicht wurde. In Deutschland kann es wohl nur Heinrich Steinfest mit Romanen wie "Wo die Löwen weinen" und "Die Haischwimmerin" mit Vargas' freischwingend träumerischer Kriminalistik aufnehmen.

Im Fall von "Die Nacht des Zorns", Vargas' achtem Adamsberg-Krimi, könnte man zuerst glauben, auch die Autorin lehne sich diesmal zurück - sind die Grundbestandteile dieses Romans doch denen seiner beiden Vorgänger, "Die dritte Jungfrau" und "Der verbotene Ort" derart ähnlich, dass man fast an einen Bausatz glauben möchte. Statt Vampiren oder einer Überlieferung aus dem Mittelalter bildet diesmal das alte Schauermärchen von der Wilden Jagd die Ausgangslage für Vargas' Geschichte: Ein Seigneur Hellequin und seine Truppe jagen, so der Volksglaube, seit dem Mittelalter als Geister durch die Wälder der Normandie - ein realer Toter führt schließlich dazu, dass eine Greisin, die nicht der örtlichen Polizei, sondern nur Adamsberg Vertrauen schenkt, den Kommissar und seine Abteilung ins normannische Hinterland lockt.

Beeindruckender Busen

Das wirkt ein bisschen wie bei Georges Simenon, wo Kommissar Maigret ja auch fern realer Zuständigkeiten in ganz Frankreich ermittelte - und wie bei Asterix: Was dort die übernatürliche Kraft dank Zaubertrank, ist bei Vargas die jedes alltägliche Maß überschreitende Denkleistung, die sich ergibt, wenn Adamsberg und sein trunksüchtiger Stellvertreter Danglard einander in Intuition und kulturgeschichtlicher Bildung perfekt ergänzen.

Das realistisch grundierte Beiwerk der gemeinhin Alltag genannten Parallelwelt des wirklichen Frankreichs fährt Vargas in "Die Nacht des Zorns" selbst in den Nebenhandlungen noch weiter zurück als in ihren vorigen Büchern. Der Kosmos ihrer eigenen Phantasie ist ihr genug - und doch bringt Adamsberg den Fall zu einer stimmigen Auflösung. Ihm selbst und seinem Ermittlerteam geht es, anders als in vorigen Büchern, bei Vargas mittlerweile so gut wie der Taube im Schuh. Gelegentlich schielt er auf eine Dorfbewohnerin: Die ist nicht nur als Medium außerordentlich begabt, sondern hat auch einen beeindruckenden Busen. Mehr braucht Adamsberg nicht, um glücklich zu sein.

Fred Vargas hat mit diesem Buch das Hochplateau ihrer Kunst erreicht: Nichts wirkt angestrengt oder konstruiert, lässig entfaltet sich der Charme ihrer Geschichte - so en passant, wie Adamsberg seine Fälle löst.

Bislang fanden Sie an dieser Stelle die Krimis des Monats. Ab jetzt werden Kriminalromane auf SPIEGEL ONLINE einzeln rezensiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.