Internet-Denker Jaron Lanier Der Friedenspreis als Kriegserklärung

Mit der Verleihung des Friedenspreises des Buchhandels an Jaron Lanier finden zwei Verteidiger alter Machtstrukturen zusammen. Der einstige Netzguru Lanier ist längst zum Internetverächter geworden, der die Demokratisierung des Mediums verhöhnt.
Von Jürgen Geuter
Von Jason Lanier aufgebracht, wurde der Begriff des Avatars zum Massenphänomen

Von Jason Lanier aufgebracht, wurde der Begriff des Avatars zum Massenphänomen

Foto: DENIS POROY/ AP

Im Kontext der Frankfurter Buchmesse wird jedes Jahr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergeben an eine Person, die "in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat". Die Liste der Ausgezeichneten erstreckt sich über Autoren wie Hermann Hesse, Dissidenten wie den Chinesen Liao Yiwu oder Menschenrechtsaktivistinnen wie Susan Sontag, der Preis ist als politisches Statement zu werten, welches auf gesellschaftliche oder politische Probleme aufmerksam machen soll.

In diesem Jahr wurde der Künstler, Autor und Informatiker Jaron Lanier als Preisträger benannt. Die Wahl des Pioniers der Anfangsjahre des Internets, der nicht nur den Begriff "Virtual Reality" prägte, sondern auch den ersten digitalen Avatar entwickelte und damit als einer der Schöpfer des modernen Verständnisses des Internets als digitaler Lebenswelt gelten muss, ist dabei aus mehreren Gründen bemerkenswert.

Auf den ersten Blick ehrt der Buchhandel hier einen der Vertreter und Vordenker des Cyberspace und erkennt quasi pars pro toto die gesellschaftliche Relevanz und positive Wirkmacht des Digitalen an. Insbesondere mit Blick auf die erdbebenartigen Veränderungen, vor die die Digitalisierung der Welt den Buchhandel stellt, eine besondere, eine mutige Auszeichnung. Auf den zweiten Blick zeichnet sich allerdings ein anderes Bild.

Ist die Wikipedia nur ein digitaler Mob?

Denn seit Jahren, insbesondere mit seinen letzten Büchern "Gadget" (2010) und "Wem gehört die Zukunft" (2013) und Aufsätzen in diversen Zeitungen und Magazinen, tritt Lanier vor allem als scharfer und zynischer Kritiker des Internets auf.

Kollaborative Community-Projekte wie beispielsweise die Wikipedia, die generell durchaus als digitales Weltwunder und Zeugnis der Leistungsfähigkeit der Idee des Crowdsourcing und dezentraler Freiwilligenarbeit gesehen wird, hält Lanier für weitgehend wertlose und meist falsche Durchschnittsmeinung einer diffusen und anonymen Menschenmasse, eines "Hive Mind". Ein Projekt wie die Wikipedia könne kein Wissen oder neue Ideen erarbeiten, sondern sei grundsätzlich nur in der Lage, bestehende Ideen in einem mittelmäßigen Einheitsbrei aufzulösen, und sei immer in Gefahr, zu einem digitalen Mob zu werden.

Auch an der OpenSource-Bewegung, deren Linux-Betriebssystem die stärksten Großrechner der Welt, PCs, Notebooks, Smartphones bis hin zu winzigen eingebetteten Systemen am Laufen hält und die beispielsweise durch die Entwicklung des heute populären Webbrowsers Firefox die Modernisierung und offene Fortentwicklung des Internets erst wirklich initiiert hatte, lässt Lanier wenig Gutes und illustriert ihren grundlegenden Mangel an Innovationskraft und Kreativität immer wieder mit der Aussage, OpenSource habe schließlich nicht das iPhone hervorgebracht.

Für Lanier ist Kreativität, Innovation und künstlerische Schöpfung nur im Kontext des brillanten Individuums denkbar, das heute durch den "digitalen Maoismus", wie ihn das Internet hervorbringe, gefährdet sei. Hieraus leitet sich ein weiterer Kritikpunkt ab: Freie und OpenSource-Software habe auch versagt, weil sie einigen wenigen Firmen ermöglicht habe, große, zentralisierte Dienste und Datenbanken zu entwickeln, um im Folgenden von der Verarbeitung und Ausbeutung der Nutzerdaten zu profitieren.

Ins Verderben gelockte User

Dass Menschen ganz bewusst Daten in solche Dienste geben, um für sich aus Netzwerk- und Kooperationsgewinnen Mehrwert zu ziehen oder dass vielen die durch Werbung finanzierten und damit "kostenlosen" Dienste überhaupt erst Teilhabe ermöglichen, ist für Lanier undenkbar und nur Trugbild der "Siren Servers", die, wie die Sirenen aus Homers Odyssee, die unvorsichtigen Nutzer in ihr Verderben locken wollen.

Lanier ist eines der sichtbarsten Beispiele für die Figur des gefallenen und enttäuschten Internet-Optimisten. Und genau seinen Weg vom 20-jährigen Wunderkind und Digitalguru zum Internetverächter ist es, was der Buchhandel auszeichnet und hervorheben will.

Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist eine Kampfansage an das "Netz des Everybody", das Internet der Kollaboration und der Crowds, das Netz, in dem dezentrale Gruppen Wissen und Kultur schaffen. Er ist eine Ablehnung von Ideen wie OpenSource und Crowdsourcing, eine Forderung der Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen.

Vor allem ist er das laute Betteln, alles möge doch bitte endlich wieder werden wie früher.

Zum Autor

Jürgen Geuter lebt unter dem Namen tante  im Internet und ist als Wissenschaftler an einer Universität tätig. Er entwickelt innerhalb der datenschutzkritischen Spackeria  Konzepte für zukünftiges Zusammenleben und beschäftigt sich in diesem Rahmen insbesondere mit den Auswirkungen der Verdatung der Welt auf die Gesellschaft und ihre Individuen.