Friedenspreis des Buchhandels Chinua Achebe kritisiert Zerrbild Afrikas

Scharfe Kritik am Afrikabild in der europäischen und amerikanischen Literatur hat der diesjährige Friedenspreisträger des deutschen Buchandels, der nigerianische Autor Chinua Achebe geübt. Die Ehrung des 71-jährigen war am Sonntag am Rande der Frankfurter Buchmesse erfolgt.


Chinua Achebe erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels von Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann
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Chinua Achebe erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels von Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann

Frankfurt am Main - In seiner Dankesrede beklagte Achebe das Desinteresse westlicher Industrienationen am Nachbarkontinent Afrika. Achebe sagte, er habe mit seinen Werken das von vielen weißen Autoren entworfene Zerrbild der Afrikaner korrigieren wollen. Die Würdigung seiner "Bemühungen um Frieden durch Gerechtigkeit" sei für ihn mehr als eine kulturelle Ehrung: "Sie haben im Angesicht derer, die einen Unruhestifter in mir sehen, meine höchsten Hoffnungen und Ziele gestärkt. Sie haben mir, buchstäblich, mein Leben gerettet."

Europäische und amerikanische Schriftsteller wie Joseph Conrad und Ernest Hemingway hätten Schwarze in ihren Büchern nur als wilde, kaum der Sprache mächtige Randfiguren auftreten lassen, kritisierte Achebe. Selbst Albert Schweitzer habe dem Afrikaner nur den Rang eines jüngeren Bruders zugestanden und damit "eine ungeheuerliche Gotteslästerung" begangen. Die Menschen, mit denen er aufgewachsen sei, habe er in "diesen unmöglichen Figuren, hässlich, kaum als Menschen erkennbar", nicht wiedergefunden, sagte der 71-Jährige: "Deshalb beschloss ich, mich selbst im Schreiben zu versuchen, Figuren zu gestalten, die so waren wie die Menschen, die ich kannte".

In seinen Werken sprächen die Afrikaner auch kein Kauderwelsch: "Das Afrika, über das ich schreibe, wird nicht von Menschen bewohnt, denen es an der Gabe zu sprechen gebricht. Als ich heranwuchs, vernahm ich in meiner Dorfgemeinschaft mitunter wundervolle, kunstvoll ausgestaltete, immer aber effektive Worte."

Mangelhafte deutsche Schulbücher

An der Feierstunde nahmen knapp 700 Gäste aus Kultur, Wirtschaft und Politik teil, darunter Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der scheidende Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, sein Amtsvorgänger Michael Naumann und die bisherigen Friedenspreis-Träger Amos Oz, Assia Djebar und Karl Dedecius. Die Laudatio auf den 53. Träger der renommierten Auszeichnung hielt der Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), Professor Theodor Berchem. Er kritisierte die einseitige europäische Sichtweise bei der Darstellung Afrikas in Geschichte und Literaturgeschichte.

Berchem, Literaturwissenschaftler und Universitätspräsident in Würzburg, bescheinigte Achebe, Afrika keineswegs zu verklären. Er spare die negativen Seiten der Dorfgemeinschaft nicht aus, sondern zeichne ein authentisches Bild der traditionellen afrikanischen Gesellschaft. In seinem kunstvollen Umgang mit dem Englischen lasse er Eigenheiten seiner nigerianischen Muttersprache Ibo aufscheinen. Berchem kritisierte, dass deutsche Schulbücher die Geschichte Afrikas erst mit der Ankunft der Europäer beginnen ließen. Wenn es zu einem wirklichen Dialog kommen solle, müsse man dies als erstes ändern.

In über 50 Sprachen übersetzt

Börsenvereins-Vorsteher Dieter Schormann lobte den 71-Jährigen als "einen großen Humanisten und Mittler zwischen den Kulturen".

Trotz aller Globalisierung wüssten die Menschen in den westlichen Industrienationen über viele Kulturen der Welt fast nichts, bemängelte Schormann. Afrika sei für viele Menschen in Deutschland "der Kontinent der Krisen und Katastrophen, der Kriege, Kindersoldaten und Krankheiten, des Hungers und der Heimatlosigkeit". "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Gräben zwischen den Zivilisationen tief." Gerade das Buch könne sie überbrücken.

Chinua Achebe hat seit den 50er Jahren Romane, Essays, Erzählungen und Gedichtbände veröffentlicht, die in über 50 Sprachen übersetzt wurden. Seit den 70er Jahren lehrte der politische engagierte Autor in Nigeria und den USA, wo er heute als Professor für Literatur lebt. Seit einem Autounfall 1990 ist er an den Rollstuhl gefesselt. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 verliehen. Zu seinen Trägern zählen der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel, der Schriftsteller Martin Walser sowie der Philosoph Jürgen Habermas.



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