Friedenspreis an Liao Yiwu "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen"

Der chinesische Autor Liao Yiwu hat in einem Festakt der Frankfurter Paulskirche eindringlich vor der düsteren Menschenrechtslage in China gewarnt. Yiwu ist der diesjährige Träger des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Liao Yiwu bei der Preisverleihung: Gefoltert und bedroht vom Regime
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Liao Yiwu bei der Preisverleihung: Gefoltert und bedroht vom Regime

Von Oskar Piegsa, Frankfurt


Er wurde gefoltert, mit dem Tod bedroht, seine Manuskripte wurden beschlagnahmt, seine Flucht in die Freiheit lange verhindert - und jetzt steht er da: Liao Yiwu in der Frankfurter Paulskirche. Ein chinesischer Dissident in der Wiege der deutschen Demokratie. Und zwar: ganz unpathetisch. In demutsvollem Schwarz ist Liao Yiwu zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gekommen, ohne Schlips und Kragen.

Kahlköpfig und bartlos steht er da, obwohl er mal ein "Hippiedichter" gewesen sei, wie es eben noch in der Laudatio hieß - doch das war vor seinen Jahren zwischen Schmutz und Ungeziefer in chinesischen Gefängnissen. Kein musikalisches Begleitprogramm säumt die Reden der Friedenspreisverleihung, kaum Deko schmückt die karge Bühe, nur ein paar Blumen und etwas Bambus. Hier, in der Paulskirche, vertraut man auf die Macht der Sprache. Und dann spricht Liao Yiwu.

Mit der Verleihung des Friedenspreises am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse endet heute eine Woche, die an literarischen Ehrungen reich war. Nachdem die Buchmesse am Mittwoch im Anschluss an die Vergabe des Deutschen Buchpreises eröffnet worden war, überraschte am Donnerstag die Benennung des chinesischen Schriftstellers Mo Yan zum Träger des diesjährigen Literaturnobelpreises.

Kritik am Nobelpreisträger Mo Yan

Auch wenn niemand in der Paulskirche Mo Yan namentlich erwähnt - höchstens im Raunen zwischen Sitznachbarn - ist er doch präsent. Denn der Preis an den einen ist kaum zu trennen vom Preis an den anderen chinesischen Autoren. Während Liao Yiwus Bücher in der Volksrepublik verboten sind, ist Mo Yan dort ein Bestsellerautor. 2009 reiste Mo Yan als offizieller Vertreter Chinas zur Frankfurter Buchmesse, Liao war derweil mit einem Ausreiseverbot belegt. Einen "Volksschriftsteller" nennt der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, den heutigen Preisträger in seinem Grußwort. Doch Liao ist ein Volksschriftsteller, der in der Volksrepublik kaum Gehör findet, während angepasstere Autoren zu Stars werden.

Mo Yan sei "ein Staatsdichter", kritisierte Liao Yiwu im Vorfeld der Preisverleihung. Ähnlich streng urteilten der Künstler Ai Weiwei und Mitglieder des Pen-Clubs. In der öffentlichen Diskussion sind die Rollen seitdem klar verteilt: Hier der in Deutschland angesehene Dissident Liao Yiwu, dort Mo Yan, der in wenigen Tagen vom literarischen Geheimtipp zum Superschurken mutierte. Beide scheinen sich zu ergänzen wie Licht und Dunkelheit: Der eine potenziert die Wirkung des anderen.

Als Liao Yiwu kurz vor Mittag seine Festrede beginnt, sitzen rund tausend geladene Gäste im Halbrund der sonnendurchfluteten Paulskirche. Herta Müller ist gekommen, Wolf Biermann, in der ersten Reihe schimmert der honiggraue Schopf von Boualem Sansal, dem Preisträger aus dem Vorjahr. Bundespräsident Joachim Gauck hat sich angekündigt, um Liao zu ehren, ebenso wie diplomatische Vertreter aus einem halben Dutzend Länder - doch niemand aus China.

Ein Staat tötet seine Kinder

Warum, das wurde schon in der Laudatio der Kritikerin Felicitas von Lovenberg deutlich. Liao Yiwu sei kein Brückenbauer, sagte sie, niemand, "der uns das unbekannte China näherbringt, weil er in seinem Werk all die großen Unterschiede viel kleiner aussehen lässt." In Büchern wie "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" lässt Liao stattdessen Menschen vom Bodensatz der chinesischen Gesellschaft zu Wort kommen, in "Für ein Lied und hundert Lieder" beschreibt er die Qualen seiner Gefangenschaft und für das kürzlich erschienene Buch "Die Kugel und das Opium" interviewte er abermals Menschen, die in China mundtot gemacht werden. Das erlaube "einen ernüchternden, ja verstörenden Blick hinter die Fassade des großen Landes", lobte von Lovenberg.

An diese Worte knüpft Liao Yiwu in seiner Festrede an. Er erzählt von Lü Peng, einem neunjährigen Jungen, den es am 4. Juni 1989 auf die Straßen Pekings gezogen habe - und der erschossen worden sei, als jüngstes Opfer des Tiananmen-Massakers. Man müsse die Kinder schützen, um die Lebensenergie zu bewahren, sagt Liao mit Bezug auf den antiken Philosophen Laotse. Ein Staat, der seine Kinder töte, könne nicht von Dauer sein.

Liao spricht vom "diktatorischen chinesischen Großreich", das seine Staatsinstitute mit dem Namen Konfuzius schmückt, obwohl auch der zeitlebens ein Exilant und Flüchtling vor den Mächtigen gewesen sei. Er nennt das Morden die stille Übereinkunft so unterschiedlicher chinesischer Herrscher wie Mao Zedong und Deng Xiaoping. Und er klagt über die letzten Jahre in seiner Heimat, bevor er 2011 nach Deutschland floh: "Das Elend wurde immer schlimmer und die Menschen stumpften immer mehr ab, während die chinesische Wirtschaft zunehmend florierte."

"Sind die Chinesen noch Menschen?""

Liao sagt das alles auf Chinesisch, sein Publikum liest auf Deutsch mit. Würde man den Zorn in seiner Stimme erkennen, wenn man nicht um den Inhalt seiner Rede wüsste? Liao lässt keinen Zweifel an seinem Anliegen. Sieben Mal sagt er während seiner Ansprache einen Satz auf Deutsch: "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen." Mit jedem Mal sieht man weniger Schmunzeln über die gebrochene Aussprache im Publikum - die Erheiterung lässt nach, je länger Liao Yiwu spricht.

Dann singt er plötzlich, allein mit zwei Klangschalen, sein Lied für "Die Mütter von Tiananmen". Stark und klar dringt die Stimme des Dichters durch die Stille. Dann ertönen Flötenklänge aus den Lautsprechern, jenes Instruments, das Liao Yiwu im Gefängnis zu spielen lernte und mit dem er nach der Entlassung seinen Lebensunterhalt bestritt. Liao steht dazu stumm auf der Bühne, schlägt und streicht seine Schalen, von draußen kommt Glockengeläut. Am Ende lächelt Liao höflich, nickt und geht ab, lange bevor der tosende Beifall in der Paulskirche verklungen ist.

Wenige hundert Meter von der Kirche entfernt sind seine Bücher an diesem verkaufsoffenen Sonntag fast so hoch gestapelt wie der neue Roman von Joanne K. Rowling. Sein "Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen" enthält als kurzes, bitteres Vorwort einen Brief, den der Intellektuelle Liu Xiaobo seinem Freund Liao im November 1999 geschrieben hatte, nachdem er selbst gerade mal zwei Monate aus einem chinesischen Lager freigekommen war. "Sind die Chinesen noch Menschen?", fragt Liu darin.

Knapp zehn Jahre später wurde er erneut festgenommen, weil er als Unterzeichner der Charta 08 demokratische Reformen forderte. Liu Xiaobo bekam 2010 in Abwesenheit den Friedensnobelpreis verliehen, doch das änderte nicht viel. Sein Freund Liao Yiwu floh bald darauf aus seinem Heimatland. Und jetzt liegt sein Buch, das erst im Exil erscheinen konnte, ganz profan auf dem Warentisch einer Buchhandelskette.

Es ist ebenso wie Liaos Auftritt in der Paulskirche ein kleines Wunder unter dem Deckmantel der Bescheidenheit. Es zeigt: Man muss Liao Yiwu keinen Superschurken an die Seite stellen. Er glänzt von ganz allein.

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Why-not? 14.10.2012
1. Wunderbar...
Wohltuend, diese Bescheidenheit und tiefe Menschlichkeit von Liao Yiwu. Ein wunderbares Beispiel für einen Menschen, der trotz selbst durchgemachten unermesslichen Leids, Folter und Entbehrungen das chinesische Regime und die korrupte und machtbesessene Parteiführung nicht hasst, sondern nach einem friedlichen Weg sucht, die Verhältnisse zu ändern. Dabei hat er nichts als sein Wort. Wunderbar!
adal_ 14.10.2012
2. Klartext
Zitat von Why-not?Wohltuend, diese Bescheidenheit und tiefe Menschlichkeit von Liao Yiwu. Ein wunderbares Beispiel für einen Menschen, der trotz selbst durchgemachten unermesslichen Leids, Folter und Entbehrungen das chinesische Regime und die korrupte und machtbesessene Parteiführung nicht hasst, sondern nach einem friedlichen Weg sucht, die Verhältnisse zu ändern. Dabei hat er nichts als sein Wort. Wunderbar!
Von Versöhnlichkeit gegenüber dem Regime keine Spur. Liao Yiwu spricht Klartext: [i]"Dieses Imperium muss auseinanderbrechen" "Westen macht gemeinsame Sache mit den Henkern" "Nach dem Tiananmen-Massaker setzte sich die blutige Unterdrückung fort, gegen die Angehörigen der Opfer des Massakers, gegen Qigong-Gruppen, Falun-Gong, die Demokratische Liga Chinas, Beschwerdeführer, enteignete Bauern, Arbeitslose, Anwälte, Untergrundkirchen, Dissidenten, die Opfer des Erdbebens von Sichuan, die Unterzeichner der Charta 08, die Anhänger der Jasminrevolution, Tibeter, Uiguren und Mongolen – die Fälle häufen sich und die Tyrannei geht auf hohem Niveau weiter. (..) Unter dem Deckmantel des freien Handels machen westliche Konsortien mit den Henkern gemeinsame Sache, häufen Dreck an. Der Einfluss dieses Wertesystems des Drecks, das den Profit über alles stellt, nimmt weltweit überhand."[/i ]
spon-facebook-10000051328 14.10.2012
3. Seit Genschers Zeiten bereits
´´Den Löwenanteil erhielten die BRIC-Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China, die seit Jahren mit einem hohen Wirtschaftswachstum glänzen. Allein Russland erhielt in den Jahren 1995 bis 2009 rund zwölf Milliarden Euro, China rund sechs Milliarden und Indien vier Milliarden Euro.Auch in aktuelle Krisengebiete fließt das Geld: Nach Irak sind es sogar sieben Milliarden Euro, wobei der Löwenanteil ähnlich wie bei Nigeria und Kamerun auf den Schuldenerlass zurückgeht. Afghanistan erhält wie Pakistan demgegenüber nur etwa 1,2 Milliarden Euro. Selbst autoritäre Regime profitieren von der deutschen Entwicklungshilfe: Syrien erhielt rund eine Milliarde Euro, wobei das Geld hauptsächlich wieder in den Schuldenerlass sowie in Wasser- und Bildungsprojekte floss.´´ Wie ein Daten-Mashup die deutsche Entwicklungshilfe aufschlüsselt (http://blog.zdf.de/hyperland/2011/10/wie-ein-daten-mashup-die-deutsche-entwicklungshilfe-aufschluesselt/) Interessanterweise erhielten jedoch einige Staaten auf europäischem Boden mehr Geld: Spitzenreiter ist EU-Mitgliedstaat Polen mit 2,8 Milliarden, die vor allem in den Bildungssektor fließen. Die EU-Anwärter Serbien und Türkei erhielten jeweils rund zwei Milliarden Euro. Das gegenwärtige Sorgenkind Griechenland bekam übrigens nichts – wie auch Irland und Portugal. Assads Vater war schon Mitte der 880er Jahre bei Kohl und Genscher in Deutschland zu Besuch und Gast beim DIHT der schon damals eine lange und gewinnbringende Kooperation mit Syrien und Lybien, China, Irak & Iran begann. Westerwelle agiert diesbezüglich wie ein Elefant im Glasgeschäft.
rolandjulius 14.10.2012
4. China als Mitglied des freien Welthandels.
China ist heute schon viel zu mächtig um irgendwelche Sanktionen fürchten zu müssen. Ihre Innenpolitik wurde von der Handels oder Wirtschaftspolitik abgetrennt. Dissidenten gibt es überall, verfolgt werden sie auch überall, nur heißen sie im Westen nicht so.
Newspeak 14.10.2012
5. ...
"Der Einfluss dieses Wertesystems des Drecks, das den Profit über alles stellt, nimmt weltweit überhand." Sehr gut beschrieben. Und Deutschland steht an der Spitze der Verlogenen.
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