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Margaret Atwood: Unkorrumpiert politisch

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Friedenspreis für Margaret Atwood Gegen Unterdrückung jeder Art

Nobelpreis, pah! Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet zu werden, ist das Beste, was Margaret Atwood passieren konnte. Keine ist so politisch wie sie.

"Nolite te bastardes carborundorum": Dieser Satz aus halb erfundenem Quatsch-Latein taucht als Geheimbotschaft in Margaret Atwoods beklemmendem Endzeitroman "Der Report der Magd" auf. Eine Art Insiderwitz, er stammt aus Atwoods Schulzeit und heißt so viel wie: "Lass dich von den Bastarden nicht unterkriegen."

Es mag Atwood gewurmt haben vor knapp vier Jahren, als ihre Kollegin Alice Munro den Literaturnobelpreis gewann. Weil damit klar war, rein statistisch: Auf absehbare Zeit wird diese Auszeichnung nicht an eine weitere Kanadierin gehen.

Was ein Glück.

Denn mit etwas selbstbewussterer Attitüde lässt sich sagen: Mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Atwood nun erhalten soll, wird ihr Schaffen in toto adäquater gewürdigt. Eben weil er im Kern einer der politischsten Buchpreise weit und breit ist, mit dem so unterschiedliche Autoren wie Susan Sontag, David Grossmann, Navid Kermani, Jaron Lanier und zuletzt Carolin Emcke bedacht wurden. Den bekommt keiner, weil er eben endlich mal "dran" ist und ewig auf irgendwelchen Listen gehandelt wird. Was die Ausgezeichneten eint: ihre Haltung, mit der sie sich in die Brandung öffentlicher, zeitgenössischer Diskurse stellen. Sie sind jene, die bei all dem Getöse daran erinnern, wo die Route verläuft, an der wir uns orientieren sollten.

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Margaret Atwood: Unkorrumpiert politisch

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Nun also Atwood, die von Gedichten über Science-Fiction-Serien, Apokalypse-Thrillern, historischen Romanen bis Comics und aufrüttelnden Sachbüchern schon alles geschrieben hat. Es gibt keine andere zeitgenössische Autorin, die mit so viel Verve, so unkorrumpierbar, in so unterschiedlichen Genres gegen Unterdrückung jeder Art anschreibt wie sie. Und damit Menschen ihrer eigenen Generation ebenso erreicht wie jene, die den "Report der Magd" nur als aktuelle TV-Serie kennen; als erschreckenden Kommentar auf die Ära Trump.

Wer sich Atwoods Schaffen anschaut, sieht zuerst, dass ihre Themen keinen Moden unterworfen sind. Mit "Der Report der Magd" oder "Alias Grace" hielt sie uns vor Augen, was rigide Herrschaftssysteme und Überwachungsgesellschaften mit unserer Humanität anrichten, als die Wirkung von Orwells "1984" zu verblassen begann. Die Diskussion ums Anthropozän mit all seinen Dystopien nahm sie in ihrer "MaddAddam"-Trilogie vorweg, bevor das Wort "Klimaroman" auch nur erfunden war.

Was sich mit "Nature Writing" als eigenes Genre etabliert hat, begann sie schon mit ihrem zweiten Roman "Surfacing", der paradigmatisch für ihren Ansatz stand, die Dinge an die Oberfläche zu holen; so wie die Figuren ihrer Geschichten ihr Leben ans Tageslicht holen. Und in ihrem ersten Roman "Die essbare Frau" erzählte sie bereits 1969 eine Geschichte über Körperbilder und Selbstdefinition, die nicht zeitloser sein könnte - und sich etwa ganz aktuell in Selbstliebe-Dokus wie "Embrace" spiegelt.

Atwood auf "Frauenthemen" zu reduzieren - was hier und da immer noch passiert - hieße, sie fundamental misszuverstehen. Oder anders: Wenn es eine gibt, die Feminismus im inklusivsten Sinne versteht, als Ablehnung jeglicher Form von Unterdrückung, über alle Kategorien hinweg - dann sie. Als permanenten Gegenentwurf feiert sie die Kreativität, den Schaffensprozess an sich: als Möglichkeit des Undenkbaren. Um uns zu zeigen, dass Freiheit immer nur mit einer Absage an Ausgrenzung gedacht werden kann.

Beharrlich schauen auf das, was nach uns kommt

Wahrscheinlich rührt daher ihr Drang, diese Themen in allen Formaten durchzudeklinieren. Ihre Produktivität ist legendär, allein im vergangenen halben Jahr sind drei Bücher von ihr auf Deutsch erschienen, die nicht unterschiedlicher sein könnten: der Kurzgeschichtenband "Die steinerne Matratze", in dem mies gelaunte Witwen Protagonistinnen sein dürfen; die so rührende wie bösartige Neu-Interpretation von Shakespeares "Der Sturm" namens "Hexensaat"; und "Das Herz kommt zuletzt", eine dystopische Science-Fiction-Wirtschaftskomödie rund um ein Pärchen, das sich auf ein bizarres Sozialexperiment einlässt.

"Indem sie menschliche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht vermeintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann", kommentierte die Friedenspreis-Jury unter anderem. Diese Zeitlosigkeit ist Atwoods Zentrum, sie ist "suspendiert" im Wortsinn: aufgehoben im Dazwischen. Dass ihr das gelingt, hat untrüglich damit zu tun, dass sie sich auch mit 77 mit Verve in kreative Prozesse wirft, ihre Romane "Report der Magd" und "Alias Grace" in TV-Serien umwandelt, keine Scheu hat vor dem Pingpong auf Twitter oder ein Manuskript schreibt für ein auf 100 Jahre angelegtes Kunstprojekt im norwegischen Wald.

Dass sie so beharrlich auf das schaut, was nach ihr, was nach uns kommt, bestimmt ihre Welthaltung. Eine gesellschaftspolitische Energie, die so ansteckend sein kann, wie es eben beste Literatur vermag. "Frauen meiner Generation", schrieb Atwood einmal in einem Sammelband, "wurde nonstop gesagt: Du sollst nicht" und: "Wenn du nichts Nettes sagen kannst, sag gar nichts." Vor diesem Dilemma steht man bei Margaret Atwood allerdings nie.

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