Friedenspreis Magris beklagt "Schwäche und Zerrissenheit Europas"

Europa uneins, handlungsunfähig und voller unsichtbarer Grenzen, seine Heimat Italien ein Land, in dem Hysterie und Gesetzlosigkeit drohen: Claudio Magris, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, zeichnete in seiner Dankesrede ein düsteres Bild vom Zustand des Kontinents.
Preisträger Magris in der Paulskirche: "Wir wiegen uns in der Illusion, ohne Krieg zu leben"

Preisträger Magris in der Paulskirche: "Wir wiegen uns in der Illusion, ohne Krieg zu leben"

Foto: A3602 Frank Rumpenhorst/ dpa

Frankfurt am Main/Hamburg - Er gilt als großer Europäer und wurde aus eben diesem Grund auch mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. So stand zu erwarten, dass sich der Italiener Claudio Magris bei seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche mit dem lamentablen politischen und intellektuellen Zustand des Kontinents auseinandersetzen würde. Er enttäuschte seine Zuhörer nicht.

Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels warnte vor einem neuen Populismus und neuen Barrieren in Europa, die "Demokratien ohne Demokratie" erschaffen würden. "Jede Bedrohung der Demokratie ist eine Gefahr für den Frieden, ganz gleich in welcher Form sie auftritt", sagte Magris bei der Entgegennahme der Auszeichnung.

In seiner Rede monierte der in Triest lebende Germanistik-Professor, Essayist und Romancier, dass es "bisweilen unsichtbare Grenzen" zwischen Einheimischen und Einwanderern in europäischen Großstädten gebe. Eine beklagenswerte Situation, denn: "Auf Europa wartet die große und schwierige Aufgabe, sich den neuen Kulturen der neuen Europäer aus der ganzen Welt zu öffnen, die es durch ihre Mannigfaltigkeit bereichern."

Der dritte Weltkrieg

Voraussetzung dafür sei jedoch, dass in Europa Werte wie die rechtliche Gleichstellung aller Bürger - unabhängig von Geschlecht, Religion oder Volkszugehörigkeit - nicht mehr in Frage gestellt würden. Nur ein "wirklich geeintes Europa" als dezentralisierter echter Staatenbund sei aber fähig, dieses und andere Probleme zu lösen. Von diesem erstrebenswerten Zustand sieht Magris die Europäische Union hingegen weit entfernt; er beklagte die "gegenwärtige Schwäche und Zerrissenheit Europas".

Diese Diagnose war wohl auch auf den intellektuellen Horizont der Europäer gemünzt, denn relativ deutlich konstatierte Magris Selbstzufriedenheit und Ignoranz: "Wir wiegen uns in der Illusion, ohne Krieg zu leben, weil der Rhein keine von Hunderttausenden von Soldaten umkämpfte Grenze mehr ist oder weil auf dem Karst hinter Triest nicht mehr diese Grenze verläuft, die der unüberwindbare Eiserne Vorhang war und ein Pulverfass zugleich."

Dabei habe längst der dritte Weltkrieg stattgefunden: "Ungefähr 20 Millionen Tote nach 1945, die im Unterschied zu denen des Zweiten Weltkrieges so gut wie unbekannt geblieben und einem brutalen Vergessen anheim gegeben sind." Krieg, das sei nicht nur das Blutbad in Biafra oder der 11. September 2001 in New York; Krieg sei auch das Morden der Mafia oder der Handel mit Organen von Kindern, die eigens deswegen getötet würden.

"Hysterisch und symptomatisch in ihrer Brutalität"

Besonders kritisch setzte sich Magris, seit Jahren auch Anwärter auf den Literaturnobelpreis, mit seinem Heimatland Italien auseinander. Die Reaktionen auf die aus Afrika kommenden Bootsflüchtlinge etwa seien "hysterisch und symptomatisch in ihrer Brutalität". Zudem attackierte er ein neues Gesetz, das Bürgern erlaube, selbst die Ordnung und Sicherheit im Einwandererland Italien zu kontrollieren. "Als italienischer Patriot hoffe ich, dass mein - im übrigen bezauberndes - Land nicht noch einmal Vorkämpfer in negativem Sinn sein wird: Den Faschismus in Europa haben schließlich wir erfunden, auch wenn uns danach andere in ihrem Eifer weit übertroffen haben."

Weiter kritisierte Magris die "Beschneidung der Justiz" in seinem Land, ohne Ministerpräsident Silvio Berlusconi direkt zu nennen. Damit rücke der "düstere Traum von einem Leben ohne Gesetz oder mit so wenig Gesetz wie möglich" näher. Berlusconi hatte nach der vom Verfassungsgericht Anfang Oktober beschlossenen Aufhebung seiner Immunität die Richter scharf angegriffen.

Zuversicht und Schönheit

In seiner Laudatio sagte der Historiker Karl Schlögel, dass Magris Europa Zuversicht und Schönheit gegeben habe. Das Werk des 70-Jährigen sei "Aufklärungsarbeit, die mit Leidenschaft gepaart ist". Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, bezeichnete Magris als "engagierten Visionär der kulturellen Identität eines zukünftigen Europa".

Die Jury des Börsenvereins hatte die Wahl von Magris damit begründet, dass er sich "wie kaum ein anderer mit dem Problem des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt hat". In seiner ganz eigenen literarischen Weise hebe er dabei hervor, "wie kreativ die Verschiedenheit sein kann, wenn sie denn in ihrer Eigenart geachtet und beachtet wird".

Der zum Abschluss der Buchmesse verliehene Friedenspreis - mit 25.000 Euro dotiert - gehört seit 1950 zu den wichtigsten deutschen Kulturauszeichnungen. Er wurde vom Dachverband der deutschen Buchbranche zum 60. Mal vergeben. Zu den Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Jürgen Habermas (2001) oder Orhan Pamuk (2005). Im vergangenen Jahre hatte mit Anselm Kiefer erstmals ein Bildender Künstler den Preis erhalten.

tdo/AP/dpa