Friedenspreisträgerin Sontag "Bushs verbitterter Unmut"

Sie wettert gegen "imperialistische Tendenzen" in den USA, bezeichnet Wahlgewinner Schwarzenegger als "Witzfigur", lobt den Pazifismus der Deutschen: Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag wurde in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der US-Botschafter hatte eine Teilnahme abgelehnt.


Preisträgerin Sontag: "Manchmal muss ich mich kneifen"
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Preisträgerin Sontag: "Manchmal muss ich mich kneifen"

Frankfurt - Sontag kritisierte am Sonntag in ihrer mit Spannung erwarteten Rede das "imperiale Programm" von Präsident George W. Bush. Die Kluft zwischen dem alten und dem neuen Kontinent lasse sich in der unmittelbaren Zukunft nicht schließen, "und doch kann man diejenigen nur verurteilen, die diese Unterschiede noch vergrößern wollen, während wir doch tatsächlich so viel gemeinsam haben", sagte Susan Sontag, 70, in der Frankfurter Paulskirche. Dort erhielt die als scharfe Kritikerin der Bush-Regierung bekannte Intellektuelle als 54. Preisträgerin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Vor ihrer Rede hatte Sontag die Abwesenheit von US-Botschafter Daniel Coats kritisiert, der mit der Ablehnung der Einladung zur Preisverleihung deutlich gemacht habe, "dass ihm an einer Bekräftigung der ideologischen Position und des verbitterten Unmuts der Regierung Bush mehr liegt als daran, die Interessen und das Ansehen seines - und meines - Landes zu vertreten, indem er einer normalen Diplomatenpflicht nachkommt".

Es sei "kein Zufall, dass der energische amerikanische Verteidigungsminister einen Keil zwischen die Länder Europas zu treiben versuchte, indem er auf unvergessliche Art zwischen dem "alten" (schlechten) und dem "neuen" (guten) Europa unterschied", sagte Sontag in ihrer Rede in Anspielung auf Donald Rumsfelds Äußerungen vor dem Irak-Feldzug. Sie erinnerte daran, dass es seit Gründung der Vereinigten Staaten als "neo-europäischem Land" stets einen unterschwelligen Gegensatz zum "alten" Europa gegeben habe.

Unverständnis äußerte Sontag über die Kritik der USA an der ablehnenden Haltung Deutschlands zum Irak-Krieg. "Manchmal muss ich mich kneifen, um sicher zu sein, dass ich nicht träume (...) Das neue "deutsche Problem" besteht nun offenbar darin, dass sich die Deutschen vom Krieg abgestoßen fühlen." Man könne einem Land, das fast ein Jahrhundert lang Schrecken über die Welt gebracht habe, jetzt nicht vorwerfen, pazifistisch zu sein. Den Menschen in den USA fällt es nach Ansicht von Sontag schwer, die Welt nicht in polarisierenden Kategorien - "die" und "wir" - zu sehen. Das begünstige nun die "imperialistischen Tendenzen" der US-Politik. "Die Amerikaner haben sich daran gewöhnt, die Welt als eine Welt von Feinden wahrzunehmen."

Bereits am Samstag hatte Sontag auf der Frankfurter Buchmesse mit deutlichen Worten und Kritik an der amerikanischen Politik nicht gespart. Die Bush-Regierung bezeichnete sie als imperialistisch und den Sieg des Schauspielers Arnold Schwarzenegger bei den Gouverneurswahlen im US-Bundesstaat Kalifornien als "schlechten Witz".

Die 1933 als Kind einer gutbürgerlichen jüdischen Familie in New York geborene Sontag ist mit kunst-, kultur- und zeitkritischen Essays, aber auch Romanen und Theaterstücken bekannt geworden. In ihrer Rede beschrieb sie sich selbst: "In erster Linie bin ich weder eine Kulturbotschafterin noch eine eifernde Kritikerin der Regierung meines Landes. Ich bin eine Geschichtenerzählerin."

Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist mit 15.000 Euro dotiert. Unter den Geehrten waren unter anderem Hermann Hesse, Albert Schweitzer, Carl Friedrich von Weizsäcker, Astrid Lindgren und Martin Walser.



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