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Gestorben Friederike Mayröcker, 96

aus DER SPIEGEL 24/2021
Foto:

Isolde Ohlbaum/laif

Am Ende war sie beinahe ganz verschwunden hinter all den Zetteln und Notizen, Manuskripten und Büchern im Schreibkabinett ihrer Wohnung im 5. Bezirk von Wien. Ein Raum, in den die österreichische Dichterin nur ungern jemanden einließ, denn Gäste standen unter dem Verdacht, etwas durcheinanderzubringen in dem Reich der Worte, das sie errichtet hatte. »Autofiktion« ist die Poesie von Friederike Mayröcker genannt worden, und das passt, denn ihre Gedichte stiegen nicht nur aus ihrem Leben hervor, ihr Leben waren diese Worte. Geboren 1924 in Wien, fing sie schon als Mädchen an zu schreiben und arbeitete nach dem Krieg viele Jahre lang als Lehrerin. 1954 lernte sie den Dichter Ernst Jandl kennen, mit dem sie bis zu seinem Tod im Jahr 2000 ein wortakrobatisches Paar bildete. Mayröcker war eine freie, radikale Poetin. Über 100 Bücher hat sie geschrieben, eines schöner als das andere – wobei ihre Gedichte noch einmal besonderen Zauber entfalteten, wenn Mayröcker selbst sie vorlas. Danach hörte man ihre Stimme, sobald man eines ihrer Bücher auch nur zur Hand nahm. Friederike Mayröcker starb am 4. Juni in Wien.

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