Friederike Mayröcker "Es ist ein einziges Chaos"

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker, 76, über ihre Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis, ihr Leben mit Ernst Jandl und die Trauer über seinen Tod.


Preisträgerin Mayröcker: "Es war mir zu blöd"
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Preisträgerin Mayröcker: "Es war mir zu blöd"

SPIEGEL:

Frau Mayröcker, am Samstag dieser Woche sollen Sie in Darmstadt die wohl wichtigste deutsche Literatur-Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis, entgegennehmen. Freuen Sie sich?

Mayröcker: Als ich den Anruf erhielt, ob ich den Preis annehmen würde, habe ich mich sehr gefreut. Dann aber bin ich in der Wohnung umhergelaufen und habe geheult: So, jetzt ist der Büchner-Preis da, und Ernst Jandl ist nicht mehr da! Ich war todunglücklich. Ich hatte nicht gedacht, dass es mich ein Jahr nach seinem Tod noch einmal so erwischen würde. Dann habe ich aber gleich angefangen, an meiner Rede zu arbeiten. Das hat mir geholfen.

SPIEGEL: Ihr Lebenspartner Ernst Jandl, dem Sie 1954 begegneten, war als Schriftsteller bekannter als Sie, mit einigen seiner Gedichte geradezu populär. Gab es Spannungen?

Mayröcker: Ich war völlig neidlos. Ich habe mich über seine Erfolge gefreut. Und er war begeistert, wenn bei mir mal etwas gut gelaufen ist.

SPIEGEL: Heißt das, Sie lebten immer in reiner Harmonie?

Mayröcker: In der ersten Zeit haben wir uns so geliebt, dass wir uns ständig gestritten haben. Immer über Lächerliches, nie über Literatur. Später war es wirklich die reine Harmonie, besonders in der allerletzten Zeit.

SPIEGEL: Sie mussten beide eine Weile warten, bis Sie ­ zeitgleich 1956 ­ einen Verlag fanden: Ihre Texte galten als experimentell und extrem unverkäuflich.

Mayröcker: In der Phase haben wir uns gegenseitig Mut machen müssen.

SPIEGEL: Sie haben in Ihrem "Requiem für Ernst Jandl", einem kleinen Prosaband voller Erinnerungen, berichtet, dass Sie nach seinem Tod überhaupt erst wieder langsam das Lesen lernen mussten*.

Mayröcker: Ich war zunächst so verzweifelt, dass ich immer nur herumrennen und heulen musste. Ich konnte nicht still sitzen. So kam es zu diesem Buch. Wenn ich schon nicht lesen konnte, wollte ich wenigstens schreiben. Entstanden sind so das "Requiem" und viele Gedichte über Ernst Jandl, die noch nicht veröffentlicht sind.

SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, über das "Requiem" hinaus die Geschichte Ihrer Gemeinschaft mit Jandl zu erzählen, ganz konventionell und ausführlich?

Mayröcker: Ich habe schon daran gedacht. Aber ich brauche Zeit. Ich kann mir das vorstellen. Was übrigens oft missverstanden wurde: Es gab, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie eine literarische Zusammenarbeit zwischen uns beiden.

Mayröcker- Lebensgefährte Jandl: "Er hatte das Interesse verloren"
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Mayröcker- Lebensgefährte Jandl: "Er hatte das Interesse verloren"

SPIEGEL: Stimmt es, dass Jandl sich in den letzten Jahren seines Lebens kaum mehr für das Schreiben interessierte?

Mayröcker: Ja, er hatte das Interesse verloren. Ich habe ihm immer wieder gesagt: Leg doch die neuen Sachen in eine Mappe! Er hat ja hier und da etwas notiert, oft nur ein paar Zeilen. Aber das dann abzulegen und zusammenzuhalten, das konnte er nicht mehr. "Die Literatur ist aus", hat er gesagt.

SPIEGEL: Halten Sie denn Ordnung bei Ihren Texten?

Mayröcker: Nein, es ist ein einziges Chaos. Meine Wohnung kann außer mir niemand mehr betreten, überall Papiere, Entwürfe, Bücher, Zeitungen. Das hat sich nun wie Efeu in die Wohnung darüber ausgebreitet, in der Ernst Jandl am Schluss wohnte. Es ist praktisch kein Platz zum Sitzen mehr.

SPIEGEL: Wie kommt das?

Mayröcker: Wo immer ich stehe und gehe, mache ich Notizen auf Zettel, die ich dann irgendwo hinlege ...

SPIEGEL: ... und die Sie dann später wiederfinden?

Mayröcker: Ich habe körbeweise Material. Aber wenn etwas zu lange liegt, geht die Zündkraft verloren. Außerdem kann ich meine eigene Schrift oft nicht mehr lesen.

SPIEGEL: Sie schreiben Lyrik und Prosa. Oder ist das für Sie gar nicht so zu trennen?

Mayröcker: Das ist ein großer Unterschied! Ich spüre es fast körperlich. Es fühlt sich anders an, ich sitze anders. Das Schreiben von Gedichten hat für mich etwas mit Aquarellzeichnen zu tun, während die Prosa mehr Bildhauerei ist.

SPIEGEL: Die fünf Bände "Gesammelte Prosa", mit denen Sie der Suhrkamp Verlag nun ehrt, umfassen zusammen rund 2500 Seiten. Wird für Ihre Lyrik Vergleichbares folgen?

Mayröcker: Das wäre schön. Aber das würde noch wesentlich umfangreicher ausfallen.

SPIEGEL: In Ihrer Prosa gehen Sie verschlungene Wege. In einem Ihrer Bücher sagt die Ich-Erzählerin, dass sie sofort abbreche, wenn sich etwas wie eine "Erzählhaltung" einstelle. Warum?

Mayröcker: Bei mir ist es am Anfang immer so, dass ich einen schönen Erzählweg betreten möchte, doch schon bald sabotiere ich ihn, ganz bewusst. Ich sabotiere den geraden Weg, biege ab und fühle mich erst dann ganz in meinem Bereich. Sonst würde ich schnell die Lust am Schreiben verlieren.

SPIEGEL: Eine Eigenart von Ihnen war früher die Schreibung "sz" für "ß" ­ fast eine Art Markenzeichen. Sie haben das aufgegeben?

Mayröcker: Der Buchstabe fehlte auf meiner Maschine. Das war der ganze Grund. Ich schreibe aber immer noch "sz", der Verlag macht "ß" daraus.

SPIEGEL: Ist die Zeit der Experimente für Sie vorbei?

Mayröcker: Pures Experiment habe ich nur zu Beginn betrieben, 1971 habe ich aufgehört. Es war mir zu blöd. Eines Tages hat man es satt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie jemand dabei bleiben kann. Das macht Spaß, aber irgendwann muss man das hinter sich lassen.

INTERVIEW: VOLKER HAGE


* Friederike Mayröcker: "Requiem für Ernst Jandl". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.; 44 Seiten; 24 Mark.
** Friederike Mayröcker: "Gesammelte Prosa". Fünf Bände. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; zusammen 2500 Seiten; 248 Mark.



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