Zum Tod von Friederike Mayröcker Lasst die Wörter aufjaulen!

Die Sprache zu stören, das war ihr Ziel. Der langweiligen Grammatik nicht folgen, sie selbst machen. Jetzt ist die radikale, freie Dichterin Friederike Mayröcker gestorben – sie wurde 96 Jahre alt.
Ein Nachruf von Volker Weidermann
Lyrikerin Mayröcker 1984: Nur die Buchstaben zählen

Lyrikerin Mayröcker 1984: Nur die Buchstaben zählen

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Imagno / Hulton Archive / Getty Images

Am Ende war sie fast verschwunden, hinter all den Bergen von Zetteln und Manuskripten und Büchern in ihrer Wohnung im fünften Bezirk in Wien. Friederike Mayröcker, die große Dichterin, Sprachschöpferin, Sprachformerin, Büchner-Preisträgerin, die Frau mit dem »euphorischen Auge« ist heute im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben. Es war ihr Ziel, dass ihre Person hinter dem Werk verschwinden möge. Nur die Buchstaben sollten zählen, nur die über hundert Bücher, die sie schrieb. Und so türmte sie Papier auf Papier um sich her. Bedauerte nur, dass sie mit den Jahren längst auch ihre eigenen Bücher darin nicht mehr wiederfand.

»Im 24. Winter dieses Jahrhunderts hat es mich plötzlich gegeben«, hat Friederike Mayröcker geschrieben. Also: im Dezember 1924 kam sie in Wien zur Welt. Ihr Vater war zunächst Schuldirektor, ihre Mutter Puppenmacherin, sie probierten neue Leben, die nicht funktionierten, gründeten ein Taxiunternehmen, eine Weinhandlung, alles scheiterte. »Wir waren bettelarm«, hat Friederike Mayröcker später gesagt.

Irgendwie hat der Vater seiner einzigen Tochter aber früh zu Weihnachten einen gebrauchten Bösendorfer Flügel geschenkt. Als vage Aufstiegshoffnung mittels der Kunst. Doch sie quälte sich mit dem Üben und nutzte das Instrument als Stehpult zum Schreiben. Und schreiben war ihre Welt. 1939 schrieb sie die ersten Gedichte. Der Krieg begann. Ans Veröffentlichen war nicht zu denken.

Nach dem Krieg arbeitete sie als Lehrerin, 23 Jahre lang, eine halsschnürende Qual hat sie diese Arbeit genannt. Aber sie schrieb immer und unaufhörlich. Experimentell, eigenwillig, immer der eigenen, spontanen Grammatik folgend, mal Poesie, mal Prosa, oft vermischt. »Proeme« hat sie es einfach genannt. 1954 lernt sie den Dichter Ernst Jandl kennen. Die beiden werden ein enges, wortakrobatisches, gemeinsam wachsendes Dichterpaar. Sie leben nie in derselben Wohnung, sind aber unzertrennlich. 1966 haben sie endlich beide mit einem Buch Erfolg, Jandl mit »Laut und Luise«, Mayröcker mit »Tod durch Musen«.

130 Jahre hatte sie als ihr Wunschalter angegeben

Sie haben einander viele Gedichte gewidmet, Mayröcker ihm zum Beispiel dieses:

»Lassen Sie die Wörter aufjaulen!

Machen Sie öfters mal boingg-boingg!

Vergessen Sie die ganze Sprache.

Legen Sie die Silben aufs Eis! Wärmen Sie sich an den Deklinationen die Füße!

Stören Sie die Sprache ein wenig mehr!

Drücken Sie sie gegen die Wand bis sie schreit!«

Die Sprache zu stören, das war ihr Ziel. Der langweiligen Grammatik nicht folgen, sie selbst machen. Dafür sind wir auf der Welt. Die Dinge sehen doch oft ganz anders aus, als Jahrhundertregeln sie uns zu benennen vorschreiben. Friederike Mayröcker war eine radikale, freie Dichterin. Sie verwandelte ihre Welt in Papier. Denn sie war ja nicht nur umstellt von diesen Buchstabentürmen, sie schrieb auch mitunter scheinbar regellos hier und da. Nur weil ein Blatt Papier irgendwann endet, muss ja nicht das Schreiben enden. Und so setzte sich mancher Text auf Wänden oder Tischen fort.

Als Ernst Jandl 2000 starb, hat sie viele, viele Gedichte und Texte lang um ihn geweint. »Ach Sternenzeug«, heißt es dort, »und plötzlich wach ich auf aus bleichen Träumen sehe ihn leuchtend vor mir.«

In den letzten Jahren hat Friederike Mayröcker immer wieder Bücher veröffentlicht, von denen es hieß, dass es die letzten wären. Immer wieder ein letztes Buch. Das war lange schon zu einem schönen Lebenswitz geworden. Mayröcker stirbt eben nicht. Mayröcker schreibt. Gestützt von den Buchstabensäulen ihrer Welt.

Sie hatte es sich auch einfach sehr früh vorgenommen, möglichst lange hierzubleiben. 130 Jahre hatte sie mal als Wunschalter angegeben. Und aber früh diese Lebensbilanz für sich selbst geahnt: »Mein Leben war zu kurz für meinen Lebenstraum.«

Egal wie lang das Leben dauern würde, dass es für den Traum vom Leben zu kurz sein würde, das wusste sie. Als letzten Freitag der Preis der Leipziger Buchmesse vergeben wurde und die fünf Kandidatinnen und Kandidaten per Videostream jeweils von zu Hause zugeschaltet waren, da freute man sich schon auf die Frau mit dem schwarzen Haar, die man hoffentlich kurz vor dem Verschwinden hinter dem Papier entdecken würde. Aber von ihr kam nur ein Standbild. Es war, als wäre sie da schon hinter dem Werk verschwunden gewesen. In ihrem letzten Buch, »da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete«, schrieb Friederike Mayröcker: »Ich Debütantin des Todes«. Heute starb sie in ihrem Wien.

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