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Spionage-Krimi "Kolbe": Einer gegen das "Dritte Reich"

Foto: REUTERS/ Peter Kolbe

CIA-Agent Fritz Kolbe Der Spießer, der Spion wurde

War Fritz Kolbe der wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs? Der Autor Andreas Kollender verdichtet das Leben des kleinen Beamten und großen Widerstandskämpfers zu einem furiosen Agententhriller.

Am 30. April 1968 wurde Reinhard Gehlen, während des Zweiten Weltkriegs Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost, mit dem "Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband" ausgezeichnet. Für Fritz Kolbe dürfte das ein ziemlich mieser Tag gewesen sein.

Während Gehlen nach dem Krieg hofiert wurde und den BND gründete, lebte Kolbe vergessen im Schweizer Exil. Dabei war der brave Beamte des Auswärtigen Amts der wichtigste deutsche Informant, den die USA während der NS-Zeit hatten. Von 1943 an hatte Kolbe kriegswichtige Dokumente aus Nazi-Deutschland in die Schweiz geschmuggelt, den Amerikanern unter anderem die Pläne der Wolfsschanze zukommen lassen.

Ein vergessener Held des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, ein Ehrenmann, der sein Leben in Gefahr brachte, um dabei zu helfen, das Hitler-Regime so schnell wie möglich zu stürzen - großartiger Stoff für einen Spionageroman. Doch erst 2004 hatte der französische Journalist Lucas Delattre die Geschichte mit seiner Biografie "Fritz Kolbe - der wichtigste Spion des Zweiten Weltkriegs" bekannt gemacht. Wenig später benannte der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer einen Saal im Außenministerium nach Kolbe. Jetzt hat der in Hamburg lebende Schriftsteller Andreas Kollender dem Widerstandskämpfer mit seinem Roman "Kolbe" ein literarisches Denkmal gesetzt.

Er erzählt die Geschichte eines Spions, der ebenso wenig mit dem furchtlosen James Bond gemein hat wie mit John le Carrés genialem Strategen George Smiley. Kollenders Kolbe ist ein Amateur, der aus Empörung handelt. Ein Mann, für den Werte wie Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Anstand höchste Bedeutung haben. Werte, die er von den Nazis mit Füßen getreten sieht.

Und so wird aus dem loyalen Beamten ein Verräter. Auch wenn es ihm unendlich schwerfällt, weil er weiß, dass aufgrund seiner Informationen Menschen sterben werden. "Damit kommst du klar?", will seine Geliebte und einzige Vertraute wissen. "Nein", antwortet Kolbe und kann nicht mehr dazu sagen.

Ein Gefühl permanenter Bedrohung

Ein stiller Held ist dieser Fritz Kolbe, alles andere als ein Draufgänger. Ob er Hitler erschießen würde, wenn er ihm gegenüberstünde, wird er einmal gefragt. Und Kolbe antwortet: Nein, denn er wolle leben. Leben - und lieben: "Kolbe" ist nicht nur Thriller, sondern auch Romanze. "Erzählen Sie mal eine Geschichte ohne Liebe. Völlig sinnlos", sagt Kolbe. Leider driftet Kollender bei dieser Liebesgeschichte immer wieder ins allzu Gefühlige ab. Da wird gehaucht und gesehnt als wären wir in einer Lore-Schmonzette.

Viel stärker ist der Roman, wenn er bei der Spionagestory bleibt. Enorme Intensität erreichen vor allem die Szenen in der Schweiz, wo Kolbe sich mit seinem OSS-Verbindungsmann Allen Dulles trifft, dem späteren CIA-Direktor. Hier gelingt es Kollender, ein Gefühl permanenter Bedrohung aufzubauen, das an Paranoia grenzt. Jeder Mann im Mantel, der sich rauchend an eine Häuserwand drückt, könnte ein Agent sein - und manch einer ist es tatsächlich. Auch die Russen wollen von Kolbes Wissen profitieren. Denn während Hitlers Reich zusammenbricht, bildet sich längst die neue Front, beginnt der kommende Kalte Krieg Gestalt anzunehmen. Das weiß auch Reinhard Gehlen, den Kollender zu Kolbes Nemesis aufbaut. "Kalt, intelligent, ein Nazi durch und durch", charakterisiert er den General.

Während Gehlen nach Kriegsende als wichtiger Informant über die russische Militärmaschinerie den Schutz der Amerikaner genießt, wird Kolbe fallengelassen. Von Dulles ebenso wie von seinen früheren Kollegen im Auswärtigen Amt, für das er nie wieder arbeiten wird: "Am liebsten wäre denen, es hätte mich nie gegeben. Es ist das Gewissen derer, die nichts gegen Hitler getan haben. Die können einen Mann wie mich in ihrer Nähe nicht ertragen."

Deshalb brandmarken die früheren Mitläufer und Überzeugungstäter, die im Nachkriegsdeutschland weiter Karriere machen wollen, Kolbe als Verräter, als Nestbeschmutzer. Und auch wenn er mit der Ächtung kaum klarkommt, so behält er doch zumindest in Kollenders Version der Geschichte seinen Stolz und die Gewissheit, das Richtige getan zu haben: "Man lässt sich nicht unterkriegen. Das tut man einfach nicht. Das wäre Verrat. Verrat am Leben."

Mit "Kolbe" ist Andreas Kollender ein fast durchgehend unterhaltsamer, streckenweise hoch spannender Roman gelungen - mit einem faszinierenden Helden. Wenn der scheinbar so brave Beamte, den man im Amt wegen seines Sinns für Ordnung und seiner Manieren schätzt und der Befehle mit mechanischen "Jawohls" und "Heil Hitlers" befolgt, nach Hause kommt, nimmt er sich eine Gabel und sticht manisch auf Zeitungsporträts Adolf Hitlers ein.

Denn das ist das wahre Drama des Fritz Kolbe: Jahrelang eine Doppelexistenz zu führen, sich vor Freunden und Kollegen verstellen zu müssen. "Ich könnte kotzen, dachte er. Das Schweigen drohte ihn umzubringen." Gestorben ist Fritz Kolbe 1971, an Gallenkrebs. An seinem Grab trauerten nur zehn Menschen. Zwei davon im Auftrag der CIA.

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448 Seiten; 16,99 Euro.

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