Kriegsfotografinnen "Fotos von Verwundeten reichen heute nicht mehr"

Wie Frauen unter größten Gefahren Kriege fotografieren, zeigt eine Düsseldorfer Ausstellung. Hier spricht die Kunsthistorikerin Anne-Marie Beckmann über Klischees, Lazarettbilder und Antikriegsfotografie.

Succession Françoise Demulder/ Roger-Viollet/ Kunstpalast Düsseldorf

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Zur Person
  • Anne Orthen/ Kunstpalast Düsseldorf
    Die Kunsthistorikerin Anne-Marie Beckmann ist Geschäftsführerin und Kuratorin der Art Collection Deutsche Börse in Frankfurt am Main, für die sie seit 20 Jahren arbeitet. Zusammen mit der langjährigen Städel-Kuratorin Felicity Korn, die heute für den Kunstpalast arbeitet, entwarf sie die Düsseldorfer Ausstellung "Fotografinnen an der Front".

SPIEGEL ONLINE: Frau Beckmann, die Kriegsfotografin Susan Meiselas sagte: Die Kamera sei ein Vorwand, um dort zu sein, wo man nicht hingehöre. Gilt dieser Satz für alle Kriegsfotografinnen?

Anne-Marie Beckmann: Die Kamera ist zunächst einmal ihr Werkzeug, um überhaupt in Kriegsgebiete zu reisen - der Krieg kommt nun einmal in den meisten Fällen nicht zu ihnen. Dazu kommt: Gerade in Ländern mit patriarchalen Strukturen werden Frauen weniger als Bedrohung wahrgenommen, sowohl von der Bevölkerung als auch der Armee. Fotografinnen haben somit eher uneingeschränkten Zugang zu Familien und können sehr nah, sehr vertraut berichten. Nur: Das Bild vom Mann, der als Haudegen draufhält, und der Frau, die hinter der Front zeigt, wie die Kinder spielen und die Frauen überleben, stimmt nicht. Dieses Klischee wollen wir durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen die Arbeiten von acht Frauen in "Fotografinnen an der Front", vom Spanischen Bürgerkrieg bis heute. Was verbindet sie?

Beckmann: Sie alle zogen los, getrieben von dem Wunsch, mit ihren Bildern grundsätzlich gegen Krieg oder für eine Seite aktiv zu sein. Gerda Taro etwa berichtete aus dem Spanischen Bürgerkrieg, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Lee Miller begleitete mit der Armee die Befreiung Deutschlands und Anja Niedringhaus zog in den Balkankrieg mit dem festen Glauben, mit ihren Bildern dazu beitragen zu können, dass dieser Krieg endet.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so normal. Welche Hürden mussten sie nehmen?

Beckmann: In den Anfängen der Kriegsfotografie ab Mitte des 19. Jahrhunderts hat man Frauen gar nicht erst erlaubt, an der Front zu arbeiten, sie durften sich auch nicht als Fotografinnen ausbilden lassen. Im Zweiten Weltkrieg kamen Frauen zwar in diesen Beruf, aber sie durften weiterhin nicht an die Front und waren in den Pressecamps nicht zugelassen.

Fotostrecke

14  Bilder
Kriegsfotografie: Frauen an der Front

SPIEGEL ONLINE: Lee Miller sagte man, sie dürfe das Feldlazarett fotografieren.

Beckmann: Genau, Frauen durften die Krankenhäuser, die Zivilbevölkerung oder die Befreiung zeigen. Lee Miller gelang es später, diese Einschränkungen zu umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst Niedringhaus musste anfangs ewig kämpfen, überhaupt vom Balkankrieg berichten zu dürfen.

Beckmann: Sie hat sechs Wochen lang ihrem Chef bei der European Pressphoto Agency jeden Tag einen Brief geschrieben, um ihn zu überzeugen, sie dorthin zu lassen. Man hat ihr das nicht zugetraut, sie war ja auch noch sehr jung.

SPIEGEL ONLINE: Dass sie eine Frau war, war kein Argument?

Beckmann: Ganz sicher nicht. Sie hat alles von sich gewiesen, wenn es um das Thema "Die Wahrnehmung als Frau" ging. Sie sagte immer: Wenn ich an der Ziellinie einer Leichtathletik-WM stehe oder am Center Court - Sport war ihr anderer Schwerpunkt - sind da weniger Frauen als in den Kriegsgebieten. Natürlich ist jene Welt noch sehr männlich geprägt, doch Anja Niedringhaus ist ein gutes Beispiel für die Realität der Kriegsfotografie.

SPIEGEL ONLINE: Also soll Ihre Ausstellung vor allem Vorbilder zeigen?

Beckmann: Frauen müssen ja erst einmal das Gefühl haben, dass sie das machen können. Dieses Selbstverständnis entstand vor allem während des Vietnamkriegs. An allen großen Kriegen kann man auch Sprünge in der Berichterstattung ablesen, und gerade der Vietnamkrieg veränderte hier viel. Er zog Hunderte junger Fotografinnen und Fotografen an, so wie Françoise Demulder, Christine Spengler oder Catherine Leroy - alle ohne Ausbildung, ohne Vorwissen, ohne Auftraggeber.

Preisabfragezeitpunkt:
22.05.2019, 11:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Fotografinnen an der Front: Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus

Verlag:
Prestel Verlag
Seiten:
224
Preis:
EUR 35,00

SPIEGEL ONLINE: Wie sichtbar waren Frauen denn als Urheberinnen? Neben Gerda Taros Fotos etwa stand jahrelang "Robert Capa".

Beckmann: Auf jeden Fall zu wenig, auch wenn einige von ihnen renommierte Preise gewonnen haben. Daher geht es uns auch darum, ihre Namen bekannt zu machen. Auch die Fotos von Anja erschienen in Tageszeitungen meist nur mit dem Zusatz AP - ohne ihren Namen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das Digitale die fotografische Haltung zum Krieg beeinflusst?

Beckmann: Bilder werden jetzt sehr unmittelbar, häufig aber auch unreflektiert gemacht. Das schafft zwar zeitliche, räumliche, emotionale Nähe, ist aber meist ohne fotografische Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Und es gibt sehr viele davon. Verändert das die Weise, wie wir das Leiden anderer betrachten?

Beckmann: Gerade weil blutrünstige Fotos heute allgegenwärtig sind, ist es wichtig, eine andere Bildsprache zu finden. Nehmen Sie Anjas Bild vom Soldaten, der alleine da sitzt an seinem 34. Geburtstag: In seiner Körperhaltung steckt so viel Verlorenheit. Das nimmt mich nachhaltiger mit, als wenn ich einen Verwundeten sehe. Ich glaube, dass man heute indirekter vermitteln muss, dass Krieg Leid über viele Menschen bringt und verhindert werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Indirekter auch, weil Krieg indirekter geführt wird?

Beckmann: Dass Soldaten mitunter wie in Computerspielräumen sitzen, ist pervers. Die Distanz wird immer größer. Ein Bild von Anja Niedringhaus zeigt drei Afghanen auf einem Moped, rechts daneben stehen zwei Soldaten. Sie sind wie Außerirdische, von oben bis unten mit Hightech-Equipment. Aber sie müssen auf ihre Geräte schauen, sie wissen nicht, wo sie sind. In diesem Bild steckt die ganze Absurdität des Krieges - für die Zivilbevölkerung, die Gesellschaft wie die Soldaten.

Fotografie von Anja Niedringhaus
picture alliance/ AP/ Kunstpalast Düsseldorf

Fotografie von Anja Niedringhaus

SPIEGEL ONLINE: Kriegsfotografie ist eigentlich immer Antikriegsfotografie. Funktioniert das heute überhaupt noch?

Beckmann: Auf jeden Fall. Früher war die Darstellung des Krieges bestimmt vom unverwundbaren Soldaten, der mit Freuden für sein Vaterland in den Krieg zieht, von der Überlegenheit des eigenen Volkes. Das sehe ich heute nicht mehr. Es geht um Mitfühlen, mit der Zivilbevölkerung, den Opfern, auch den Soldaten, diesen völlig überforderten jungen Männern.

SPIEGEL ONLINE: Und dennoch werden aktuell der INF-Abrüstungsvertrag und das internationale Atomabkommen aufgekündigt.

Beckmann: Ich bin Jahrgang 1966, habe das ganze Szenario des Kalten Krieges bewusst mitbekommen und wie es sich Gott sei Dank entspannt hat. Was gerade passiert, ist unfassbar. Bilder vom Krieg müssten klarmachen, dass jeder Krieg sinnlos ist.


Ausstellung: "Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus", Kunstpalast Düsseldorf, bis 10. Juli 2019



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latrodectus67 07.05.2019
1. Gegen den Krieg?
Wo sind denn nun die Bilder der amerikanischen Hellfire Raketeneinschläge? Wo sind die Bilder die zerfetzte Iraker oder Afghanen zeigen, über denen ihre Angehörigen weinen? Wo sind die Bilder von den an Seuchen langsam und qualvoll sterbenden Menschen im Jemen? Wo? Die gibt es nicht. Denn diese "Kriegsfotografie" ist heute genauso embedded wie alles andere. Die Ergebnisse von Kollateralschäden konnte man in den 70er Jahren sehen, wenn brennende Kinder aus Napalmtreffern rannten. Heute kommt sowas nicht mehr in die Presse. Es ist keine Berichterstattung gegen den Krieg, sondern eine Propaganda für den Krieg geworden.
Mesi0013 07.05.2019
2. Leider haben Sie so Recht!
Zitat von latrodectus67Wo sind denn nun die Bilder der amerikanischen Hellfire Raketeneinschläge? Wo sind die Bilder die zerfetzte Iraker oder Afghanen zeigen, über denen ihre Angehörigen weinen? Wo sind die Bilder von den an Seuchen langsam und qualvoll sterbenden Menschen im Jemen? Wo? Die gibt es nicht. Denn diese "Kriegsfotografie" ist heute genauso embedded wie alles andere. Die Ergebnisse von Kollateralschäden konnte man in den 70er Jahren sehen, wenn brennende Kinder aus Napalmtreffern rannten. Heute kommt sowas nicht mehr in die Presse. Es ist keine Berichterstattung gegen den Krieg, sondern eine Propaganda für den Krieg geworden.
Es gibt diese Kriegsfotographie, das ein oder andere Bild gewinnt ganz still einen Preis. Doch man vermisst diese von Ihnen erwähnten Bilder in der medialen Darstellung für die breite Masse. Das entsetzt mich genauso. Ich habe den Eindruck die entsprechend schrecklichen Bilder kommen nur noch, wenn das Volk gezielt "entrüstet" werden soll. Syrien beispielsweise. Ein gleichartiger aber viel ungerechterer Krieg ist im Jemen, wo Saudi Arabien eine unrühmliche Rolle spielt, mit deutschen -und vor allem- amerikanischen Waffen. Dieser Krieg findet in einer scheinbar anderen Kategorie statt. Ja, wir haben mittlerweile eine Propaganda für den Krieg, sei es gezielt durch unkritische Medien, die "nachplappern" was Agenturen als erwähnenswert finden oder sei es, man berichtet unkritisch was die Militärs aus ihrer Sicht zu berichten haben und schmiegt sich in einem engen Verhältnis (bspw das Rüstungsziel der NATO wird nicht hinterfragt genauso wie das Agieren der NATO selbst). Daher habe ich den militärisch-industriellen Komplex schon lange erweitert und nenne ihn "militärisch-industrieller-politisch-medialer-Komplex". Es ist keine Vision, Kapitaleigner werden Rüstungsfirmen besitzen aber in gleicher Stellung auch Medienkonzerne, die die Meinung des Volkes entsprechend beeinflussen zu haben, so dass ein Konflikt vom Volk als absolut notwendig gesehen wird. Aber Sie erkennen es eventuell auch an einem anderem Umstand: wann haben Sie zum letzten mal jemanden der Friedensbewegung medial wahr genommen, außerhalb der regulären Ostermärsche?
Hexavalentes Chrom 08.05.2019
3. Trapped by sex
Dass die Wirklichkeit grundsätzlich interpretiert/ manipuliert ist, ist das eine. die hier gezeigten Aufnahmen besitzen aber einen nicht unerheblichen Grad an Dekoration. Ein erstaunlich konservatives weibliches Element im doch ach so Männlichen. Das alte Bild im neuen. Trapped by sex.
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