Kriegsfotografinnen "Fotos von Verwundeten reichen heute nicht mehr"

Wie Frauen unter größten Gefahren Kriege fotografieren, zeigt eine Düsseldorfer Ausstellung. Hier spricht die Kunsthistorikerin Anne-Marie Beckmann über Klischees, Lazarettbilder und Antikriegsfotografie.
Zur Person
Foto: Anne Orthen/ Kunstpalast Düsseldorf

Die Kunsthistorikerin Anne-Marie Beckmann ist Geschäftsführerin und Kuratorin der Art Collection Deutsche Börse in Frankfurt am Main, für die sie seit 20 Jahren arbeitet. Zusammen mit der langjährigen Städel-Kuratorin Felicity Korn, die heute für den Kunstpalast arbeitet, entwarf sie die Düsseldorfer Ausstellung "Fotografinnen an der Front".

SPIEGEL ONLINE: Frau Beckmann, die Kriegsfotografin Susan Meiselas sagte: Die Kamera sei ein Vorwand, um dort zu sein, wo man nicht hingehöre. Gilt dieser Satz für alle Kriegsfotografinnen?

Anne-Marie Beckmann: Die Kamera ist zunächst einmal ihr Werkzeug, um überhaupt in Kriegsgebiete zu reisen - der Krieg kommt nun einmal in den meisten Fällen nicht zu ihnen. Dazu kommt: Gerade in Ländern mit patriarchalen Strukturen werden Frauen weniger als Bedrohung wahrgenommen, sowohl von der Bevölkerung als auch der Armee. Fotografinnen haben somit eher uneingeschränkten Zugang zu Familien und können sehr nah, sehr vertraut berichten. Nur: Das Bild vom Mann, der als Haudegen draufhält, und der Frau, die hinter der Front zeigt, wie die Kinder spielen und die Frauen überleben, stimmt nicht. Dieses Klischee wollen wir durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen die Arbeiten von acht Frauen in "Fotografinnen an der Front", vom Spanischen Bürgerkrieg bis heute. Was verbindet sie?

Beckmann: Sie alle zogen los, getrieben von dem Wunsch, mit ihren Bildern grundsätzlich gegen Krieg oder für eine Seite aktiv zu sein. Gerda Taro etwa berichtete aus dem Spanischen Bürgerkrieg, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Lee Miller begleitete mit der Armee die Befreiung Deutschlands und Anja Niedringhaus zog in den Balkankrieg mit dem festen Glauben, mit ihren Bildern dazu beitragen zu können, dass dieser Krieg endet.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so normal. Welche Hürden mussten sie nehmen?

Beckmann: In den Anfängen der Kriegsfotografie ab Mitte des 19. Jahrhunderts hat man Frauen gar nicht erst erlaubt, an der Front zu arbeiten, sie durften sich auch nicht als Fotografinnen ausbilden lassen. Im Zweiten Weltkrieg kamen Frauen zwar in diesen Beruf, aber sie durften weiterhin nicht an die Front und waren in den Pressecamps nicht zugelassen.

SPIEGEL ONLINE: Lee Miller sagte man, sie dürfe das Feldlazarett fotografieren.

Beckmann: Genau, Frauen durften die Krankenhäuser, die Zivilbevölkerung oder die Befreiung zeigen. Lee Miller gelang es später, diese Einschränkungen zu umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst Niedringhaus musste anfangs ewig kämpfen, überhaupt vom Balkankrieg berichten zu dürfen.

Beckmann: Sie hat sechs Wochen lang ihrem Chef bei der European Pressphoto Agency jeden Tag einen Brief geschrieben, um ihn zu überzeugen, sie dorthin zu lassen. Man hat ihr das nicht zugetraut, sie war ja auch noch sehr jung.

SPIEGEL ONLINE: Dass sie eine Frau war, war kein Argument?

Beckmann: Ganz sicher nicht. Sie hat alles von sich gewiesen, wenn es um das Thema "Die Wahrnehmung als Frau" ging. Sie sagte immer: Wenn ich an der Ziellinie einer Leichtathletik-WM stehe oder am Center Court - Sport war ihr anderer Schwerpunkt - sind da weniger Frauen als in den Kriegsgebieten. Natürlich ist jene Welt noch sehr männlich geprägt, doch Anja Niedringhaus ist ein gutes Beispiel für die Realität der Kriegsfotografie.

SPIEGEL ONLINE: Also soll Ihre Ausstellung vor allem Vorbilder zeigen?

Beckmann: Frauen müssen ja erst einmal das Gefühl haben, dass sie das machen können. Dieses Selbstverständnis entstand vor allem während des Vietnamkriegs. An allen großen Kriegen kann man auch Sprünge in der Berichterstattung ablesen, und gerade der Vietnamkrieg veränderte hier viel. Er zog Hunderte junger Fotografinnen und Fotografen an, so wie Françoise Demulder, Christine Spengler oder Catherine Leroy - alle ohne Ausbildung, ohne Vorwissen, ohne Auftraggeber.

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Fotografinnen an der Front: Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus

Verlag: Prestel Verlag
Seitenzahl: 224
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06.02.2023 18.26 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Wie sichtbar waren Frauen denn als Urheberinnen? Neben Gerda Taros Fotos etwa stand jahrelang "Robert Capa".

Beckmann: Auf jeden Fall zu wenig, auch wenn einige von ihnen renommierte Preise gewonnen haben. Daher geht es uns auch darum, ihre Namen bekannt zu machen. Auch die Fotos von Anja erschienen in Tageszeitungen meist nur mit dem Zusatz AP - ohne ihren Namen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat das Digitale die fotografische Haltung zum Krieg beeinflusst?

Beckmann: Bilder werden jetzt sehr unmittelbar, häufig aber auch unreflektiert gemacht. Das schafft zwar zeitliche, räumliche, emotionale Nähe, ist aber meist ohne fotografische Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Und es gibt sehr viele davon. Verändert das die Weise, wie wir das Leiden anderer betrachten?

Beckmann: Gerade weil blutrünstige Fotos heute allgegenwärtig sind, ist es wichtig, eine andere Bildsprache zu finden. Nehmen Sie Anjas Bild vom Soldaten, der alleine da sitzt an seinem 34. Geburtstag: In seiner Körperhaltung steckt so viel Verlorenheit. Das nimmt mich nachhaltiger mit, als wenn ich einen Verwundeten sehe. Ich glaube, dass man heute indirekter vermitteln muss, dass Krieg Leid über viele Menschen bringt und verhindert werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Indirekter auch, weil Krieg indirekter geführt wird?

Beckmann: Dass Soldaten mitunter wie in Computerspielräumen sitzen, ist pervers. Die Distanz wird immer größer. Ein Bild von Anja Niedringhaus zeigt drei Afghanen auf einem Moped, rechts daneben stehen zwei Soldaten. Sie sind wie Außerirdische, von oben bis unten mit Hightech-Equipment. Aber sie müssen auf ihre Geräte schauen, sie wissen nicht, wo sie sind. In diesem Bild steckt die ganze Absurdität des Krieges - für die Zivilbevölkerung, die Gesellschaft wie die Soldaten.

SPIEGEL ONLINE: Kriegsfotografie ist eigentlich immer Antikriegsfotografie. Funktioniert das heute überhaupt noch?

Beckmann: Auf jeden Fall. Früher war die Darstellung des Krieges bestimmt vom unverwundbaren Soldaten, der mit Freuden für sein Vaterland in den Krieg zieht, von der Überlegenheit des eigenen Volkes. Das sehe ich heute nicht mehr. Es geht um Mitfühlen, mit der Zivilbevölkerung, den Opfern, auch den Soldaten, diesen völlig überforderten jungen Männern.

SPIEGEL ONLINE: Und dennoch werden aktuell der INF-Abrüstungsvertrag und das internationale Atomabkommen aufgekündigt.

Beckmann: Ich bin Jahrgang 1966, habe das ganze Szenario des Kalten Krieges bewusst mitbekommen und wie es sich Gott sei Dank entspannt hat. Was gerade passiert, ist unfassbar. Bilder vom Krieg müssten klarmachen, dass jeder Krieg sinnlos ist.


Ausstellung: "Fotografinnen an der Front. Von Lee Miller bis Anja Niedringhaus", Kunstpalast Düsseldorf , bis 10. Juli 2019

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