Fünf Kinderbuch-Tipps Perfekt zum kuscheligen Vorlesen

Die Auswahl ist riesig, unsere Kinderbuch-Expertin hilft bei der Entscheidung: Diese fünf Neuerscheinungen des Jahres 2021 empfiehlt sie für Kinder zwischen zwei und 16 Jahren.
Illustration aus »Ein wirklich wahres Weihnachtswunder«: Klasse Buch also – auch für Lesemuffel.

Illustration aus »Ein wirklich wahres Weihnachtswunder«: Klasse Buch also – auch für Lesemuffel.

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Isabel Abedi & Daniela Kohl / Arena

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Auch dieses Jahr sind wieder wunderbare Bilderbücher, Kinderromane, Sach- und Jugendbücher erschienen. Einige davon konnte ich in den vergangenen Monaten schon empfehlen, mein Lieblingsbuch 2021 wurde »Der Ruf des Schamanen« – es ist auch gestalterisch herausragend.

Zur Autorin
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Maria Feck

Agnes Sonntag wurde in eine Familie geboren, deren Mitglieder von Büchern magisch angezogen werden. Ihr Großvater arbeitete bei der Büchergilde Gutenberg und brachte ihr gern Fehldrucke mit, sodass sie bis heute das Ende vieler James-Krüss-Geschichten nicht kennt. Später studierte die gelernte Arzthelferin in Schweden Publizistik und Schwedisch. Sie arbeitete als Schwedischlehrerin, Übersetzerin und freie Mitarbeiterin des schwedischen Schulfunks. Seit einigen Jahren betreut sie beim Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« die Buchtipps und rezensiert auf SPIEGEL.de Kinder- und Jugendbücher.

Meine fünf Weihnachtsempfehlungen haben eines gemeinsam: In allen Büchern geht es ums Unterwegssein – zur Großmutter, auf einer Eisscholle, im Netz oder mit dem Zug. Da bei meiner Auswahl Spannung und Spaß im Mittelpunkt stehen, haben hoffentlich viele Kinder (und Vorleser und Vorleserinnen) eine gute Zeit damit.

Und noch ein Mitbringsel-Tipp in der Weihnachtszeit für Menschen jeden Alters: »Eins Zwei Drei Rentier«. Das Büchlein ist eine Weihnachtsversion der abgedrehten Reime von Nadia Budde, die laut vorgelesen ihren Sprachwitz am besten entfalten.

1. Vorsicht vor starken Bildern

Jakob und Wilhelm Grimm, Katharina Naimer: »Rotkäppchen«

Rotkäppchen? Auf den ersten Blick keine originelle Empfehlung. Andererseits: Wann haben Sie zuletzt ein Märchen gelesen? Bei mir war es jedenfalls eine Weile her und ich war überrascht von meiner Begeisterung für dieses Bilderbuch.

Die Illustratorin Katharina Naimer arbeitet mit einer Technik, die sie als »farbstarken Collagenstil« bezeichnet: Aus selbst bemalten Papieren schneidet sie alle Bildelemente aus und klebt sie zu bunten, lebendigen Szenen zusammen, in denen es viele Details zu entdecken gibt. Am Text hat Naimer zum Glück nicht gebastelt, sondern es bei der Fassung von 1812 belassen. Die Sprache der Brüder Grimm (»ein Käppchen von rotem Sammet«) verleiht der Geschichte einen märchenhaften Klang.

Ab drei Jahren

2. Licht und Dunkel

Anna-Clara Tidholm, Thomas Tidholm: »Die Eisreise«

Ida, Max und Jock butschern entlang eines Flusses im kalten, verschneiten Norden. War da ein Otter? Die Kinder hüpfen auf eine Eisscholle, doch das Tier ist fort – und sie auch, denn die drei treiben unerwartet schnell den Fluss hinunter bis aufs vereiste Meer hinaus. Und weiter. Alles ist weiß und still und kalt. Und manchmal auch langweilig. Aber die Kinder kriegen das hin.

Verträumte Geschichte für alle, die sich Schnee wünschen oder von expeditionsartigen Reisen in Merinounterwäsche träumen. Ein Bilderbuch zwar, aber wegen der relativ langen Texte eher für ältere Kinder, die schon selbst lesen möchten – und natürlich perfekt zum kuscheligen Vorlesen im Warmen.

Ab sechs Jahren

3. Koffer-Alarm

Isabel Abedi, Daniela Kohl: »Ein wirklich wahres Weihnachtswunder«

Selbstständige Kinder finde ich klasse. Solche, die sogar allein mit der Bahn fahren, wie Manu und seine kleine Schwester Jana mit ihrem großen, roten Koffer. Rein in den Zug in Berlin und raus in Hamburg. Alles läuft super, doch zu Hause entdecken sie in ihrem Koffer ganz viele Frauensachen, zum Beispiel ein lila Samttäschchen statt Janas Glitzerhaarreif und Manus selbst gemachter CD. Das wird ja ein doofes Weihnachten. Oder?

Motiv vom missglückten Fest, bei dem alle am Ende dann doch einen Heidenspaß haben, ist nicht neu, aber eben wunderbar weihnachtlich. Autorin und Illustratorin lassen den großen Manu seine Erlebnisse und Gedanken als tagebuchartige Bildergeschichte erzählen. (Viele werden den Stil von der erfolgreichen »Lotta«-Reihe derselben Illustratorin erkennen.) Klasse Buch also – auch für Lesemuffel.

Ab acht Jahren

4. Wer ist Cincinnatus?

Dirk Reinhardt: »Perfect Storm«

Ein spannender Thriller über sechs Jugendliche, die auf verschiedenen Kontinenten leben und im Universum eines Computerspiels ein Team bilden. Als einer der Freunde im Chat von schrecklichen Ungerechtigkeiten und Ausbeutung in seinem kongolesischen Dorf berichtet, sind alle entsetzt und wollen etwas dagegen unternehmen. Alles geschieht nur am Rechner, doch die Folgen sind sehr real – und die Feinde der Freunde auch.

Allein, um noch einmal die eingeflochtenen Fakten über Netzwerke und Computertechnologie zu rekapitulieren, könnte ich dieses Buch sofort wieder lesen. Außerdem ist die Geschichte aber auch sehr geistreich komponiert. Anhand von Chat-Protokollen, Aufzeichnungen des Geheimdienstes oder Spielbeschreibungen fügt sich ein Bild von Handlungen und Personen zusammen und man taucht tief in die digitale Welt ein. Wer dieses Buch gelesen hat, wundert sich nicht mehr, warum man mit seinen Daten vorsichtig sein sollte.

Ab 14 Jahren

5. Im Land der Tiere

Lev Grossmann: »Der Silberpfeil«

Kate hat ihren Onkel Herbert noch nie getroffen, aber eins weiß sie: Er ist reich. In einem Anfall von Langeweile schreibt sie ihm darum am Abend vor ihrem elften Geburtstag einen knappen Brief und bittet ihn um ein Geschenk. Am nächsten Tag steht Onkel Herbert mit einer echten Lokomotive im Garten. Nachdem das Monstrum unerwartet mit Kate und ihrem Bruder losgefahren ist, erleben die Kinder eine Reise rund um die Welt, die offenbar einem geheimen Plan folgt.

Grossmann hat eine ganz schön verrückte Abenteuergeschichte geschrieben und zeigt dabei viel Einfühlungsvermögen in das Seelenleben von Kindern. Lustige Dialoge und ein lakonischer Erzählton heben das Buch aus der Masse ähnlicher Fantasybücher heraus. Einziges kleines Minus: Die Illustrationen wirken etwas trostlos, sie sehen aus wie schwarz-weiß Screenshots aus einem Trickfilm und passen nicht immer zur Geschichte. Ganz anders als es das bunte, kraftvolle Cover verspricht.

Ab 10 Jahren

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