Entwurf eines linken Populismus Volkskunde mangelhaft

Das "Wir" braucht einen klaren Feind: Die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe empfiehlt einen Populismus von links als Gegengift zum Rechtsruck. Keine überzeugende Idee.
Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht

Foto: JENS SCHLUETER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

In Chemnitz tobt der Mob, in Dortmund skandieren Nazis antisemitische Parolen. Die AfD ist in Umfragen mittlerweile mit der SPD gleichauf: Europa driftet zunehmend nach rechts, und Teile der politischen Sphäre Deutschlands bemühen sich eilfertig, Schritt zu halten.

Um den Erfolg der Rechten zu erklären, wird gerne der Populismus ins Feld geführt: als erfolgreiche Strategie, Menschen im Kollektiv gegen eine Elite und die Fremden zu mobilisieren. Eine linke Gegenstrategie mit ähnlicher Durchschlagskraft ist noch nicht abzusehen. Man übt Kritik, entlarvt die AfD zum gefühlt 123. Mal als rechtsradikal und staunt, wie effektiv die Strategie der Rechten funktioniert.

"Herauskristallisierung eines kollektiven Willens"

Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe empfiehlt bereits seit Jahren einen Populismus von links als Gegengift zu dem von rechts.Gemeinsam mit ihrem vor vier Jahren verstorbenen Mann Ernesto Laclau schrieb Mouffe Mitte der Achtziger "Hegemonie und radikale Demokratie", ein zentrales Buch für viele Linke, die sich vom Marxismus verabschiedet hatten.

In dem 100 Seiten starken Band "Für einen linken Populismus" hat sie jetzt eine Art Programmschrift vorgelegt: Der linke Populismus soll Front machen gegen die "neoliberale Hegemonie", Mouffes eigentlichen Endgegner. Die Krise, in der der Kapitalismus sich befände, fasst Mouffe als "populistischen Moment". Dieser müsse genutzt werden, um die "Herauskristallisierung eines kollektiven Willens" anzustreben, der "von gemeinsamen Affekten getragen wird, die auf eine demokratischere Ordnung abzielen".

Chantal Mouffe: Ein "Volk" lässt sich nicht einfach konstruieren

Chantal Mouffe: Ein "Volk" lässt sich nicht einfach konstruieren

Foto: imago/ Hartenfelser

Der Vorschlag ist natürlich kontrovers. Das Wort Populismus ist im europäischen Diskurs für viele Linke und im Diskurs der politischen Mitte negativ besetzt: Die populistische Bewegung braucht einen Feind, gegen den sich das populistische Wir überhaupt erst herausbilden kann. Unter anderem deswegen hat jede populistische Bewegung Faschisierungspotenzial.  Auch wenn es gegen "Die da oben" geht - und nicht gegen diejenigen Fremden, die angeblich "das Gastrecht" (Sahra Wagenknecht) missbrauchen.

Auch bei Mouffe beinhaltet der Populismus eine Feindbestimmung, die den Konflikt in eine konsensversessene politische Sphäre zurücktragen soll. "Ohne einen Gegner zu definieren", schreibt Mouffe nüchtern, "kann man keine gegenhegemoniale Offensive starten."

"Wir" will gespürt werden, vor allem im Kampf gegen den Gegner

Allerdings bringt man das in "Für einen linken Populismus" skizzierte Mobilisierungsprogramm nur schwer mit dem Bild aufgepeitschter Massen in Verbindung, weil es in einer maximal trockenen Sprache formuliert ist. Wo der rechte Populist sich als Teil eines Volkskörpers imaginiert, den er verteidigen muss, soll der Populismus von links ungleich abstrakter sein. So etwas wie ein "Volk" - mal wird der Begriff von Mouffe in distanzierende Anführungen gesetzt, mal nicht - müsse nämlich erst einmal konstruiert werden.

Für Mouffe entsteht das Volk über die Herstellung einer "Äquivalenzkette zwischen den Forderungen der Arbeiter, der Einwanderer und der vom Abstieg bedrohten Mittelschicht sowie anderer demokratischer Forderungen, etwa derer der LGBT-Gemeinde". Das bedeutet auch, dass dieser Populismus zumindest an dieser Flanke tatsächlich nicht kompatibel mit dem rechten Populismus wäre: Er sieht Pluralität vor.

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Mouffe, Chantal

Für einen linken Populismus (edition suhrkamp)

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 111
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Auf dem Papier funktionieren solche Differenzierungen ohne Weiteres. Alles potenziell Irrationale perlt an der theoretischen Konstruktion ab. Der zentrale Einwand drängt sich beim Lesen von "Für einen linken Populismus" aber mit Nachdruck auf: Wer einem Kollektiv angehören möchte, will dieses Kollektiv nicht in Anführungsstriche gesetzt sehen.

Es soll echt sein, das "Wir" will gespürt werden, vor allem im Kampf gegen den Gegner. Wenn Hunderte Menschen im Kollektiv "Absaufen! Absaufen!" schreien, dann ist das nicht einfach missgeleitete Artikulation eines Unbehagens am Neoliberalismus. Es wird gebrüllt, dass Menschen sterben sollen, damit sie den Volkskörper gar nicht erst berühren können. Ein "Volk" lässt sich nicht einfach konstruieren. Die Leute sind immer schon da und bringen so einiges an Bildern, Assoziationen und Affekten mit, bevor sie sich im Kollektiv vereinen.

Der letzte Satz gilt für alle, also auch für Linkspopulisten. Die rassistischen Unterströmungen der "Aufstehen"-Bewegung beispielsweise, der Antisemitismus von Teilen der Labour Party oder der Personenkult um Hugo Chavez - derartige Phänomene tauchen in diesem Buch schlicht nicht auf. Bestenfalls werden sie umgewidmet: "die affektive Bindung an einen charismatischen Anführer kann (...) eine wichtige Rolle spielen", schreibt Mouffe - nur ist der linkspopulistische Anführer idealerweise halt nicht autoritär und unterhält eine "weniger vertikale Art von Beziehung" zum Volk.

So stellt das Buch zwar die richtige Frage zur richtigen Zeit: Wie lassen sich Menschen davon überzeugen, dass sie trotz kulturell oder religiös fundierter Unterschiede ähnliche oder gar die gleichen Interessen haben? Chantal Mouffes Überlegungen sind am Ende aber vor allem Paraphrasen dieser Frage, die sich als Antworten ausgeben. Und die Probleme, Ambivalenzen und Gefahren, die populistische Sammlungsbewegungen so mit sich bringen können, werden sorglos, aber theoretisch versiert wegdefiniert.