Liechtenstein-Roman Zwergenstaatsaffären

Der Datendieb, die Fürstin und der Kriminalpsychologe: Benjamin Quaderer erzählt in seinem Debütroman mit Wucht und lustvoller Ausschweifung von einem, der den Finanzplatz Liechtenstein zum Zittern brachte.
Schloss Vaduz, Sitz des Fürstenhauses Liechtenstein

Schloss Vaduz, Sitz des Fürstenhauses Liechtenstein

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Walter Bibikow/ Getty Images

Wir lesen von einem Johann Kaiser, früh wird er zum Heimkind. Er übernimmt die verschiedensten Jobs und schafft sich schon als Schüler eine Zweitidentität an. Wir lesen deswegen auch von einem Johann Hilti, er gibt vor, Spross der gleichnamigen Bohrmaschinen-Dynastie zu sein und tarnt sich mit gebrauchten Lacoste-Polohemden.

Geprägt ist sein Leben zunächst von der Suche nach seiner Mutter, später von der Trauer um die Landesmutter, und schließlich von der Flucht vor diversen Peinigern. Deren Existenz verwundert kaum: Kaiser ist schon als Kind einer, der sich eher Feinde macht als Freunde. Zwei gewichtige Ausnahmen gibt es: Fürstin Gina von Liechtenstein und den alten Bergsteiger, der in einem riesigen Haus am Rand von Johanns Heimatdorf Mauren wohnt. Beide protegieren den Jungen auf ihre Art und Weise. Doch mit dem Tod der Fürstin findet diese Unterstützung ein Ende. Sein Leben gerät außer Kontrolle.

Autor Benjamin Quaderer

Autor Benjamin Quaderer

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Jens Oellermann/ Luchterhand

Schließlich begeht er eine folgenschwere Tat: Als er in einem der Bankhäuser des Fürstentums angestellt ist, um alle Vorgänge der vergangenen Jahre von Papierakten in digitale Files zu transferieren und dabei auf reihenweise ausländische Steuersünder stößt, fertigt er Kopien an, mit denen er die Fürstenfamilie erpresst. Hat er eine andere Wahl?

Eines der größten Talente des Autors Benjamin Quaderer liegt darin, dass er von diesem Johann Kaiser so erzählt, dass man ihm gern die Stange hält, obwohl er von klein auf lügt, betrügt, klaut.

Eine ganz und gar irre Geschichte. Und doch eine, die auf einem konkreten Fall fußt: Der Liechtensteiner Bankangestellte Heinrich Kieber wurde 2008 als jener Mann identifiziert, der dem Bundesnachrichtendienst mehrere Datenträger mit Informationen zu mutmaßlichen Steuerhinterziehern lieferte und damit eine Affäre auslöste, die zahlreiche Strafverfahren zur Folge hatte. Kieber wuchs wie Kaiser im Waisenhaus auf. Auch er schrieb ein Buch, es trägt den Titel "Der Fürst. Der Dieb. Die Daten".

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Quaderer, Benjamin

Für immer die Alpen: Roman

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 592
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Die Tiefgarage als Weltkulturerbe

Erklärt Benjamin Quaderer dem Leser in "Für immer die Alpen" also die Kieber-Geschichte? Oder sogar gleich, wie aus diesen elf kleinen Dörfern zwischen Schweiz und Vorarlberg, die in Rüben, Kartoffeln, später Bohrmaschinen machten, in nicht einmal hundert Jahren einer der wohlhabendsten Staaten der Erde werden konnte; einer, in dessen Hauptort Vaduz die Eingangssituation der Tiefgarage dermaßen diskrete Besuche beim Finanzdienstleister ermöglicht, dass sie, "wenn nicht zum achten Weltwunder, dann wenigstens zum Unesco Weltkulturerbe erklärt werden" sollte? Oder erklärt schlichtweg ein Romancharakter namens Johann Kaiser seiner eigenen Heimat den Krieg? Seine Kraft schöpft das Buch daraus, dass Quaderer, selbst in Liechtenstein aufgewachsen, all das verbindet und mit flammender Fantasie erweitert.

Er bedient sich dabei auch jenseits von Kiebers Buch real existierender Quellen, zitiert etwa ausgiebig Peter Kaisers 1874 erschienene "Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein". Vor allem aber zeichnet er farbenfroh sein Zwergenstaatbewohner-Ensemble. Den Feinkosthändler etwa, bei dem Johann als Teenager anheuert und zu dessen Kunden nicht nur Fürstin Gina, sondern auch Hannelore Kohl, Robert Mugabe, Pablo Escobar und Klaus Zumwinkel gehören. Die bitterböse Leiterin des Kinderheims, die den kleinen Johann bald auf dem Kieker hat. Die verschiedensten Freundinnen, keine versteht ihn. Und schließlich Fürst Hans-Adam II., der nicht einsehen möchte, dass sein Vorschlag einer Verfassungsnovelle, die ihm weitreichende Kompetenzen einräumt, nicht bei allen gut ankommt.

Wenn man dieses Buch mit seinen 585 Seiten ausgelesen hat, fühlt man sich, als hätte man gerade einen großen Garten umgegraben, ein paar Bäume gefällt oder ein halbes Haus gebaut. Quaderer fordert den Leser, wechselt immer wieder aus dem Erzählfluss des Protagonisten in andere Formen. Da finden sich plötzlich die E-Mail-Unterhaltungen eines Kriminalpsychologen mit allen möglichen Zeugen; der Kriminalpsychologe schreibt - Achtung, Metaebene! – schließlich selbst ein Buch über diese Geschichte, das Kaiser natürlich liest. Ebenjener Kriminalpsychologe bekommt zudem einen eigenen Handlungsstrang. Nebeneinander liegen dann beide Geschichten da, die eine in roten, die andere in schwarzen Lettern. In einem Kapitel lässt Quaderer alle Handlung, deren Wahrhaftigkeit sich sein Protagonist nicht sicher ist, in den Fußnoten laufen; Fußnoten liebt Quaderer ohnehin. Und dann sind plötzlich ganze Passagen geschwärzt, weil sie Geheiminformationen enthalten.

Erstaunlich auch hier: Man folgt dem Autor gern auch in den engsten Seitenweg, geht bereitwillig jede kunstvoll angelegte Umleitung mit, so fulminant, so spannend, so lustig hat er all das aufgeschrieben.

Heinrich Kieber sagte 2010 dem "Stern" in einem neunseitigen Interview  über sein Leben im Exil, er "mache Freiwilligendienst": "Hier gibt es Menschen, die fahren alte Leute ins Spital oder zum Zahnarzttermin. Logischerweise unentgeltlich." Bei Johann Kaiser ist das anders, er meidet alle Kontakte; muss schreiben, weil es das Einzige ist, was ihn am Leben hält. Er ist immer noch der Gejagte. "Ich klappe den Laptop jetzt zu", ist sein letzter Satz. Man bedauert ihn sehr. Wie gesagt: eine ganz und gar irre Geschichte.