G20-Aufarbeitung Eine vertane Chance

Vor einem Jahr brannten in Hamburg Barrikaden - zwei Bücher widmen sich den Krawallen während des G20-Gipfels aus linker Perspektive. Klären die Autoren auf? Oder wiederholen sie nur die eigene Version der Geschehnisse?
Von Katharina Schipkowski
Polizisten beim G20-Gipfel 2017

Polizisten beim G20-Gipfel 2017

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Was ist wirklich passiert, als sich Hamburg im vergangenen Juli tagelang im Ausnahmezustand befand? Ein Jahr nach dem G20-Gipfel ist der Kampf um die Deutungshoheit nicht entschieden.

Einerseits ist da die Version des Hamburger Senats und der Polizeiführung. Auf der anderen Seite steht die Version der Gipfelgegner und der Anwohner des Schanzenviertels. Oder besser: Die Versionen. Denn was passiert ist und wie die Ereignisse im Nachhinein zu bewerten sind, darüber besteht auch unter ihnen keine Einigkeit.

Jetzt sind zwei Bücher erschienen, die die Gipfelgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven der G20-Gegner erzählen: "G20 - Verkehrsprobleme in einer Geisterstadt" vom Autorenkollektiv "Komitee 17" und der Sammelband "Riot - Was war da los in Hamburg? Theorie und Praxis der kollektiven Aktion" von Karl-Heinz Dellwo.

Die Perspektive des Sammelbands, den das ehemalige RAF-Mitglied Dellwo zusammen mit Achim Szepanski und J. Paul Weiler herausgegeben hat, ist klar umrissen: Bei der Auswahl der 16 Beiträge - unter den Autoren ist keine einzige Frau - haben sich die Herausgeber von der Idee leiten lassen, eine "große Bandbreite innerhalb der Diskussion der radikalen Linken zu erfassen", aber "keine Beiträge zu verwenden, die sich einfach vom Geschehen distanzieren und damit staatliche Deutungsmuster reproduzieren".

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Doell, David, Lotzer, Sebastian, Seibert, Thomas, Döhner, Yann, Dany, Hans-Christian, Clover, Joshua, Rosales, Jose, Nowak, Öeter, Kirsch, Martin, Crime, thInc.

RIOT - Was war da los in Hamburg?: Theorie und Praxis der kollektiven Aktion (LAIKA://NON.Derivate)

Verlag: LAIKA
Seitenzahl: 258
Für 16,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

06.12.2022 22.23 Uhr

Keine Gewähr

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Der Hauptgegenstand ihrer Betrachtung ist der Riot, also der Aufstand am Abend des 7. Juli 2017 im Schanzenviertel, als die Polizei stundenlang abwesend war, Barrikaden meterhoch brannten und Autonome und Krawalltouristen Geschäfte plünderten. Den Riot als Phänomen verstehen die Herausgeber als Reaktion auf gewaltförmige Verhältnisse, als Antwort auf ein ungerechtes System.

Zwar sind auch persönliche Schilderungen und Eindrücke der Protesttage in Hamburg unter den Beiträgen, aber das Gros nimmt eine soziologische, historische oder philosophische Einordnung der Ereignisse vor - ein radikaler Beitrag zur linken Militanzdebatte. Wer sich als Außenstehender darauf einlässt, kann vielleicht ein bisschen mehr verstehen, warum es zu den Ausschreitungen kommen konnte.

Die Nautilus-Publikation gibt sich weniger radikal - birgt aber auch weniger Erkenntniswert. Zwar ist auch für sie der Aufstand die Antwort der Überflüssigen auf das System, das sie überflüssig macht. Gleichzeitig stellen die Autoren infrage, ob "Riot" der richtige Ausdruck für das ist, was im Juli in Hamburg passierte. Die Antwort bleibt offen.

Die Mitglieder des Komitee 17, deren Name auf das "Unsichtbare Komitee", die Verfasser des linkspolitischen Essays "Der kommende Aufstand", anspielt, wollen anonym bleiben. Nach eigenen Angaben sind sie eine Gruppe von "Zeugen, Aktivisten und Beobachtern" der Gipfelereignisse.

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Komitee 17

G20. Verkehrsprobleme in einer Geisterstadt (Nautilus Flugschrift)

Verlag: Edition Nautilus GmbH
Seitenzahl: 98
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Preisabfragezeitpunkt

06.12.2022 22.23 Uhr

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Der Ton, in dem das Buch geschrieben ist, ist mitunter anstrengend. Das Komitee 17 gibt sich allwissend und uninteressiert an den Erfahrungen anderer - das wirkt manchmal arrogant, manchmal beleidigt. Etwa, als sie sich darüber beschweren, dass in der für die Regierungschefs abgesperrten Innenstadt keine Bahnen und Busse fuhren und die Bürger nicht darüber informiert wurden, wann der Verkehr wieder funktionieren würde. Das mag zwar nervig gewesen sein, steht aber in keinem Verhältnis zu der Einschränkung von Demokratie, die der G20-Gipfel für andere bedeutet hat. Diese Einschränkung dann wiederum klar herauszuarbeiten, gelingt den Autoren in ihrem allgemeinen Lamento leider nicht.

Die Mitglieder des Komitee 17 rekonstruieren die Gipfeltage chronologisch und teilen dabei gegen alles aus, was ihnen nicht gefallen hat, von Entscheidungen linker Demo-Organisatoren über das Verkehrschaos und die Medienberichterstattung. Gerade Letzteres ist ihnen ein zentrales Anliegen. Dabei verzichten sie aber weitgehend auf Beispiele, sondern unterstellen den Journalisten - von der "taz" bis zur "Bild" -, sich bereitwillig in den Dienst der Regierung gestellt und bewusst bestimmte "Details", wie etwa die Zahl der verletzten Demonstranten, verschwiegen zu haben. Kritische Stimmen unter den Journalisten seien "aussortiert" worden.

Die durchaus berechtigte Kritik am Zusammentreffen der Staats- und Regierungschefs in Hamburg verfehlt ihren Kern, unter anderem an der Stelle, an der Hamburgs Ex-Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) für seine Frisur kritisiert wird. Eine vertane Chance.

Video: G20-Gipfel in Hamburg - Eine Stadt im Ausnahmezustand

SPIEGEL TV
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