Gefährdeter Autor Orhan Pamuk sagt weitere Reise ab

Nach der Ermordung des armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink hat Orhan Pamuk eine weitere Reise abgesagt. Der türkische Nobelpreisträger wird nicht nach Belgien fahren, eine Ehrendoktor-Verleihung in Brüssel entfällt.


Istanbul - Wie türkische Medien berichteten, sollte Pamuk heute die Ehrendoktorwürde der Katholischen Universität Brüssel (KUB) verliehen werden. Man habe die Universität im letzten Moment über die Absage informiert, teilte die Fakultät für Literatur der KUB mit. Pamuk habe ein späteres Kommen zugesagt.

Autor Pamuk:"Psychische Blockade"
REUTERS

Autor Pamuk:"Psychische Blockade"

Der 54-jährige Literaturnobelpreisträger hatte zuvor bereits eine Reise nach Deutschland abgesagt. In Berlin sollte der Schriftsteller morgen die Ehrendoktorwürde der Freien Universität erhalten und anschließend eine Lesereise durch mehrere Städte unternehmen.

Nach Angaben des Carl-Hanser-Verlags in München hatte Pamuk seine Lesereise kurzfristig gestrichen und auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Autor habe von einer "psychischen Blockade" gesprochen, zitiert der "Tagesspiegel" Pamuks deutschen Verleger Michael Krüger.

Pamuk, der in der Türkei wegen kritischer Äußerungen zum Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg zur Zielscheibe von Nationalisten wurde, war mit dem vor wenigen Tagen in Istanbul ermordeten armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink befreundet. Wie Pamuk hatte sich Dink dafür stark gemacht, dass die Türkei den Völkermord anerkennt.

Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, erklärte, dass es in Deutschland tatsächlich ein Gefahrenpotenzial für Pamuk gebe. Auch der Sprecher des Zentralrats der Armenier in Deutschland, Toros Sarian, zeigte Verständnis für Pamuks Absage. Es sei bekannt, dass die türkischen Faschisten in Deutschland gut organisiert seien, so Sarian. Ankara dämme die "zunehmende rassistische Hetze" nicht ein.

Die türkische Presse nahm von der Reiseabsage Pamuks kaum Notiz. Nur vereinzelt berichteten Zeitungen heute in kurzen Meldungen darüber.

dan/dpa



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