Genazinos Dankesrede Ein Loblied auf die Langeweile

Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino sang am Samstag ein Loblied auf die Langeweile und äußerte sich kritisch über die aktuelle Freizeit-Industrie - Auszüge aus seiner Dankesrede.

"Am bedeutsamsten ist für uns heute ausgerechnet ein Lustspiel, 'Leonce und Lena'. Denn in diesem Lustspiel tritt ein Leiden auf, das im Laufe der Zeit an Einfluss immer mehr zugenommen hat, das Leiden an der Langeweile. Bei Büchner wird Langeweile nicht vertrieben, sondern angenommen. Von dieser Errungenschaft sind wir meilenweit entfernt. Langeweile bei Büchner ist eingestandener Stillstand, der beim Subjekt bleibt.

Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. Unsere Erlebnisplaner haben sie zu unserem Feind erklärt. Als Ersatz bieten sie uns hochdosierte Fremdunterhaltung an: die permanente Fernsehshow, die Massenparty, der Urlaub, die Promiskuität, der Konsum - und so weiter.

Nicht so Büchner. Bei ihm wird Langeweile erkennungsdienstlich behandelt; das heißt vor allem: sie wird dargestellt, untersucht und zerlegt, oft so lange, bis sie einer neuen Beschäftigung weicht, die unversehens aus dem Stillstand hervorgeht. Für derartig geduldige Transformationen fehlt uns heute die Gelassenheit und die Bildung. Im Kern der Langeweile steckt unsere Verwunderung darüber, dass wir die meiste Zeit unausgedrückt leben. Tag für Tag existieren wir, ohne dass uns jemand ausspricht.

Leonce und Lena hätten nicht verstanden, warum wir uns für die gute Laune von Thomas Gottschalk immer mehr interessieren als für die eigene Melancholie, obwohl diese mit uns auf dem Sofa sitzt. Sie hätten nicht verstanden, dass man eine afterworkparty aufsucht, wenn einem der Ich-Zerfall zu nahe tritt. Für Leonce und Lena wird stattdessen die sprachliche Erkundung der Melancholie zu ihrer und, sofern wir den Weg ins Theater finden, zu unserer Unterhaltung.

Diese Aufmerksamkeit dem eigenen Ich gegenüber erfordert eine narzisstische Souveränität, die wir heute nicht mehr zustande bringen. Büchner hat gewusst, wie töricht es ist, Langeweile ausblenden oder gar bekämpfen zu wollen. Er lässt Leonce und Lena geduldig durch ihre Langweile hindurchgehen.(...)

Die Langeweile der Einzelnen und die Ermüdung des Ganzen gehören in der Moderne zusammen. Durch die Brechung dieses Zusammenhangs ist "Leonce und Lena" ein hypermoderner Text, im Kern staatsgefährdend, wenn unser selbst stumpf gewordener Staat mit Literatur noch zu gefährden wäre.(...)

In Kürze wird es Events und Fernsehsendungen geben, deren Vulgarität wie eine körperliche Verletzung wirken wird. Was sollen wir dann tun? Wir sind nicht Büchner, wir sind nicht einmal Leonce und Lena. (...)

Sehr geehrte Chefredakteure, Programmleiter, Fernsehdirektoren, Eventdenker, Kaufhauschefs! Sehr verehrte Planer von Freizeitparks, Loveparades, Expos und all dem anderen Nonsens! Lasst die Finger weg von unserer Langeweile! Sie ist unser letztes Ich-Fenster, aus dem wir noch ungestört, weil unkontrolliert in die Welt schauen dürfen! Hört auf, uns mit euch bekannt zu machen! Hört auf, euch für uns etwas auszudenken! Sagt uns nicht länger, was wir wollen! Bleibt uns vom Leib, schickt uns keine portofreien Antwortkarten und gebt uns keine Fragebögen an die Hand, interviewt uns nicht, filmt uns nicht, lasst uns in Ruhe! Lasst uns herumstehen, denn Herumstehen ist Freiheit! Und gebt euch zufrieden damit, wenn wir das, was uns interessant vorkommt, vielleicht niemandem erzählen wollen."

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