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Generationenporträt: Dreißig und dröge

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"Generation Maybe" von Oliver Jeges In der Vielleicht-Falle

Sie wollen alles, sie trauen sich nichts, sie sagen die ganze Zeit "vielleicht": In dem Buch "Generation Maybe" porträtiert Oliver Jeges seine Altersgenossen um die 30 - und scheitert dabei kläglich.
Von Oskar Piegsa

Die beste Chance, als Journalist um die 30 ein Buch zu veröffentlichen, liegt heute darin, über seine Generation zu schreiben. Nach Pornografie, Fantasy und Katzenkalendern muss es sich bei den Generationenbüchern um eines der profitabelsten Genres handeln - anders ist die Flut dieser Bücher kaum zu erklären.

Das neueste stammt von Oliver Jeges, Jahrgang 1982, und baut auf einem Essay auf, den er für die Zeitung "Die Welt" geschrieben hat.  Seine These: Menschen um die 30 können sich nicht entscheiden. Sie wollen alles, aber sie trauen sich nichts. Sie zweifeln, zaudern und sagen die ganze Zeit "vielleicht". So heißt auch sein Buch: "Generation Maybe".

"Eigentlich geht es uns gut. Aber es ist dieses schwerelose Gefühl, das uns alle verbindet. Das Gefühl, dass wir auf der Stelle treten." Mit diesen Sätzen beginnt "Generation Maybe". Schwerelos auf der Stelle treten, dieses Oxymoron ist eine interessante stilistische Wahl für ein Buch über die Unfähigkeit, sich zu entscheiden: Statt eine Metapher auszuwählen, nimmt Oliver Jeges einfach zwei. Ähnlich unscharf und überladen geht es weiter.

Aus seinem Leben im Berliner Szenekiez und aus Gesprächen mit Freunden schöpfend, formuliert der Autor eine Anklage der "totalen Multioptionsgesellschaft". "Man kann heute nicht nur jederzeit den Arbeitsplatz wechseln, sondern auch das Geschlecht wechseln", klagt er. "Herkömmliche Grenzen verschwimmen. Neue Grenzen gibt es keine." Demnach leben wir in einer Zeit, in der "immer das Leichte über das Schwere" siegt, weil "Halt und Orientierung" fehlen, weil es "überhaupt keine Erziehung mehr gibt, in keiner Form", "keine Anleitung", "keine Kirche, keinen Staat", und "gar keine Regeln mehr".

Einer Frau auf die Brüste starren

"Das erste umfassende Generationsporträt der heute um die 30-Jährigen seit 'Generation Golf'", so bewirbt der Verlag "Generation Maybe". Eine kühne Behauptung, denn auf Florian Illies' "Generation Golf" aus dem Jahr 2000 folgten unter anderem "Generation Ally" (2002), "Generation Umhängetasche" (2008), "Generation Wickeltasche" (2010), "Generation Geil" (2010), "Generation Porno" (2010) und "Generation Laminat" (2012) - zusätzlich zu all jenen Büchern, die nach derselben Logik funktionieren, aber das G-Wort nicht im Titel tragen.

Dabei ist zweifelhaft, welche analytische Schärfe der Generationenbegriff hat. Oliver Jeges nährt diese Zweifel mit "Generation Maybe", indem er unentwegt "wir" schreibt, aber nur "ich" meinen kann. Eine Schwäche des ganzen Genres: Einschneidende Erlebnisse, die das Leben einer ganzen Alterskohorte prägen, hat es in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland kaum gegeben. Die Ausnahme ist die Wiedervereinigung, aber auch das nicht ganz: Während Ostdeutsche, die heute um die 30 sind, sie als Kind erlebten, nahmen viele Westdeutsche sie lediglich zur Kenntnis.

Die geteilten Erfahrungen, von denen Generationenbücher erzählen, sind in der Regel Medien- und Konsumerfahrungen - nicht aber die einer Alterskohorte, sondern höchstens die eines Milieus. Die prägenden Erfahrungen seiner Generation, so schreibt Jeges, seien Internetpornografie, soziale Medien und - hier wird es skurril - die Beschäftigung mit dem Buch "Tiere essen" von Jonathan Safran Foer: "In meiner Generation hat man dieses Buch entweder gelesen oder zumindest im Buchladen schon mal kurz reingeblättert, hat auf jeden Fall davon gehört oder erzählt bekommen." Ein Buch zu lesen ist etwas anderes, als davon gehört zu haben, aber sei's drum: Außerhalb von Journalisten-, Akademiker- und Hauptstadtkreisen werden sich Abertausende finden lassen, auf die beides nicht zutrifft.

Der Autor scheint nicht daran glauben zu wollen, dass es andere Erfahrungen gibt als jene, die er und die Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld machen. Er geht so weit zu behaupten, dass Diskriminierung heute nur noch als Diskriminierung von Fleischessern durch militante Vegetarier existiere: "Mit Toleranz hat es unsere Generation nur da, wo sie Toleranz gelehrt bekommen hat: gegenüber Ausländern, Alten und Behinderten." Er hätte vielleicht mal mit Ausländern, Alten und Behinderten sprechen sollen, aber egal: Weil die Wahrheit des Generationenbuches eine gefühlte Wahrheit ist, spielt Empirie keine Rolle.

Man könne heute kaum noch in Ruhe einen Baum fällen oder einer Frau auf die Brüste starren, ohne dafür gleich schikaniert zu werden, schreibt Jeges. Unternehmer würden von Tierschützern gegängelt, Fleischesser bekämen kaum noch WG-Zimmer. "Die Political Correctness lässt alle dieselbe Meinung vertreten", schreibt er und schießt damit die letzte Hoffnung in den Wind, die man beim Lesen seines Traktats noch haben konnte; nämlich, dass er seine These von der totalen Werte- und Regelfreiheit wenigstens konsequent durchhält. Leben wir nun in der Anarchie oder im Totalitarismus? Oliver Jeges kann sich nicht entscheiden, also muss wohl beides wahr sein.

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