Studium in den Achtzigern Auf herrlich trostlose Weise den Frauen nachjagen

Als Bummelstudenten noch "Futschikato" sagten: Gerhard Henschels "Bildungsroman" ist das heiter genervte Porträt eines Twentysomethings in den frühen Achtzigern - und zeigt die Ereignislosigkeit der Bundesrepublik, ohne dabei je zu langweilen.

Umarmung auf dem U-Bahnsteig, 1982: "Dieses Dematerialisierungsgehabe schöner Frauen"
Corbis

Umarmung auf dem U-Bahnsteig, 1982: "Dieses Dematerialisierungsgehabe schöner Frauen"

Von Thomas Andre


In einem der einprägsamsten und hintersinnigsten Teile von Gerhard Henschels neuem Buch ist sein Held Martin Schlosser ausgerechnet in Nartum zu Gast, einem Kaff in der niedersächsischen Provinz. Im dort gelegenen, in Literaturkreisen berühmten Haus Kreienhoop lebte und wirkte einst der große deutsche Schriftsteller Walter Kempowski. Wir schreiben das Jahr 1984, der Meister gibt ein Schreibseminar - und Martin Schlosser nimmt daran teil. Mutter Schlosser, selbst poetisch ambitioniert, hat den Bummelstudenten dazu eingeladen.

Er studiert sonst nur so vor sich hin, aber hier hat er dann wohl so etwas wie sein Erweckungserlebnis: Martin Schlosser ist niemand anderes als das Alter ego des 1962 geborenen Henschel. Der legt mit dem "Bildungsroman" jetzt den nächsten Band seiner Schlosser-Saga vor. Sie begann einst mit dem Briefroman "Die Liebenden", den Henschel aus dem Nachlass seiner Eltern kompilierte. Fakten und Fiktion mischten sich anschließend im "Kindheits-", im "Jugend-", "Liebes-" und im "Abenteuerroman", in denen die Geschichte der Familie Schlosser aus Sicht des Sohnes Martin weitererzählt wird.

Und zwar in vielen Einzelheiten: Henschels Sammelwut speist sich aus der gleichen selbstauferlegten Erinnerungspflicht, die er bei Kempowski kennengelernt haben dürfte. Der galt als wichtiger Chronist des 20. Jahrhunderts und dokumentierte dessen Brüche. Henschel liefert dazu das Komplementärstück: Seine bereits jetzt fast 3000 Seiten dicke Martin-Schlosser-Geschichte ist ein Kompendium, das in epischer Breite die Ereignislosigkeit der supergemächlichen Bundesrepublik umfassend referiert, ohne dabei je zu langweilen.

Die Jugend ist links und viel unterwegs

Das alles mit dem Fokus auf Martin Schlosser, den der Leser im "Bildungsroman" aufs Neue liebgewinnen kann - und muss. Denn ein derart aufwendiges Verfahren, die in ihrer minutiösen Linearität die Dokumentationsleistung von Andreas Maiers derzeit entstehender Hessen-Chronik noch übertrifft, funktioniert nur, wenn einem der Protagonist ans Herz wächst. Henschel galt, bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte, als talentierter Satiriker, und ein famoser Unernst durchzieht auch die unzähligen erzählerischen Miniaturen, in denen er das Sein und Werden Martin Schlossers wortreich schildert. Im "Bildungsroman" ist es die Universität der frühen Achtziger, der Henschel so ein Denkmal setzt.

Schlosser lebt in einem Land, das den Wechsel von Schmidt zu Kohl verkraften muss, in dem sonst aber alles gleich bleibt: Die Jugend ist links und viel unterwegs. Der junge Mann, Student der Geisteswissenschaften, muss erst das ungeliebte Bielefeld überwinden, ehe er in Westberlin ankommt. Nebenbei trampt er durch die Republik, trinkt Bier, sieht Avantgarde-Filme, hört Bob Dylan, liest Bücher - gut: Arno Schmidt, Henscheid; schlecht: alles andere - und jagt auf herrlich trostlose Weise den Frauen hinterher. Das pointierte und heitere Genervtsein Schlossers ist das Spiegelbild der verwunderten Haltung, mit der er auf alle Vorkommnisse in dieser Welt schaut. "Für mich war es bereits ein alter Hut, dieses Dematerialisierungsgehabe schöner Frauen: Sie zeigten einem, was an ihnen dran war, und zergingen dann zu nichts", berichtet er einmal, als sich eine Kommilitonin plötzlich nicht mehr im Seminar blicken lässt.

Launig geht es durch die frühen Twentysomething-Jahre eines Taugenichts, der das Leben so nimmt, wie es kommt - und da das Emsland nun einmal seine Heimat ist, fährt er dort stets wieder aufs Neue hin. Die Provinz ist in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte selten so umwerfend gewürdigt worden wie bei Henschel, dem gleichzeitig die schlüssigste Betrachtung über das Vergehen der Zeit gelingt seit Thomas Mann im "Zauberberg": "Mir war kein Ort bekannt, an dem sich die Relativität der Zeit besser beobachten ließ als in Meppen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dehnten sich die Stunden zu Jahrhunderten, und wenn man nachts davon wachwurde, dass draußen wer auf den kaputten Zigarettenautomaten eindrosch, brauchte man zum Wiedereinschlummern schon Jahrmillionen. Aber ehe man sich's versah, war in Minutenfrist ein ganzer Monat futschikato."

Henschels Marathonchronik, die stoisch die Chronologie beibehält und sich jeder Dramaturgie verweigert, vermisst die jüngere Zeitgeschichte mikroskopisch und erzählt von einer Epoche, in der noch Briefe geschrieben wurden und es im Fernsehen nur drei Programme gab. Und sie ist eine Collage, deren literarischer Wert sich an der Besessenheit misst, mit der aus dem unaufhaltsamen Zeitstrom all das gefischt wird, was für eine bestimmte historische Periode wichtig war. Henschels voluminöse Form des Erinnerns ist keine ästhetisch hochtourige Suche nach der verlorenen Zeit, sondern eine auf Alltagskomik zielende Vergewisserung des eigenen Herkommens.

Für Henschels Generationsgenossen hat das einen überragenden Wiedererkennungswert. Für alle anderen ist es eine hochunterhaltsame Lektüre.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Emmanuèle Bernheims "Alles ist gutgegangen", Martin Mosebachs "Das Blutbuchenfest", Roberto Savianos "Zero Zero Zero", Ryad Assani-Razakis "Iman", Horst Bredekamps "Der schwimmende Souverän", Alexander Schimmelbuschs "Die Murnau Identität", Don Winslows "Vergeltung", Zadie Smiths "London NW" und Haruki Murakamis "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki"

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
schnibbeldipp 13.02.2014
1. Speak for yourself…
Zitat von sysopCorbisAls Bummelstudenten noch "Futschikato" sagten: Gerhard Henschels "Bildungsroman" ist das heiter genervte Porträt eines Twentysomethings in den frühen Achtzigern - und referiert die Ereignislosigkeit der Bundesrepublik, ohne dabei je zu langweilen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/gerhard-henschels-bildungsroman-a-952984.html
Habe das Buch zwar nicht gelesen, also nur ein Kommentar zur "Rezension": Niedersachsen, West-NRW und Westberlin: Kommt mir alles bekannt vor, habe selbst in jenen Jahren mitunter genau hier unglaubliches erlebt und wohl auch mitbewegt. Was gab es damals nicht? Handy, Internet, Kabel-TV, etc… (war es deshalb, für den Autor, dass "Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dehnten sich die Stunden zu Jahrhunderten"??), haben uns selbst die Welt erschließen müssen...! Ja, wir waren viel unterwegs und links, gottseidank, denn der Kontakt war nicht über E-Mail oder SMS, sondern persönlich, und Geld und Labels waren unwichtig. Um es anders zu sagen: Wir mussten uns ein gutgeschriebenes Drehbuch erdenken- für uns selbst; nicht in einer virtuellen Blockbustergesellschaft den anpassungsbereiten Konsumenten interpretieren. In den "Beziehungskisten" war beiderseits Einfallsreichtum gefragt, Mann war das ein Spaß damals..! Friedensbewegung, Punk, Umweltpolitik, die Ergebnisse der sexuellen Revolution auskosten, Trampen, am Strand schlafen, andere Länder und Menschen wirklich kennenlernen, und, und, und… Was soll's: Es ist so, als wenn man einem heutigen Fahrradfahrer mit Helm erklären wollte, dass man den Wind in den Haaren spüren will und die 10-Gangschaltung wirklich für völlig unnötig hält: Es waren wirklich andere und vergangene Zeiten, aber eine Chronik sollte schon die, natürlich Finanz- und Konzerngesteuerte, an Selbstverstümmelung grenzende Metamorphose zum heutigen Homo Indifferens, besser herausstellen. Und: Langweilig war es wirklich nicht..!
lachina 13.02.2014
2. Cool
ich habe auch in den Achzigern studiert und wir waren einfach cool. Mit Leggins und Schulterpolstern, schwarzen Sonnenbrillen und Ärger darüber, dass die Packung Zigaretten jetzt 3 DM 50 kostet, waren wir nachts unterwegs; tagsüber saßen wir in alten gammligen Cafés und diskutierten uns die Köpfe heiß. Wir dachten natürlich, dass uns der ganze Laden bald um die Ohren fliegt (Kalter Krieg!), aber das hinderte uns nicht daran, zu leben und zu lieben. Die Achziger waren nie langweilig, sie waren so stilbildend, dass sie ein Revival nach dem anderen haben ( die wichtigsten Filme und Musik sind sogar meinen 18jährigen Schülern bekannt) Wer die Achziger langweilig fand, kannte einfach nicht die richtigen Leute ;)
bitdinger 13.02.2014
3. Naiv
Zitat von schnibbeldippHabe das Buch zwar nicht gelesen, also nur ein Kommentar zur "Rezension": Niedersachsen, West-NRW und Westberlin: Kommt mir alles bekannt vor, habe selbst in jenen Jahren mitunter genau hier unglaubliches erlebt und wohl auch mitbewegt. Was gab es damals nicht? Handy, Internet, Kabel-TV, etc… (war es deshalb, für den Autor, dass "Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dehnten sich die Stunden zu Jahrhunderten"??), haben uns selbst die Welt erschließen müssen...! Ja, wir waren viel unterwegs und links, gottseidank, denn der Kontakt war nicht über E-Mail oder SMS, sondern persönlich, und Geld und Labels waren unwichtig. Um es anders zu sagen: Wir mussten uns ein gutgeschriebenes Drehbuch erdenken- für uns selbst; nicht in einer virtuellen Blockbustergesellschaft den anpassungsbereiten Konsumenten interpretieren. In den "Beziehungskisten" war beiderseits Einfallsreichtum gefragt, Mann war das ein Spaß damals..! Friedensbewegung, Punk, Umweltpolitik, die Ergebnisse der sexuellen Revolution auskosten, Trampen, am Strand schlafen, andere Länder und Menschen wirklich kennenlernen, und, und, und… Was soll's: Es ist so, als wenn man einem heutigen Fahrradfahrer mit Helm erklären wollte, dass man den Wind in den Haaren spüren will und die 10-Gangschaltung wirklich für völlig unnötig hält: Es waren wirklich andere und vergangene Zeiten, aber eine Chronik sollte schon die, natürlich Finanz- und Konzerngesteuerte, an Selbstverstümmelung grenzende Metamorphose zum heutigen Homo Indifferens, besser herausstellen. Und: Langweilig war es wirklich nicht..!
Klar war Geld unwichtig, solange Papi und Mami (und Vati Staat) für einen sorgten. Klar waren wir für die Umwelt und gegen die Chemie, ausser bei der Pille natürlich, denn ohne die hätte es keine sexuelle Revolution gegeben. Helmut Schmidt hatte wie üblich recht: "Ihr Linken bestreitet alles, außer Euren Lebensunterhalt!"
Layer_8 13.02.2014
4. Nicht naiv...
Zitat von bitdingerKlar war Geld unwichtig, solange Papi und Mami (und Vati Staat) für einen sorgten. Klar waren wir für die Umwelt und gegen die Chemie, ausser bei der Pille natürlich, denn ohne die hätte es keine sexuelle Revolution gegeben. Helmut Schmidt hatte wie üblich recht: "Ihr Linken bestreitet alles, außer Euren Lebensunterhalt!"
...Geldbeschaffung war kein Problem. 3 Monate im Jahr steuerbefreites Nachtschichten beim Daimler und es war noch genug übrig für nen Rucksack und Flugtickets in ferne Länder. Natürlich verlängerte sich dadurch die Studienzeit.
schnibbeldipp 13.02.2014
5. Lol
Zitat von bitdingerKlar war Geld unwichtig, solange Papi und Mami (und Vati Staat) für einen sorgten. Klar waren wir für die Umwelt und gegen die Chemie, ausser bei der Pille natürlich, denn ohne die hätte es keine sexuelle Revolution gegeben. Helmut Schmidt hatte wie üblich recht: "Ihr Linken bestreitet alles, außer Euren Lebensunterhalt!"
Dieses Zitat gibt es nicht. Mal abgesehen davon, dass Sie nichts über die sexuelle Revolution wissen, denkt selbst der Papst schon über die Pille um- Es wird einsam, da rechts... Wenn Sie meinen, Ihre eigenen Kinder nicht unterstützen zu müssen, so ist das Ihr Ding, und dass es keine Sozialpolitik geben sollte, auch. Ansonsten wirft man doch uns Linken eher vor, mehr zu verdienen, als nach ideologischen Kriterien "angebracht"… Also, bitte, entscheiden Sie sich…
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