Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" Kohlen-Kalauer auf Halde

Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" war bei der Premiere vor hundert Jahren ein Skandal - das Stück handelt von Suff, Gewalt und Tod in der neureichen Bürgergesellschaft. Harter Stoff, den David Böschs Inszenierung am Hamburger Thalia Theater gnadenlos weichspülte. Das Werk verkommt zur Comedy-Klamotte.


Hamburg - Was kann ein Dorf sein, das "Witzdorf" heißt? Na klar, ein Witz! Oder besser gleich "Witzdoaf", wie David Bösch zu Beginn seiner neuen Hamburger Hauptmann-Inszenierung mit Riesenbuchstaben auf dem Vorhang verkündet. Die Bühne des Thalia als Kaspertheater dekadenter Neureicher des späten 19. Jahrhunderts: zum Brüllen.

Und damit auch gar keine Zweifel an der Tonart der Veranstaltung aufkommen, gibt's gleich zum Start die Kür im Kalauern: Paula Dombrowski braust als reiche, unglückliche Helene Hoffmann durch ein Fegefeuer von Comedy-Pointen, dass es einen graust. "Ja, hallo erstmal, ich weiß nicht, ob Sie's wussten…", Fräulein Hoffmann als Rüdiger Hoffman, kurze, grelle Einführung in die kaputte Dorfgemeinschaft, den Saufverein der Orientierungslosen, ein veritables Horrorszenario. Und das Strickzeug klappert dazu.

Geld macht nicht glücklich, sondern versoffen und korrupt. Eine Binsenweisheit, doch vor knapp hundert Jahren war das Stoff für einen veritablen Theaterskandal. Als Gerhart Hauptmann sein erstes Stück "Vor Sonnenaufgang" auf die Bühne brachte, war niemand auf diese naturalistische Wucht vorbereitet. Die Geschichte des schnell zu Geld gekommenen Ingenieurs Hoffmann, der sich mit dem ländlichen Kapitalismus arrangiert hat und in bürgerlicher Sicherheit sein Familienglück vollenden will, kann 2009 nur als Grundkonstellation für gesellschaftliche Prinzipien dienen.

Heute ist alles schlimmer, brutaler und globaler. Hauptmanns Soziodrama als historisches Lehrstück, das konnte Regisseur David Bösch nicht interessieren. Der junge Theatermann hatte mit Inszenierungen wie George Taboris "Mein Kampf" oder seiner preisgekrönten Shakespeare-Version "Viel Lärm um nichts" in Hamburg beste Ideen abgeliefert und gezeigt, dass er souverän mit Stücken umgehen kann. Was bei Tabori aber beklemmend und verstörend gelang, geriet beim "Sonnenaufgang" allzu unterirdisch.

Domizil des Bösen

Vielleicht lag es an der Kohle. Die wurde auch ein Witz, zum Greifen nah: Haldenmächtig liegt sie auf der Bühne, bedrohlich, schwarz und spröde, eine monumental klotzige Metapher, die Böschs exzellenter Bühnenbauer Patrick Bannwart zum Zentrum des Bildes machte. Sonst nur Akzente: Links inmitten einer Flaschensammlung die Bürgerwohnung, das Domizil des Bösen, rechts zwischen Kinderspielzeug das Refugium der Guten.

Und der Obergute ist Alfred Loth, verkrachter Intellektueller mit besten Absichten, der seinen Schulfreund Hoffmann besucht, weil er über die Arbeitsbedingungen der Grubenarbeiter schreiben will. Loths Mission bringt das Dorf durcheinander, kann aber das Grundübel dieser Gesellschaft nicht knacken. Loth scheitert an seiner eigenen bigotten Persönlichkeit, die auch die Vernichtung Helenes in Kauf nimmt. Eine Frau aus der Säuferfamilie kann er wegen mangelnder Gene nicht heiraten - Alkoholismus als Erbkrankheit: So macht die Wissenschaft die besten Absichten zunichte.

Die wohlfeile Ironie der Erkenntnis und die lächerliche Diskrepanz zwischen Handeln und Denken sind Regisseur Bösch Anlass genug, Hauptmanns Figuren eher vorzuführen als zu inszenieren. Mit enervierend geometrischer Personenregie demonstriert er wieder und wieder ihre Gefangenheit in der eigenen Person und kehrt damit Hauptmanns Absicht, die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ihres Leidens zu zeigen, ins Gegenteil. Auf gedachten Diagonalen des Bühnenrechtecks treten sie auf und ab, agieren meist an der Rampe, erzählen viel und zeigen zu wenig.

Selbstmord zwischen den Maschen

Selbst Thalia-Star Peter Jordan als Ingenieur Hoffmann darf nur Business als usual spielen, wo er weit mehr Abgründiges zwischen Euphorie und Verzweiflung zu bieten hätte. Das blitzt hier jedoch nur selten auf. Norman Hacker als sein Widerpart Loth fesselt mit seiner Zerrissenheit weit mehr und sprengt mehr als einmal die scherzgebeugte Spielhandlung. Paula Dombrowski versucht tapfer, mehr als die gefährdete Ulknudel zu sein, aber ihr verhaltener Schmerz ist unter der Kruste der Comedy-Attitüde zu selten zu sehen. Großartig hingegen Verena Reichhardts Einlage als Frau Krause, die in einem Dialekt-Parforce-Ritt Gerhart Hauptmanns Bühnenschlesisch vorführt, das zum Jokus ganz eigener Art inmitten der düsteren Kohlen-Kalauer wird.

Als zum Schluss Hoffmanns sehnsüchtig erwarteter Stammhalter endlich geboren ist, Helene mittels Pillen zwischen zwei Strickmaschen nebenbei Selbstmord verübt, geht tatsächlich die Sonne auf. Groß, mächtig, strahlend und zu den verfremdeten Klängen von Heinz Rühmanns Rührstück "Wenn der Vater mit dem Sohne..." - ein letzter Witz, der eine interessant misslungene Inszenierung mit satirischen Pathos zu Grabe trägt. Oder eben auf die Halde der Fehlversuche packt.

Zum Schluss gab's nur kurzen, freundlichen Beifall fürs Ensemble und nur ein paar verhaltene Buhs für das Regieteam. Es scheint, als ermatte das Thalia ein wenig vor lauter Khuon-Intendanten-Endzeit - die traurige Melancholie spielt anscheinend am Hamburger Top-Haus derzeit die Hauptrolle.



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