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21. September 2009, 19:07 Uhr

Geschichte einer Einwanderung

"Sag ihm, wir nehmen es für fünfzig"

Was macht ein Junge, wenn die Tante aus Pakistan zu Besuch kommt und im Laden in der deutschen Provinz feilschen will? Ein dummes Gesicht. Hasnain Kazim berichtet in "Grünkohl und Curry" von der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland - und einem Spagat, der oft ganz schön schmerzt.

Wie viel Integration ist eigentlich nötig? In welchem Gesetz steht, was man tun muss, um in Deutschland leben zu dürfen? Und wie wird man Deutscher? Wenn man auf deutschem Boden geboren wird? Oder nur, wenn man von einem Deutschen abstammt? Auf Antrag?

Und kann man zwei Welten miteinander vereinen? Kann man Christ und Muslim zugleich sein? Kann man es seinen deutschen Freunden und seiner islamischen Verwandtschaft zugleich recht machen? Den Sohn beschneiden lassen, weil die islamische Tante das erwartet, und wenig später taufen lassen, um eine größtmögliche Integration zu vollziehen?

Sicher doch: Wer in einem anderen Land leben will, sollte mit den Einheimischen feiern und trauern und die dortigen Gepflogenheiten respektieren - aber inwieweit muss er sein eigenes Leben danach ausrichten? Was ist mit der alten Heimat, den zurückgebliebenen Verwandten, den Wurzeln?

Meine Eltern haben versucht, uns Kindern die Antworten zu geben. Wir feiern christliche Feste in Deutschland und islamische, wenn wir in Pakistan sind. Wir essen an einem Tag Grünkohl mit Pinkel, am anderen Curry. Hören Bach und Bhangra. Wir leben in beiden Welten, mal mehr in dieser, dann wieder mehr in jener. Wir sitzen nicht zwischen den Stühlen, sondern springen von einem Stuhl zum anderen und wieder zurück. Ich fühle mich als Deutscher. Und Europäer. Und Inder. Und Pakistaner. Und Südasiat.

Spagat zwischen zwei Heimaten

Einfach ist das nicht. Wie deutsch kann man als braunes Kind in Hollern-Twielenfleth sein? Wie pakistanisch in Karatschi, wenn man nur als Kleinkind eineinhalb Jahre dort gelebt hat?

Das Dilemma, in das wir Einwandererkinder geraten, ist, dass es so viele Fragen, aber kaum Antworten gibt. Fragen, die sich den anderen Menschen nicht stellen. Die Antworten, die uns unsere Eltern geben, sind nicht unsere Antworten. Wir müssen uns neu definieren. Sicher, jeder Jugendliche muss das, aber für uns ist es viel schwieriger. Wohin gehören wir?

"Klar, du bist Deutscher, was für eine blöde Frage", sagen meine Freunde.

Wenn es nur so einfach wäre.

In der Grundschule fragte mich mal ein Klassenkamerad: "Wenn Deutschland Fußball gegen Pakistan spielt, für wen bist du dann?" Gott sei Dank spielen Pakistaner miserabel Fußball.

Ein Cousin zweiten Grades in Indien wollte vor einigen Monaten wissen: "Wenn es zum Krieg zwischen Indien und Pakistan käme, wo liegen da deine Loyalitäten?"

Für uns Einwandererkinder, die wir unsere Wurzeln nicht kappen wollen, gilt: Unsere alte Heimat fordert, auch wenn wir nie dort gelebt haben, genauso unsere Loyalität wie die neue. Das ist das Problem. Wir müssen einen Spagat vollbringen: es beiden Seiten recht machen, uns selbst und anderen beweisen, wohin wir gehören. Ein Spagat, der gelingen muss, auch wenn die Beine alles andere als biegsam sind. Wenn das Kunststück gelingt, ist es eine Bereicherung: ein Leben in zwei Kulturen, mehrsprachig, weltläufig, bewundert. Wenn es scheitert, ist man arm dran: in keiner Welt zu Hause, in keiner Sprache richtig gut.

Wir hatten verdammtes Glück.

(...) Nur selten kam es zum Zusammenprall der Kulturen. Zum Beispiel im Sommer 1988, als uns eine Tante aus Karatschi besuchte. Sie wollte mir einen Wunsch erfüllen. Gleich bei ihrer Ankunft versprach sie mir, sie wolle mir etwas kaufen, was ich schon immer haben wollte. Ich musste lange überlegen, bis mir einfiel, dass ich ein Diktiergerät brauchte. Ich besuchte inzwischen das Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade und schrieb dort für die Schülerzeitung. So ein Aufnahmegerät, wie es die richtigen Reporter hatten, wünschte ich mir.

"Sag ihm, wir nehmen es für fünfzig"

Wir fuhren nach Stade zu einem Elektronikladen. Meine Tante trug einen gelben Sari, darüber einen braunen Strickpullover, weil es für ihre Verhältnisse an diesem sonnigen deutschen Sommertag zu kalt war. Sie sah merkwürdig aus und fiel extrem auf. Mir was das ein bisschen peinlich.

Der Verkäufer zeigte uns ein Gerät, das mir gefiel. Es sollte neunundneunzig Mark kosten.

Meine Tante sagte auf Urdu: "In Ordnung, sag ihm, wir nehmen es für fünfzig."

Ich schaute sie an. "Für fünfzig? Es kostet aber neunundneunzig Mark. In Deutschland kann man nicht handeln."

"Okay, sag ihm, wir zahlen siebzig."

Der Verkäufer warf mir einen fragenden Blick zu.

"Äh, meine Tante möchte nur siebzig Mark dafür zahlen." Ich verschwieg, dass sie bei fünfzig Mark eingestiegen war.

Der Verkäufer lachte.

"Es kostet neunundneunzig, ich kann Ihnen leider keinen Rabatt geben."

"Was sagt er?", fragte meine Tante. Ich übersetzte für sie.

"Sag ihm fünfundsiebzig Mark", war ihre Reaktion.

Mir wurde die Situation immer peinlicher.

"Man kann in Deutschland nicht handeln. Du musst die Summe zahlen, die auf dem Preisschild steht."

"Neunzig Mark?"

"Bitte, kauf es nur, wenn du bereit bist, neunundneunzig Mark zu zahlen. Wir können hier nicht mit dem Händler über den Preis streiten."

Der Verkäufer stand sichtlich genervt mit dem Aufnahmegerät in der Hand da.

"Also, wollen Sie es haben oder nicht?"

Meine Tante überlegte eine Minute lang, dann entschied sie sich.

"Gut, wir nehmen es. Aber kann er uns nicht wenigstens die Batterien dazugeben und vielleicht eine Packung mit Kassetten?"

Marktkunde mit der kleinen Frau im Sari

Meine Mutter stand die ganze Zeit gelassen daneben. Sie mischte sich in das Gespräch nicht ein, sondern lächelte nur - als wollte sie sagen: Na sieh mal an, jetzt stoßen also westliche und östliche Welt in diesem kleinen Elektroladen aufeinander.

Der Verkäufer hatte die Begriffe "Batterie" und "Kassette" verstanden und sagte, bevor ich ihm die Frage meiner Tante übersetzen konnte: "Ja, ja, Sie bekommen Batterien und Kassetten dazu."

Sich in eine neue Kultur einzufinden, ist mehr, als eine neue Sprache zu lernen, sich an anderes Essen zu gewöhnen, sich mit einer fremden Religion, ungewöhnlichen Bräuchen und Traditionen vertraut zu machen. Es gehören viel alltäglichere Dinge dazu wie: Heißt ja wirklich ja und nein nein? Wie verbindlich sind Einladungen? Wie pünktlich muss man zu Terminen erscheinen? Gibt man sich zur Begrüßung die Hand? Muss man die Schuhe ausziehen, wenn man ein Haus betritt? Darf man sich in der Öffentlichkeit die Nase putzen, soll man nach dem Essen rülpsen, kann man Hand in Hand mit dem Partner durch die Stadt bummeln, muss man auf bestimmte Kleidung achten? Und, in diesem Fall: Ist Feilschen in Geschäften erlaubt? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Fehler zu machen.

Das Aufnahmegerät benutze ich immer noch, und bei jedem Einsatz muss ich daran denken, wie meine Tante es mir gekauft hat: diese kleine Frau im Sari in dem Stader Elektronikladen. Heute freue ich mich über diese Szene. Es war eine Lehrstunde in marktwirtschaftlicher Preisbildung und in Kulturwissenschaften. Es war ein Stück Globalisierung.

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