Geschichtsbuch Von Ravern und Wandervögeln

110 Jahre auf knapp 450 Seiten: Der Hamburger Autor Fred Grimm hat Zitate von Jugendlichen und über Jugendliche zusammen gepuzzelt - und erzählt so die faszinierende Geschichte der Jugend in Deutschland.

Jugend in Deutschland: Faszinierender Einblick in untergegangene Jugendkulturen

Jugend in Deutschland: Faszinierender Einblick in untergegangene Jugendkulturen


Im Frühjahr 1980 herrschte Alarmstufe Rot im feinen Hamburg-Harvestehude. Die Schüler des Wilhelm-Gymnasiums bekamen Polizeischutz, aus Angst vor einem Punker-Überfall. "Etliche Popper der Schule hatten in Presse und Fernsehen die Punker Proleten genannt", schrieb die "Bild"-Zeitung. "Der Revierführer von der Oberstraße hielt Wache in der Schule, die Schultüren wurden geschlossen, Popper durften in den Schulpausen nicht auf den Hof." Im Herbst desselben Jahres notierte die 16-jährige Ariane: "Wir Popper kommen aus besseren Familien. Wir sagen Ja zum Luxus, zum Reichtum. Und darauf sind die Punks neidisch."

Das ist nun 30 Jahre her, fühlt sich aber an wie 300 Jahre. Dass Punker auf Popperjagd gehen, wirkt so surreal wie Klingonen, die das Raumschiff Enterprise angreifen. Was vor allem daran liegt, dass es solche Jugendlichen nicht mehr gibt: Punker sind heutzutage diese runtergerockten Gestalten in besprühten Lederjacken, die mit Schäferhunden an ihrer Seite in Fußgängerzonen um Geld betteln. Und Popper? Nun ja, ein Treppenwitz der deutschen Popkultur.

Einen faszinierenden Einblick in solch untergegangene Jugendkulturen vermittelt das akribisch recherchierte Buch "Wir wollen eine andere Welt". In ihm hat der Hamburger Journalist Fred Grimm Zitate von Jugendlichen und über Jugendliche zusammen gepuzzelt, aus Tagebüchern, Briefen, Zeitungen, Internet-Blogs und anderen Dokumenten. Grimm schlägt den Bogen von den "Wandervögeln", der wohl ersten deutschen Jugendbewegung, gegründet 1901, bis zu Helene Hegemann, dem Berliner Skandal-Teenager dieses Frühjahrs. 110 Jahre komprimiert auf knapp 450 Seiten in einem fein illustrierten, iPad-großen Buch.

Ohne Strick um den Hals zur Loveparade

1902 schrieb August Springer aus Tuttlingen, damals 14: "Bald darauf sprach der Vater das vernichtende Urteil über meine Zukunft: Ich sollte ein halbes Jahr lang bei einem heimarbeitenden ,Meister' die Zwickerei lernen und dann in die Fabrik eintreten, um die Lage der Familie zu erleichtern. Mir war, als würfe mir der Vater einen Strick um den Hals." Was die 18 Jahre alte Loveparade-Besucherin Rita Lackner 1994 schrieb, klang da ganz anders: "Ich will mal Medizin in Berlin studieren. Und dann auf der Loveparade die Leute, die umfallen, im Malteser-Wagen behandeln."

So entstand ein Geschichtsbuch des Jahrhunderts, in dem das Jungsein erstmals ausgelebt wurde, der Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein. Vor Fred Grimm hat das bereits der britische Pop-Gelehrte Jon Savage mit seinem ähnlich gelungenen Buch "Teenage" ausgelotet.

Spannend ist das alles auch, weil der Begriff Jugend heute überholt und seiner Bedeutung beraubt scheint: Dass 45-Jährige mit AC/DC-T-Shirts, löchrigen Jeans, Sneakers und iPods in denselben Bars Bier trinken wie ihre 17-jährigen Töchter, ist vielleicht nicht die Regel, aber es ist so ungewöhnlich nicht. Vor 100 Jahren wäre es unvorstellbar gewesen.


Buch Fred Grimm: "Wir wollen eine andere Welt - Jugend in Deutschland 1901-2009". Tolkemitt bei Zweitausendeins. 448 Seiten; 29,80 Euro.



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