Literatur-Sensation Sally Rooney So vage. So genial.

Politisch verspannt, eher traurig als wütend: Literatur-Shootingstar Sally Rooney gilt als wichtigste Stimme der Millennialgeneration. Ihr Debütroman "Gespräche mit Freunden" zeigt, dass sie noch viel mehr ist.

Autorin Sally Rooney schreibt über Klassenunterschiede, die keine Wut mobilisieren
Klaus Holsting/ Luchterhand

Autorin Sally Rooney schreibt über Klassenunterschiede, die keine Wut mobilisieren

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Sally Rooney ist nicht "eine Stimme einer Generation", wie einst Lena Dunham ihren Stellvertreteranspruch in ihrer TV-Serie "Girls" ironisierte. Rooney ist die Stimme ihrer Generation - zumindest in der Wahrnehmung der englischsprachigen Welt. Zur "ersten großartigen Autorin der Millennials" hat die "New York Times" die 28-jährige Irin ausgerufen, "die wichtigste Stimme der Millennialliteratur" der "Independent" sie genannt. Für ihr Erstlingswerk "Conversations with Friends" wurde Rooney 2017 von der "Sunday Times" als "Young Writer of the Year" ausgezeichnet, mit ihrem zweiten Roman "Normal People" stach sie 2019 in Großbritannien Michelle Obamas Autobiografie als Buch des Jahres aus.

Nun erscheint Rooneys Debüt auf Deutsch, und wer in den 379 Seiten von "Gespräche mit Freunden" nach den Markern eines neuen Lebensgefühls sucht, wird sie finden. Rooneys Anfangzwanzigjährige chatten des Nachts und mailen am Tag, sie sind sexuellen Praktiken wie BDSM gegenüber aufgeschlossen und finden polyamouröse Beziehungen spannend. Sie regen sich über die griechische Schuldenkrise auf und machen sich gleichzeitig keine Illusionen darüber, irgendwann den ökonomischen Status ihrer Eltern zu erreichen.

"Ich sollte mit Drogen experimentieren"

Kristallisationspunkt dieser Eigenschaften und Tendenzen ist die 20-jährige Frances. Mit ihrer besten Freundin Bobbi war sie während der Schulzeit ein Paar. Mittlerweile studieren sie am prestigeträchtigen Trinity College in Dublin und treten als Duo bei Spoken-Word-Events auf. Frances schreibt alle Texte, Bobbi ist die bessere Performerin.

Als die beiden eines Abends die 37-jährige Journalistin Melissa und später deren jüngeren Mann Nick kennenlernen, überträgt sich diese Aufgabenteilung auch auf ihr Liebesleben. Während Bobbi direkt mit Melissa zu flirten beginnt, ist Frances' erster Schritt bei Nick, ihm eine Mail zu schreiben. Doch es fällt ihr erstaunlich schwer. "Ich starrte auf meinen Laptopbildschirm, bis er schwarz wurde. Mir sind solche Dinge wichtiger als normalen Leuten, dachte ich. Ich muss mich entspannen und einfach loslassen. Ich sollte mit Drogen experimentieren."

Preisabfragezeitpunkt:
18.07.2019, 14:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Sally Rooney
Gespräche mit Freunden: Roman

Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Seiten:
384
Preis:
EUR 20,00
Übersetzt von:
Zoë Beck

Zwischen Selbstzweifel und Selbststilisierung, den Polen jeder nennenswerten Adoleszenz, schwankt Frances für den Rest des Romans. Sie ist eine extrem genaue Beobachterin sozialer Interaktionen und wird durch ihr beständiges Schreiben zur Chronistin eines schillernden Kreises aus schönen, klugen, teils auch reichen Leuten, von denen man mehr und mehr wissen möchte.

Ausgerechnet zu ihren eigenen Gefühlen findet Frances jedoch keinen Zugang. "Ich hatte mittlerweile begriffen, dass man mich als eine Art sexuellen Störfaktor interpretierte, um Witze reißen zu können", denkt sie bei einer Geburtstagsparty von Melissa. "Es war mir gleichgültig, und ich dachte sogar darüber nach, wie lustig ich in einer Mail darüber schreiben könnte."

Liebe ist für die begabte Literaturstudentin ein Machtspiel, das sie intellektuell begreift, aber emotional nicht beherrscht. Damit ähnelt Frances den Heldinnen aus Jane Austens Romanen, die sich von den Schreibtischen ihrer Cottages aus die Welt erschließen, jedoch um ihren Verstand bangen, wenn ein Mr. Darcy in einen Teich hüpft und mit durchsichtigem Hemd wieder auftaucht. Austens feine Ironie hat Rooney allerdings für politische Verspanntheit getauscht. "Leute, die meine Ideologie teilen oder eine ähnlich verbitterte Einstellung zu Sozialsystemen haben", hat sie die avisierte Leserschaft von "Gespräche mit Freunden" einmal umschrieben.

Über Jahre hinweg hat die selbsterklärte Marxistin auf Twitter das Weltgeschehen kommentiert ("Der irische Staat war schon immer auf der Basis unbezahlter Arbeit von Frauen organisiert"). Als Irland im Mai 2018 über eine Lockerung des Abtreibungsverbots abstimmte, veröffentlichte sie in der "London Review of Books" im Vorfeld eine grimmig-detailreiche Polemik pro Abtreibung.

Während ihres Studiums am Trinity College, erst Politik, dann amerikanische Literatur, war Rooney im Debattierklub der Eliteuni engagiert. Wenn man den "LRB"-Text liest, kann man nachvollziehen, warum sie mit 22 Jahren Europameisterin im Debattierwettbewerb der europäischen Universitäten, dem EUDC, wurde.

Dezidiert politische Statements von Sally Rooney sind mittlerweile rar geworden. Im Herbst 2018, kurz vor Erscheinen von "Normal People" auf den britischen Inseln, deaktivierte sie ihr Twitterkonto, um der Aufregung um das Buch zu entgehen. Echos ihrer Überzeugungen finden sich jedoch zuhauf in ihren Figuren: Einen besonders heftigen Schub von Endometriose durchsteht Frances zum Beispiel, während sie "Kritik der postkolonialen Vernunft" von Gayatri Chakravorty Spivak liest.

In einer Partei ist bei Rooney niemand engagiert, nicht einmal in einer Protestbewegung. Statt auf Demos treiben sich die vorgeblichen Kommunistinnen Bobbi und Frances auf Buchpremieren und Poetry Slams herum. Marxismus erscheint so als ein Stilrepertoire, ein Slang unter vielen, dessen sich Rooneys polyglotte Figuren je nach Bedarf bedienen.

Viele lose Enden

Und würden nicht gerade Carola Rackete und Greta Thunberg das Bild einer unkämpferischen Generation massiv untergraben, könnte man das durchaus als allgemeingültige Umschreibung stehen lassen. "Die größte Grausamkeit für Rooneys Generation, zu der ich auch gehöre, ist aber, dass wir von der Welt geliebt werden wollen, von der wir vorgeben, sie zu hassen", hat die junge Kritikerin Madeleine Schwarz Rooneys Paradox in der "New York Review of Books" zusammengefasst.

Die Folge dieses Paradox ist ein seltsamer Mitnahmeeffekt. Einerseits thematisiert Rooney immer wieder Klassenunterschiede. In "Normal People" wachsen sie sich sogar zum zentralen Konflikt aus: Das on-and-off-Liebespaar Connell und Marianne kommt sich näher, weil seine Mutter in ihrem Elternhaus putzt. Auf der Uni - ja, wieder dem Trinity College - macht Connell dann der Habitus seiner privilegierten Kommilitonen zu schaffen, während Marianne mühelos Anschluss unter den Barbourjackenträgern findet.

In Rezensionen wird Rooney für solche Beobachtungen gelobt. Gleichzeitig mobilisieren Klassenunterschiede in ihren Büchern keine Wut, sie münden noch nicht einmal in Konsumkritik. Rooneys Figuren durchdringt vielmehr eine Traurigkeit darüber, dass ihnen die schönen Dinge im Leben verwehrt bleiben. Und selbst das stimmt nur halb: In beiden Büchern findet sich ein Bekannter mit Ferienhaus in Frankreich, in dem sich bei Wein und Lammfleisch das amouröse Wirrwarr eines französischen Autorenfilms nachstellen lässt.

Diese Vagheit und Unaufgelöstheit sind typisch für Rooney. Sie stellen aber kein Versäumnis dar, sondern sind der Kern ihres Genies. Während die Lebensumstände ihrer Figuren sehr spezifisch erscheinen, sind es die Figuren selbst nicht. Rooney geizt geradezu mit Details, jede Information, die ein zu klares Bild von einer Figur geben könnte, spart sie aus. Ehemann Nick, ein mäßig erfolgreicher, aber hochattraktiver Schauspieler, wird schnöde mit den Worten "Er hatte ein großes, schönes Gesicht" skizziert.

Geniale Vagheit

Genauso findet man keine Zeile von den Gedichten, die Bobbi und Frances vortragen und mit denen sie die Aufmerksamkeit von Reporterin Melissa erst auf sich gezogen haben. Die Durchlässigkeit, die Rooney damit schafft, ist immens: Individuelle Vorstellungen davon, was ein anziehender Mann oder ein brillanter Text sind, bleiben von ihren Beschreibungen völlig unbenommen.

Auch psychologisch besticht "Unterhaltungen mit Freunden" durchs Ungefähre. Immer wieder werfen die Figuren mit ihrem Verhalten Rätsel auf, irritieren durch plötzliche Tränen oder zynische Ausbrüche. Es sind Rätsel, zu deren Auflösung Rooney kontinuierlich sparsame Hinweise einstreut, bis sich ganz zum Schluss ein stimmiges Bild ergibt. Auch deshalb sind ihre Bücher irre spannend zu lesen: Man möchte endlich wissen, mit wem man es im Fall von Bobbi, Frances, Nick und Melissa genau zu tun hat.

Selbst die popkulturellen Verweise, eigentlich entscheidend für die zeitgeistige Verortung, hält Rooney abstrakt. An einer Stelle heißt es, dass sich Nick und Frances "einen iranischen Film über Vampire" ansehen. Als Ausweis dafür, dass die beiden einen anspruchsvollen Filmgeschmack haben, reicht das völlig. Wer es eh weiß, denkt sich hinzu, dass es sich um "A Girl Walks Home Alone At Night" von Ana Lily Amirpour handeln muss. Wer es nicht weiß, hat an Bedeutung aber auch nichts verpasst.

Sally Rooney gelingt es so, Romane über Millennials zu schreiben, die man verschlingen kann, ohne selbst mit den Codes der Generation vertraut zu sein. Genauso schreibt sie Romane über hochgebildete Leute, für die man selber nicht besonders gebildet sein muss, um sie zu genießen. In all ihrer genialen Vagheit trifft "eine Stimme einer Generation" es deshalb eigentlich viel besser.



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Cheepnis 01.08.2019
1. Polen
Im Artikel lautet es: "... Zwischen Selbstzweifel und Selbststilisierung, den Polen jeder nennenswerten Adoleszenz ... " Dabei ist das Wort Polen verlinkt. Der Autolink führt zu Beiträgen über Polen. Das ist nicht richtig, aber auch leider nicht das einzige Vorkommen in den Online-Texten. Schade dass man sich so wenig Mühe macht ... - - - - - Aus der Kultur kommen demütige Entschuldigungsarien, der Fehler wird selbstverständlich sofort korrigiert... Vielen Dank für den Hinweis, mfG Redaktion Forum
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