Roman über Frauenhass in Brasilien Vergebung ist gezähmte Rache

Hass und Gewalt gegen Frauen ist in Brasilien erschreckend alltäglich. In ihrem Krimi »Gestapelte Frauen« schickt Patricia Melo nun eine junge Anwältin aus São Paulo auf Vergeltungsmission.
Foto: Nina Sinitskaya / Getty Images

Jahrelang wurde Maria da Penha von ihrem Ehemann misshandelt, schließlich fügte er ihr bei einem Mordversuch so schwere Verletzungen zu, dass sie den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen wird. Ein Leben, dass sie dem Kampf für Gerechtigkeit widmet, in ihrem Fall und im Fall aller Frauen, die in Brasilien zum Opfer von Männern werden. Teilweise mit Erfolg: Seit 2006 gibt es ein nach ihr benanntes Gesetz, das Gewalt gegen Frauen härter bestraft. Doch Misshandlungen und Morde finden kein Ende: Alle sieben Stunden werde in Brasilien eine Frau wegen ihres Geschlechts ermordet, berichtete der »Weltspiegel« vergangenes Jahr ; als »Epidemie« bezeichnete die Tageszeitung »O Globo« 2019 die Gewalt gegen Frauen; der gefährlichste Ort für Frauen seien die eigenen vier Wände, sagte Brasiliens Frauenrechtlerin Floresmar Ferreira.

»Ich sage nicht, dass das Maria-de-Penha-Gesetz gegen häusliche Gewalt schlecht ist. Aber es löst nicht das Problem«, heißt es in Patricia Melos »Gestapelte Frauen«. Nach dem eher satirischen Krimi »Trügerisches Licht« und dem Psychothriller »Der Nachbar« erzählt der neue Roman der bereits zweimal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten, in der Schweiz lebenden Brasilianerin von systematischem Frauenhass, von einer Gewaltspirale, deren Ende allzu oft Mord ist. Der gewohnt schnoddrig-sarkastische Tonfall, in dem Melo gesellschaftliche Missstände aufzeigt und der zu ihren großen Stärken gehört, findet sich auch hier teilweise, doch angesichts des Themas verliert er sich zunehmend. »Gestapelte Frauen« ist einerseits ein wütendes, ein anklagendes Buch geworden, manchmal fast unerträglich in seiner Darstellung von männlicher Gewalt, aber es hat auch noch eine andere, eine fantastisch-mythische Dimension.

Auf drei Ebenen entspinnt sich die Geschichte, in alternierenden Kapiteln. In den von A bis X nummerierten Abschnitten erfahren wir, was einer jungen Anwältin aus São Paulo – Melo gibt ihrer Erzählerin keinen Namen und verleiht ihr so einen universelleren Charakter – widerfährt, die im Auftrag ihrer Kanzlei in die westbrasilianische Provinz Acre reist, um dort von Prozessen gegen Männer zu berichten, die Frauen Gewalt angetan haben. Alle diese Fälle notiert sie in einer Kladde, dem Heft der gestapelten Frauen, wie sie die Opfer nennt. Auszüge daraus bilden die zweite Leseebene des Romans, mit Ziffern markiert, in der sie festhält, wie die Opfer getötet wurden: die Ehefrauen, Geliebten, Ex-Freundinnen, Mütter, Kinder, Babys. Gerade in ihrer Sachlichkeit entwickeln diese zwölf ultrakurzen Kapitel eine ähnliche emotionale Wucht wie der epische vierte Teil von Roberto Bolaños Schreckenspanorama »2666«, in dem der Schriftsteller von dem Femizid in der mexikanischen Stadt Ciudad Juarez erzählte.

Im Rausch Jagd auf Männer machen

Der Fall, der Melos Protagonistin am meisten aufwühlt, ist die Vergewaltigung, Folterung und Ermordung der 14-jährigen Txupira, einem indigenen Mädchen, durch drei weiße Jungs aus sogenannten besten Familien. Nach einem durch Bestechung manipulierten Prozess kommt das Trio frei, und spätestens jetzt, als aus Zahlen und Statistiken Schicksale geworden sind, entscheidet sich Melos Heldin, nicht mehr nur Beobachterin zu sein, sondern selbst aktiv zu werden. Doch Melo zeigt auch ihre Machtlosigkeit innerhalb eines Systems, das Männer zum Frauenhass einlädt, sogar erzieht: »Nichts ist einfacher zu erlernen als der Frauenhass. An Lehrern herrscht kein Mangel. Der Vater macht es vor. Der Staat macht es vor. Das Rechtssystem macht es vor. Der Markt. Die Kultur. Die Werbung.«

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Patricia Melo

Gestapelte Frauen: Roman

Verlag: unionsverlag
Seitenzahl: 256
Übersetzerin: Barbara Mesquita
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Die junge Anwältin entwickelt Rachefantasien, die sich zunehmend auch in den Halluzinationen manifestieren, die sie bei ihren regelmäßigen Ayahuasca-Ritualen  in einem Indigenendorf hat – die dritte Erzählebene, durch griechische Buchstaben gekennzeichnet. Die Grenze zwischen Realität und Traum verschwimmt zunehmend, und im Rausch sieht sich Melos Erzählerin als Amazone, die mit anderen Frauen Jagd auf Männer macht. Immer brutaler und absurder werden diese Fantasien, irgendwann wird sogar eine fliegende Vagina zur Waffe, »eine noch tödlichere Version der vagina dentata«, sagt eine Kriegerin im Traum und bezieht sich auf einen Mythos, den Sigmund Freud einst mit der männlichen Kastrationsangst kurzgeschlossen hatte.

Die archaischen Racheszenarien sind plastisch und drastisch, und man spürt beim Lesen, wie sehr Melos Protagonistin diese Bilder braucht, um eine Realität zu verarbeiten, die für sie wie für viele andere Frauen unerträglich ist. »Ich bin unfähig zu vergeben«, wird sie irgendwann sagen. »Vergebung ist gezähmte Rache.« Und dann liegen tote Männer auf den Straßen von Acre. Ist sie etwa zur männermordenden Amazone geworden? Oder sind hier ganz andere Mächte am Werk?

Vieles an diesem Roman ist so erschreckend wie beeindruckend. Melos Brillanz besteht in der Sparsamkeit, mit der sie ihre erzählerischen Mittel einsetzt. Lediglich 250 Seiten braucht sie, um nicht nur die drei bereits erwähnten Ebenen zu entwerfen, sondern darüber hinaus auch noch eine persönliche Missbrauchsgeschichte aus dem Leben der namenlosen Heldin einzuweben, die mit einer Ohrfeige beginnt und zunehmend eskaliert, sowie eine Schilderung des Elends, in dem die indigenen Völker Brasiliens – die rechtmäßigen Besitzer des Landes – heute zu leben gezwungen sind: »Sie sind nicht unsichtbar, sondern nicht existent«, heißt es einmal.

Melo macht aber nicht den Fehler, ein stereotypes Bild von »edlen Wilden« zu entwerfen: Denn auch unter ihnen herrscht der Machsimo, werden Frauen als Eigentum des Mannes betrachtet. »Man kann sagen«, so die Erzählerin, »dass Frauenmord ein schichtübergreifendes Verbrechen ist.«