Zur Ausgabe
Artikel 66 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Gestorben Karl Heinz Bohrer, 88

aus DER SPIEGEL 32/2021
Foto: Isolde Ohlbaum / laif

Es ist nicht ohne Tragik, dass sich in jüngerer Zeit immer stärker das Gegenteil dessen zutrug, wofür er ein ganzes Intellektuellenleben in Essays, Kommentaren und Büchern anhand unterschiedlicher Denkfiguren eingetreten war: dass Ideologie niemals die Ästhetik bestimmen, dass Kunst sich keiner Moral und erst recht keiner Politik verpflichtet fühlen dürfe. Da er dies aber im verzagten Nachkriegsdeutschland mit seiner Diskursdominanz der eher linken Frankfurter Schule so empfand, kehrte Karl Heinz Bohrer dem Land 1974 den Rücken und schrieb von da an aus einem kleinen Haus im Süden Londons gegen deutsche Provinzialität, Bescheidenheit und überhaupt die Skepsis gegenüber allem Pathos an.

Dass er Deutschland verließ, hatte auch damit zu tun, dass Joachim Fest, damaliger »FAZ«-Herausgeber, ihm den Posten des Literaturchefs entzogen und an seiner statt einen gewissen Marcel Reich-Ranicki installiert hatte, der Bohrer hinterherrief, er habe den Literaturteil »mit dem Rücken zum Publikum« redigiert. 1984 übernahm Bohrer die Leitung des »Merkur« und prägte eine erfrischend ästhetizistische Ära, die bis 2011 andauerte. Karl Heinz Bohrer starb am 4. August in London.

oeh
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.