Gewaltroman "Der Glanzrappe" Höllentour im Bürgerkrieg

Robert Olmsteads neues Buch "Der Glanzrappe" strotzt vor Brutalität und Niedertracht: Es ist ein Gewaltritt durch ein Land, in dem niemand dem anderen mehr trauen kann.

Von Christoph Schröder


Die Schlacht von Gettysburg in den ersten Tagen des Juli 1863 forderte rund 5500 Todesopfer und hinterließ mehr als 44.000 verwundete Soldaten. Sie gilt als ein Wendepunkt im Amerikanischen Bürgerkrieg. Das ist der historische Hintergrund von Robert Olmsteads neuem Roman "Der Glanzrappe", der soeben in der Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen ist: in einer Ausgabe, die in ein samtiges, dem Pferdehaar nachempfundenes Material gebunden ist.

Olmstead-Buch "Der Glanzrappe": Moralische und juristische Gesetze außer Kraft gesetzt

Olmstead-Buch "Der Glanzrappe": Moralische und juristische Gesetze außer Kraft gesetzt

Es ist ein Buch, das nur so strotzt vor drastischen Beschreibungen, vor Brutalität, Niedertracht und Gewalt: ein düsteres, schwarzes Epos, erzählt in apokalyptischem Tonfall, immer wieder durchsetzt von Bildern erhabener Schönheit, die der Zerstörung abgerungen sind.

"Der Glanzrappe" ist auch ein Bildungsroman, wenn auch im negativen Sinne. Im Mai 1863 ruft eine Mutter ihren 14-jährigen Sohn herbei und erteilt ihm einen Auftrag: Den Vater, der als Soldat für die Armee der Konföderation kämpft, soll Robey nach Hause holen. Die Mutter weiß, der Sohn ahnt, dass es der Beginn einer Höllentour ist. Robey reitet durch ein Land, in dem niemand dem anderen mehr trauen kann. Mörder und Plünderer streifen umher; moralische und juristische Gesetze sind außer Kraft gesetzt.

Der alte Besitzer eines Krämerladens schenkt Robey ein Pferd, einen Rappen, ein prächtiges und majestätisches Tier, das über beinahe übersinnliche Fähigkeiten zu verfügen scheint. Auf diesem Rappen setzt Robey seinen Weg fort, und er lernt die Gesetze der Straße schnell: "Stiehl, um zu überleben", lautet eines davon; "Töte, bevor du getötet wirst" ein anderes.

Das Buch Hiob, dem Olmstead das Motto seines Romans entnommen hat, bildet einen weiteren Referenzrahmen: "Der Glanzrappe" verhandelt mit alttestamentarischer Wucht die Frage, wie Gott das Leid in der Welt zulassen kann. Auffällig abwesend ist Gott in Olmsteads Roman, und Robey erinnert sich eines Tages an einen Satz seines Vaters, nach dem Gott zu müde geworden sei, um weiterhin seiner Arbeit nachzugehen. Als Robey den Vater endlich findet, ist es bereits zu spät. Zum Haus der Mutter kehrt er nicht allein zurück, binnen weniger Monate ist er vom schlaksigen, pubertierenden Jungen zum Mann geworden, was in diesem Fall nichts Gutes heißen muss.

Olmstead hat seinen Helden im wahrsten Sinne des Wortes auf einen Gewaltritt geschickt. Der historische Hintergrund des Bürgerkrieges wird unwichtig, wie bei jedem gelungenen Buch dieser Art (man denke nur an die Romane Cormac McCarthys). Es geht vielmehr um die Menschen: darum, wie sie sind und darum, wie sie sein können. Daran hat sich durch die Jahrhunderte nichts geändert. Und wie sind sie, die Menschen? Die Antwort, die Robert Olmstead in "Der Glanzrappe" gibt, ist keine hoffnungsvolle.


Buch Robert Olmstead: "Der Glanzrappe". Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bauer und Edith Nerke. Die Andere Bibliothek bei Eichborn, Frankfurt am Main; 261 Seiten; 28 Euro.



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