"Glamorama" Ellis im Wunderland

Viel Blut, viele Promi-Namen und wenig Tiefgang: In seinem neuen Roman "Glamorama" rechnet Bret Easton Ellis schonungslos mit der Glitzerwelt der Schönen und Reichen ab.

Von Carmen Stephan


"Glamorama"

"Glamorama"

River Phoenix lebt. Kate Moss ist mit Johnny Depp zusammen. Steffi Graf und Andre Agassi tanzen auf verschiedenen Partys. Die Lebensumstände der Prominenten in "Glamorama" sind nicht gerade auf dem aktuellsten Stand. Der Grund: Bret Easton Ellis hat vor fast zwölf Jahren mit dem Schreiben des Buches angefangen. Der sachkundige "Bunte"-Leser stößt sich dennoch an den veralteten Promi-Konstellationen - und verifiziert damit Ellis' Weltanschauung. "Die Regeln des Unterhaltungsgeschäfts haben alle Bereiche unseres normalen Lebens unterwandert", sagt der US-Schriftsteller, "wir leben in einer Kultur, die besessen ist von einer Gier nach Berühmtheiten".

Diese Gier nahm sich Bret Easton Ellis als Nährboden für seinen Roman. In seinem schillernden Wunderland "Glamorama" streben alle Menschen nach Prominenz und halten Schönheit für eine Leistung. An vorderster Front ackert Protagonist Victor Ward, Ich-Erzähler und semi-erfolgreiches Model, der die ersten 270 Seiten lang damit beschäftigt ist, die Gästeliste für die Eröffnungsparty seines Nachtclubs zusammenzustellen. Hat Brad Pitt zugesagt? Kommt Cameron Diaz? Was bei "American Psycho" (1991), Ellis' blutigem Abgesang auf die Achtziger-Jahre-Yuppies, die Designer-Labels und Marken waren, sind bei "Glamorama" die Stars. Abgelöst wird das seitenlange Name-Dropping lediglich von der Beschreibung diverser Outfits und Styling-Details - im Hintergrund singen U2 "We'll slide down the surface of things".

Victor Ward kämpft solange mit den Codes der Good-Looking-Gesellschaft gegen die ständig lauernde Langeweile in seinem Leben, bis im zweiten Teil des Buches seine pudergezuckerte Wirklichkeit in ein absurdes Horrorszenario abdriftet. Die Models springen nicht mehr mit den Gucci-Klamotten in den Pool, sondern bomben sich jetzt als Terror-Organisation durch die Clubs und das Hotel Ritz. Blutiges Gemetzel wechselt mit monotonen Sex-Orgien, und Wards glitzerndes Glamorama zerbröckelt schließlich in ein Häufchen Asche.

Wieder einmal zelebriert Bret Easton Ellis seine Abscheu gegen den konsumgesteuerten Alltag. Leidenschaftlich kratzt er an der Oberfläche, an der alle anderen nur polieren - jedoch lediglich dadurch, indem er sie beschreibt. Und so ist sein Roman eher eine Abrechnung als eine literarische Offenbarung. Das Analysieren seiner zynischen Beobachtungen überlässt er voll und ganz dem Leser, und genau an diesem Punkt wird das Funktionieren seines Romans durch zwei wichtige Fragen bestimmt. Erstens: Schafft der Leser nach 680 Seiten Beschreibung der ihm vertrauten Scheinwelt den Blick hinter die Fassade? Die zweite, viel beängstigendere Frage ist jedoch: Will er ihn überhaupt schaffen? Bret Easton Ellis hofft auf zweimal Ja.

Bret Easton Ellis: "Glamorama". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 679 Seiten; 49,90 Mark



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