Graphic Novels zu Atomkatastrophen Vom Super-GAU gezeichnet

30 Jahre nach Tschernobyl zeigt eine Graphic Novel die Folgen für die Menschen. Auch der Atomunfall von Fukushima wurde zeichnerisch verarbeitet. Die Bände stehen in einer großen Comictradition.

Ausschnitt aus Kazuto Tatsutas "Reaktor 1F"
Kazuto Tatsuta/ Kodansha/ Carlsen

Ausschnitt aus Kazuto Tatsutas "Reaktor 1F"


Das Comic scheint sich als Kunstform besonders gut zu eignen, um die Schrecken atomarer Katastrophen greifbar zu machen. Liegt es an der Distanz, die durch den Zeichenstift entsteht? Vielleicht bleibt so das Unfassbare ein Stück weit Teil einer Fantasiewelt, anstatt in unsere unmittelbare Realität einzudringen.

Oft wurde das Zeichnen als Mittel zum politischen Aktivismus verwendet, wie bei Gerhard Seyfrieds satirischen Strips, die den Beginn der Antiatomkraftbewegung in Deutschland begleiteten und im Schrank des Grünen-Stammwählers eigentlich nicht fehlen dürfen.

Der Brite Raymond Briggs zeichnete 1983 in seinem Kultcomic "Strahlende Zeiten" das düstere Bild einer Gesellschaft nach einer nuklearen Katastrophe, in der Zeit um Tschernobyl und in den Endwehen des Kalten Krieges eine durchaus realistische Schreckensvision. Auch die Atombombenangriffe von Hiroshima und Nagasaki , die im vergangenen August genau 70 Jahre her waren, wurden immer wieder in gezeichneten Bildern festgehalten, am eindrucksvollsten vielleicht in dem Manga "Barfuss durch Hiroshima" von Keiji Nakazawa.

Atombomben scheinen heute weit ins Reich der Geschichte und Angstpropaganda verdrängt worden zu sein, doch die realen Bedrohungen der Atomkraft sind weitaus präsenter in unserer Gegenwart. Während sich das Unglück von Fukushima im März zum fünften Mal gejährt hat, ist es am 26. April 30 Jahre her, dass in Tschernobyl der erste Super-GAU die Ausmaße eines atomaren Unfalles vor Augen führte. Zu beiden Unglücken erscheinen jetzt Graphic Novels, die sich dem Leben nach der Katastrophe widmen.

Keine Schockmotive, genau recherchierte Realität

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Graphic Novel von Kazuto Tatsuta: "Reaktor 1F"

Yuko Ichimura hatte bereits in "3/11 Tagebuch nach Fukushima" zusammen mit dem deutschen Journalisten Tim Rittmann ein illustriertes Tagebuch über den Alltag in Japan nach dem verheerenden Unglück in Fukushima geführt, das zunächst als Blog und dann als Buch veröffentlicht wurde.

Die mehrbändige Serie "Reaktor 1F" führt nun noch wenig weiter, denn Kazuto Tatsuta begab sich selbst als Arbeiter in die Strahlenzone und verbrachte dort Zeit mit den Männern, die für die Sicherung des Reaktors zuständig waren. Es ist eine Reportage aus dem Herz der Katastrophe, die viel verrät über den nachhaltigen Schock, den die japanische Gesellschaft im März 2011 erlitten hat.

En detail beschreibt Tatsuta, der eigentlich anders heißt, die technischen Umstände seiner Arbeit im verseuchten Gebiet. Die akribischen Rituale des Anziehens der Schutzkleidung und ausdauernden Säuberungen nach dem Einsatz gehen mehr und mehr in eine Alltagsroutine über. Das merkwürdige, evakuierte Niemandsland um Fukushima herum wird für Tatsuta und seine Kollegen zunehmend zur Heimat. In der zähen Zeit der An- und Abfahrten entstehen aber auch immer wieder persönliche Dialoge mit den Arbeitern über ihre Ängste und Sorgen.

"Reaktor 1F" ist im klassischen Manga Stil gezeichnet, darüber muss man zunächst ein wenig hinwegkommen, denn tatsächlich ist es alles andere als komisch, was dort passiert. Die Zeit für seine Zeichnungen hatte Tatsuta deshalb, weil er nach nur sechs Monaten eine Zwangspause einlegen musste, weil sein Körper bereits die jährliche Strahlenhöchtsdosis aufgenommen hatte.

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Graphic Novel von Natacha Bustos und Francisco Sánchez: "Tschernobyl"

Auch Franciso Sanchez und Natacha Bustos betrieben ihre Recherche vor Ort und reisten in die verstrahlten Gebiete der Ukraine. Sie widmen sich in "Tschernobyl" dem bisher größten Atomunfall der Geschichte, auch sie konzentrieren sich nicht auf das eigentliche Unglück, sondern auf die Folgen für die Menschen aus der Umgebung des Kernkraftwerks, die versuchen, sich in der von Menschenhand unwirtlich gemachten Umwelt einzurichten.

Der Band erzählt die Mehrgenerationengeschichte einer Familie, die zwischen Riesenpilzen und radioaktiv verseuchten Tierkadavern versucht, Stücke ihres verlorenen Alltags zu bewahren. Zeitsprünge in die Vergangenheit vor 1986 verstärken den Kontrast zusätzlich, den die beiden spanischen Autoren in schroffen schwarz-weiß Bildern skizzieren.

Beide Neuerscheinungen vermeiden es, offensichtlich schockierende Bilder zu zeigen, der Schrecken der Erzählungen liegt eher in ihrer Realitätsnähe, die jeweils auf genauen Recherchen beruht. Gerade darin liegt die Stärke der abstrahierten Reportageform des Comics, die beide Werke zu eindrucksvollen Zeitdokumenten machen und den Lesern die Ausmaße der atomaren Katastrophen vor Augen führen.

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  • Natacha Bustos, Francisco Sánchez, Oliver Krischer (Vorwort), André Höchemer (Übersetzer):
    Tschernobyl

    Rückkehr ins Niemandsland

    Egmont Graphic Novel; 192 Seiten; 19,99 Euro.

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relative_wahrheiten 26.04.2016
1. Atomare Wüstenlandschaften...
gibt es ja mittlerweile genug auf diesem Planeten. Nur so nah an extrem dicht Besiedelten Gebieten glücklicherweise nur selten. Kazuto Tatsuta beschreibt in Band 1 akribisch detailgenau die Tägliche Routine seiner Arbeit. Die streng überwachten Sicherheitsvorkehrungen bei der Anfahrt vom J Village in die Innerste Sperrzone, die sich endlos wiederholenden immergleichen Abläufe bei seiner Arbeit... und er erklärt mit seinem Manga auch, warum es für Aussenstehende so aussieht, das es da vor ort nicht voran geht. Aber genug gespoilert. Ich hab ihn gelesen. 10 von 10 möglichen Punkten.
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