Grass-Debatte Walesa droht mit Rückgabe eigener Ehrenbürgerschaft

Lech Walesa fordert von Günter Grass die Rückgabe der Ehrenbürgerwürde der Stadt Danzig. Zur Bestärkung seiner Forderung droht der polnische Friedens-Nobelpreisträger jetzt damit, auf seine eigene Ehrung zu verzichten. In Görlitz soll über die Vergabe des "Brückepreises" an Grass neu entschieden werden.


Warschau/Görlitz - Falls der wegen seines Dienstes in der Waffen-SS in die Kritik geratene Literaturnobelpreisträger Günter Grass nicht freiwillig auf seine Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig (Gdansk) verzichte, will der polnische Friedens-Nobelpreisträger Lech Walesa seine eigene Ehrenbürgerwürde zurückzugeben. "Ich will auf die Ehrenbürgerschaft verzichten, weil ich mich nicht in der Lage sehe, an der Seite von Grass Ehrenbürger zu sein", sagte Walesa, 63, dem polnischen Nachrichtensender TV N24. "Wenn wir gewusst hätten, dass Grass Mitglied der Waffen-SS gewesen ist, hätte er die Ehrenbürgerschaft für Danzig vermutlich nie bekommen", sagte Walesa. "Wir verliehen diese Würde einem anderen Grass."

Der polnische Ex-Präsident Walesa hatte den Schriftsteller bereits kurz nach dessen Waffen-SS-Geständnis zur Rückgabe seiner Ehrenbürgerwürde aufgefordert. "Das Beste wäre, wenn er von selbst darauf verzichten würde", hatte er damals gesagt. Grass wurde am 16. Oktober 1926 in Danzig geboren.

Der fast 80-Jährige lehnt die auch von anderen polnischen Politikern geforderte Rückgabe jedoch strikt ab: Er sehe dazu von sich aus keinen Anlass, sagte Grass gestern Abend in der ARD-Sendung "Wickerts Bücher". Er werde aber eine Aberkennung durch den Danziger Stadtpräsidenten und jede andere Entscheidung akzeptieren. Grass sagte, man habe ihm die Ehrenbürgerschaft angetragen, weil er "zu einem sehr frühen Zeitpunkt für einen Brückenschlag und die Verständigung" zwischen Deutschland und Polen eingetreten sei.

Genau aus diesem Grund sollte Grass Im Herbst mit dem Görlitzer "Brückepreis" geehrt werden. In der Begründung der Preisvergabe hatte die Jury Grass als Vermittler zwischen Deutschland und Polen gewürdigt. Er sei einer der wenigen weltweit bekannten Künstler, der die Geschichte von Deutschen und Polen in unvergesslichen Bildern dargestellt habe, hieß es. Grass reflektiere Geschichte auf höchstem Niveau aus dem Blickwinkel eigener Erfahrung und Wahrnehmung und setze sie in unvergessliche literarische Bilder um.

Nach seinem Eingeständnis, als Jugendlicher bei der Waffen-SS gewesen zu sein, hatten sich CDU-Politiker jedoch gegen eine Vergabe des Preises an Grass ausgesprochen. Am 5. September soll nun auf einer Sondersitzung des Preisgerichts neu entschieden werden, teilte die Stadtverwaltung laut dpa mit. Grass war im März als Preisträger der mit 2500 Euro dotierten Auszeichnung bekannt gegeben worden.

bor/dpa



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