Grass-Kritik "Parlament missrät zu Filiale der Börse"

Der Schriftsteller Günter Grass hat sich mit harschen Worten in die aktuelle Kapitalismus-Debatte eingeschaltet: Nach Ansicht des Literaturnobelpreisträgers gefährdet der Einfluss der Wirtschaftslobbyisten auf das Parlament die Demokratie in Deutschland.


Schriftsteller Grass: Plädoyer gegen die "Macht des Kapitals"
DDP

Schriftsteller Grass: Plädoyer gegen die "Macht des Kapitals"

Berlin/Hamburg - "Die Parlamentarier sind durch diesen Einfluss nicht mehr frei in ihren Entscheidungen", kritisierte Grass am Abend bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Freie Universität Berlin (FU). Die Demokratie der Bundesrepublik sei durch die wachsende Einflussnahme der Wirtschaftslobby auf die Politik weit mehr gefährdet als beispielsweise durch Rechtsradikalismus.

Ähnlich äußerte sich Grass in der Wochenzeitung "Die Zeit". Das Parlament sei "von den mächtigen Wirtschaftsverbänden, den Banken und Konzernen abhängig, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen", schrieb Grass in seinem Plädoyer gegen die "Macht des Kapitals". "So missrät das Parlament zur Filiale der Börse." Wer auf soziale Missstände hinweise, werde als "Gutmensch" diffamiert. Dabei formiere sich in Deutschland "die längst überwunden geglaubte Klassengesellschaft".

Die FU verlieh am Dienstag die Ehrendoktorwürde an die beiden Literatur-Nobelpreisträger Grass (Jahrgang 1927) und Imre Kertész (Jahrgang 1929) für ihre Lebenswerke. FU-Präsident Dieter Lenzen würdigte die beiden Schriftsteller als kritische Zeitzeugen, für die Literatur das Medium sei, die schwierige Geschichte des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten.



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