Grass zur Rechtschreibdebatte "KMK-Mitglieder wollen nur ihr Gesicht wahren"

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat die Kompetenz der Politiker bestritten, die in der Kultusministerkonferenz (KMK) über die Rechtschreibreform zu entscheiden hätten. Scharfe Kritik übte der Schriftsteller außerdem an der Türkei-Politik der CDU.


Schriftsteller Grass: "So genannte Reform"
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Schriftsteller Grass: "So genannte Reform"

Lübeck - Günter Grass will auch nach einer verbindlichen Einführung der Rechtschreibreform im August 2005 seine Werke weiter in der alten Schreibweise herausgeben. "Es bleibt dabei", sagte er der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag in Lübeck. Zugleich bekräftigte er seine Ansicht, dass eine Rücknahme der "so genannten Reform" richtig gewesen wäre. Er befürchte, dass nun über viele Jahre verschiedene Schreibweisen in Schulen, Literatur und Medien nebeneinander bestehen. Das werde sich mit der Zeit zwar wieder regulieren, aber man wisse nicht, in welche Richtung.

"Ich bestreite auch die Kompetenz der Politiker, die in der Kultusministerkonferenz (KMK) zusammenkommen, darüber entscheiden zu können", sagte der 76-Jährige mit Blick auf die am Donnerstagnachmittag im saarländischen Mettlach beginnende KMK-Sitzung. Seiner Meinung nach geht es vielen Politikern in der KMK auch gar nicht mehr um die Sache, sondern darum, ihr Gesicht zu wahren - "und das halte ich, gemessen an dem, was zur Verantwortung steht, für unangebracht".

Der künftige Rat für deutsche Rechtschreibung, der im Auftrag der KMK die Entwicklung der Sprache begleiten und eventuelle Änderungen der Reform vornehmen soll, zeigt nach Ansicht von Grass die Fehlerhaftigkeit des Vorhabens von Anfang an. "Richtig wäre gewesen, auf die vielen kritischen Stimmen zu hören, die ja nicht aus Boshaftigkeit das kritisiert haben, sondern aus Einsicht in die Praxis." Bei Konrad Duden seien Veränderungen der Sprache und Schreibweisen aus der Praxis heraus korrigiert worden - "das wäre der richtige Weg gewesen".

Der SPD-nahe Literaturnobelpreisträger übte in dem Gespräch mit der Agentur außerdem massive Kritik an der CDU-Führung. Hinsichtlich der von der Union erwogenen Unterschriftenaktion gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei sagte Grass, es gehe der CDU gar nicht um die Sache. Aus rein demagogischen Gründen werde im Trüben gefischt und das in einer Zeit, in der die NPD wie in Sachsen Zuwächse erziele. "Im Grunde nimmt die CDU die hetzenden und demagogischen Argumente der NPD mit auf und schwimmt auf dieser Woge. Das halte ich für verwerflich und einer Volkspartei mit dieser Tradition nicht für würdig."

Grass sprach auch von einer Beleidigung der in Deutschland lebenden rund 1,9 Millionen Türken, von denen mittlerweile mehr als 700.000 die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Er halte es für richtig und - angesichts früherer Zusagen auch von der CDU - für anständig, dass man jetzt diesen langwierigen Prozess einer EU-Mitgliedschaft der Türkei eingeleitet habe.

Nach Ansicht von Grass verbessern sich seit einiger Zeit die politischen Verhältnisse in der Türkei und auch die Situation der seiner Meinung nach lange unterdrückten Kurden. "Es ist immer noch nicht so, wie man es sich wünscht, aber es ist ein Prozess", sagte Grass.

Als "absolute Phantomdebatte" bewertete der Schriftsteller die nach Interview-Äußerungen von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) aufgeflammte Diskussion um einen Einsatz von Bundeswehrsoldaten in einigen Jahren im Irak. "Der Terror im Irak nimmt zurzeit eher zu, leider auch als Reflex einer verfehlten Politik der Vereinigten Staaten." Dass von deutscher und anderer europäischer Seite Hilfe für den Irak eines Tages notwendig werde, auch beim Aufbau von Polizeitruppen, stehe außer Frage. "Aber das ist zurzeit überhaupt nicht aktuell."

Mit den US-Präsidentschaftswahlen am 2. November verbindet Grass politische Hoffnungen. Die vier Jahre Bush-Regierung hätten nicht nur "zu diesem wahnsinnigen und ungesetzlichen Krieg" geführt, sondern die demokratischen Strukturen in den USA verändert. "Wenn die Demokraten den nächsten Präsidenten stellen, wird man an die Arbeit von Bill Clinton anknüpfen und versuchen, das wieder rückgängig zu machen - soweit das möglich ist." Noch bei keiner US- Präsidentschaftswahl hätten sich so viele Intellektuelle und Künstler politisch engagiert, meinte Grass.



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