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Gregs Tagebuch: Und das soll ich lesen?

Foto: Jeff Kinney

Bestseller "Gregs Tagebuch" Zu Weihnachten gibt's ein Würstchen!

Das erfolgreichste Buch des Weihnachtsgeschäfts ist Jeff Kinneys "Gregs Tagebuch 9: Böse Falle!" - eigentlich ein Roman für Kinder. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerlisten vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal: Jeff Kinneys "Gregs Tagebuch 9: Böse Falle!", laut "Buchreport" derzeit meistverkauftes Buch im Weihnachtsgeschäft.

Keller: Aus gutem Grund gibt es die heilige Benimmregel, niemals in fremden Tagebüchern zu lesen. Warum brechen so viele, viele Menschen diese Regel im Fall von Gregs Tagebüchern?

Hammelehle: Vielleicht ja, weil heilige Regeln in "Gregs Tagebuch" sowieso gebrochen werden? Jeff Kinneys Bücher beschreiben die Welt aus der Sicht von 9- bis 13-jährigen Jungs, die nicht das tun dürfen, was sie gern wollen - aber diese Verbote selbstverständlich ständig umgehen. Früher hätte man gesagt: Sie sind antiautoritär. Das Tagebuch hat Greg übrigens von seiner Mutter geschenkt bekommen, es ist ihm anfangs furchtbar peinlich.

Keller: Verstehe ich vollkommen. Tagebücher umgibt schließlich oft die Aura des Peinlichen, sonst gäbe es keine Slams, auf denen Erwachsene aus ihren alten Tagebüchern vorlesen. Wovon würde man hören, wenn jemand dort aus Gregs Tagebüchern vorläse?

Hammelehle: Dass Gregs Mitschüler doof sind, dass sein kleiner Bruder bevorzugt wird, dass sein großer Bruder nervt - die klassischen Themen jeder Kindheit, würde ich sagen. Im neunten Band ist Jeff Kinney von der Tagebuchform allerdings ziemlich abgewichen. Die Familie macht einen längeren Ausflug, einen Roadtrip, wie's im Buch heißt. Jeder, der schon mal mit einer Familie unterwegs war, weiß, dass sich die größten Dramen des Alltags auf Reisen abspielen - da ist Kinney allerdings ziemlich gnädig mit seinen Figuren, besonders mit den Eltern.

Keller: Ein Roadtrip ist natürlich immer guter Erzählstoff, die klassischen Kindheitsthemen hingegen hat man ja irgendwann durchgearbeitet. Stellt sich für alle jenseits des Kinderalters also die Frage: Und das soll ich lesen?

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Hammelehle: Wenn du dir angesichts sehr simpler Zeichnungen und großen Buchstaben in einer Art Handschrift nicht ein bisschen doof vorkommst, kannst du's ja mal versuchen.

Keller: Damit sollte ich zurecht kommen, vor allem da es ja nicht Zeichnungen von irgendwas sind, sondern von Waschbärenbabys und einem Stand für Butter am Stiel und einem Ferkel, das die Minibar plündert (und drei Dosen Bier trinkt). Mal abgesehen von den Motiven - ich nehme mal an, es ist Absicht, dass die Bilder nach Kinderzeichnungen aussehen?

Hammelehle: Die Butter am Stiel hat mir auch zu denken gegeben. Aber um deine Frage zu beantworten: Wenn Jeff Kinneys Zeichnungen nach Kinderbildern aussehen, dann ist das, was Andy Warhol gemacht hat, Fußmalerei aus dem Dennoch-Kalender. "Gregs Tagebuch" ist sehr stilisiert.

Keller: Im Original heißen die Bücher "Diary Of A Wimpy Kid" - klingt nicht gerade nach klassischem Sympathieträger. Kann man auch etwas Nettes über diesen Greg sagen?

Hammelehle: Du meinst, weil Wimp irgendwie nach Würstchen klingt? Greg ist nett. Jeff Kinneys Tonfall ist eben ziemlich selbstironisch. Sein historisches Verdienst ist wahrscheinlich weniger der, den sogenannten Comic-Roman in die Literaturgeschichte eingeführt zu haben, sondern Kindern Ironie beigebracht zu haben.

Keller: Es gibt auch genug Erwachsene, die noch etwas über Ironie lernen können. Und wie man lesen kann, hat der Autor Jeff Kinney die Buchreihe ursprünglich sogar als Erwachsenenbücher gedacht - das hat wohl nicht so gut geklappt?

Hammelehle: Der Umstand, dass der neunte Band von "Greg's Tagebuch" derzeit das meistverkaufte Buch im Weihnachtsgeschäft ist, legt den Verdacht nahe, dass er auch von Leuten gelesen wird, die der Zielgruppe längst entwachsen sind - wahrscheinlich sind ihnen die "Simpsons" zu komplex und die "Peanuts" zu melancholisch.

Maren Keller ist Redakteurin beim KulturSpiegel. Ihr liebster Roadtrip-Roman ist "Tschick".

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Im besten "Gregs Tagebuch"-Alter hat er sich Peter Handkes "Kurzen Brief zum langen Abschied" wegen des Taschenbuchcovers gekauft, fand das Buch dann aber langweilig. Mittlerweile gehört es zu seinen Lieblingsromanen. Selbstverständlich behandelt auch "Der kurze Brief zum langen Abschied" einen Roadtrip durch die USA.

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen?: "Der Seidenspinner" von Robert Galbraith, auch bekannt unter dem Namen J. K. Rowling.

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