Mexikos junger Literaturstar Alles "Mickerficker" hinter der Grenze

Eine literarische Sensation aus Mexiko: Aura Xilonen berichtet in ihrem Debütroman "Gringo Champ" in prägnantester Sprache von einem, der sich so durchschlagen muss.

Junger Boxer
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Junger Boxer


"Seit ich dieses Land betreten habe, bin ich nicht ruhig. Nicht einen Tag bin ich ruhig gewesen. Immer auf der Lauer und belauernd, mich ständig umsehend und auf dem Sprung. Ich trage einen Sumpf als Bauchladen vor mir her, weil ich nie sicheren Boden unter den Füßen habe." Liborio heißt der Teenager, der diese Sätze sagt, und er hat ein Problem: Der Buchladen, in dem er aushilft und in dessen Dachkammer er schläft, in irgendeiner Stadt hinter der Grenze zwischen den USA und Mexiko, ist zerlegt worden; allem Anschein nach von genau den schweren Jungs, die kurz zuvor Liborio zerlegten.

Ohne Job, ohne Heimat, mit geschundenen Knochen macht er sich also auf die Suche nach einem neuen Lebensunterhalt. Er verdingt sich als Sparringpartner im Boxring. "Das Bisnes ist ganz einfach, Bro. Ich brauche jemanden, der Schläge aushält wie Du", sagt ihm der Boxtrainer. Doch Liborio hält die Schläge nicht nur aus. Er kickt selbst mit den Füßen, bricht Handgelenke, zerstört so jene, denen er eigentlich als Faustfutter dienen soll. Fast wichtiger ist aber die Suche nach Erfüllung seiner Sehnsüchte. Liborio ist in Aireen verliebt, ein Mädchen aus dem Haus gegenüber.

Als "Gringo Champ" 2015 in Mexiko erschien, war es genau das richtige Buch zur Zeit. Eine gerade 19-Jährige entwarf da eine Sprache, die völlig eigen war, abgehackt, rausgezischt, ruppig. Sie erfand Wörter, verwendete aber auch solche, die eigentlich nicht mehr in Gebrauch waren. Gerade deshalb gebührt Susanne Lange, die den Roman übersetzte, größte Hochachtung. Sie übertrug diese Sprachexplosionen behutsam ins Deutsche, schaffte eigene Begrifflichkeiten.

Autorin Aura Xilonen
J. Falsimagne/ Opale/ Leemage/ laif

Autorin Aura Xilonen

Natürlich, zunächst kämpft man als Leser, wenn man sich schon in den ersten Sätzen "Mickerfickern" und "fokkin Meridianern" entgegengestellt sieht. Die gute Nachricht: Man gewöhnt sich daran. Die noch bessere Nachricht: Der Gossenslang Liborios wird mit Häppchen einer humanistischen Bildung vermengt, die eng mit seinem Arbeitsplatz verwoben ist, denn er frisst Literatur: Vergil, Dante, Cervantes, Dickens, Aesop, was er in die Hände bekommt. "Als ich begonnen hatte, Büchlein zu lesen, die keine Bilder mehr enthielten, fand ich Gefallen an den Gedanken der Leute, die da drinnen lebten, zusammengepresst zwischen den Seiten, ohne dass sie den Mund öffnen mussten. Man war da wie ein fokkin Spanner, der alles sah, was in ihrem Inneren geschah."

Sprung in die Schlangengrube

In der Mitte des Buches verändert sich die Tonalität ohnehin. Das Harsche verschwindet nicht, aber es bekommt eine Zärtlichkeit zur Seite gestellt, die sich anschickt, das Kommando zu übernehmen. Aus der Fluchtgeschichte wird eine Liebesgeschichte. Aus der Liebesgeschichte wird eine der Menschlichkeit. Aus dem Radaubruder und Schelm Liborio, der in die Ereignisse so hineinrutscht, wird ein wertvoller Teil der Gesellschaft. All das läuft nicht ohne Komplikationen ab, nicht jedes Ende ist glücklich, aber die Autorin tritt so die Beweisführung für etwas an, das man am Anfang bezweifelt: Ihre Sprache nutzt sich nicht ab.

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Aura Xilonen:
Gringo Champ

Aus dem Spanischen von Susanne Lange

Carl Hanser; 352 Seiten; gebunden; 23,00 Euro

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Das Großartige an dieser Sprache ist, dass sie Realitäten gleichzeitig betont und vernebelt. "Gringo Champ" erzählt ja die durchaus gegenwärtige Geschichte eines Flüchtenden, berichtet in Rückblenden davon, wie dieser sich durchschlägt in einem feindseligen Landstrich. Es wird auch von der Mutter erzählt, die es nie gab und der Patentante, die Liborio nur das Schlimmste wünschte. Höhepunkt dieser Fluchtgeschichte ist der Sprung in eine Schlangengrube, Liborio spürt die Tiere - sie tun ihm nichts.

Ohnehin lädt Aura Xilonen ihre Schauplätze auf eine sehr eigene Art auf. Die Treppe, die ins Haus von Liborios Angebeteter führt. Die Villa, in der die Journalistin wohnt, die anhand dieses Jungen die große Geschichte der Illegalen in Amerika aufschreiben möchte. Das Kinderheim mit seinem löchrigen Blechdach, in dem Liborio am Ende unterkommt. Und natürlich das "Book", jener Buchladen, in dem seine amerikanische Reise beginnt.

Wenn Xilonen von all diesen Orten schreibt, ist es so, als hätte sie ein Effektgerät vorgeschaltet, das den Blick verschiebt, die Farben sättigt, einzelne Gegenstände hervorhebt, vielleicht wie in einem alten Konsolenspiel. Man mag das bisweilen zu einfach finden, so wie auch die Eckpunkte der Handlung - hier die Bücher, dort das Boxen - sehr offensichtlich zwei Lebensentwürfe symbolisieren. Die Dringlichkeit, mit der Xilonen schreibt, ihre enorme Sprachgewalt und nicht zuletzt die Zärtlichkeit, mit der sie ihre Charaktere beobachtet, räumen solche Einwände aber rasch aus.



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