Chronist Geert Mak Der banale Moment, in dem Europa mutiert

Kaum jemand kennt den Kontinent so gut wie der niederländische Autor Geert Mak. In seinem neuen Buch "Große Erwartungen" findet er Grund zur Kritik an der EU - aber viel mehr Grund zur Hoffnung.
Chronist Mak: Die Einheimischen waren zur Dekoration geworden

Chronist Mak: Die Einheimischen waren zur Dekoration geworden

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Ulrich Baumgarten / Getty Images

In der Nähe seines Verlags in Amsterdam gibt es eine Eckkneipe, in die man Geert Mak nach Interviews begleiten kann. Als wir zum ersten Mal dort waren, vor vielen Jahren, entsprachen Dekor und Personal ganz der Vorstellung, die man sich von einer innenstädtischen Nachbarschaftskneipe macht. Es gab eine Musikbox, Bier und rauchende Stammgäste, die Zeitung lasen oder zum Fernseher schauten. Man konnte ewig sitzen und reden, die Preise waren, wie man so sagt, zivil. Doch als wir vor einiger Zeit erneut dort waren, um nach einem Interview zu seinem Buch "Die vielen Leben des Jan Six" ein Feierabendgetränk einzunehmen, standen die Dinge anders. 

Zwar war nichts in dem Laden verändert - die selbe Deko, die gleichen Getränke - aber das Publikum war wie ausgewechselt. Die Gäste waren jünger als das einstige Stammpublikum, elegant gekleidet und schätzten die urige Kneipe wie eine frisch entdeckte, neue Location um auszugehen. Man kam kaum noch herein, es war zu laut, um zu reden und deutlich teuer war es auch geworden. Mak fand diese Entwicklung bezeichnend und hochinteressant: In wenigen Jahren waren die Einheimischen zum Bestandteil einer Dekoration geworden, die von anderen Zeitgenossen wie eine touristische Destination besucht wurde. Wie ist das zu deuten?

Der niederländische Autor Geert Mak hat sich eine einzigartige Stellung in der europäischen Kulturlandschaft erschrieben: Jedes Buch ist eine literarische Geschichtsschreibung unserer Gegenwart. Kein anderer Autor vermag wie er zu erkennen und zu beschreiben, wie schnell und worin genau sich unsere Zeit verändert, an welcher Stelle banaler Alltag mutiert und zu Geschichte wird. Mak hat sich einen scharfen Blick für diese Dinge antrainiert und er kann es anschaulich erzählen, ohne in der Anekdote zu verharren.

Die Ausbildung seines Stils begann mit einem Wohnmobil, mit dem er sich zu Beginn des Jahrtausends auf den Weg durch Europa machte. Jeden Tag schrieb er für die Tageszeitung, für die er damals arbeitete, einen Artikel von unterwegs - es ging um historisch bedeutende, aber vergessene Orte, er schilderte Begegnungen mit Intellektuellen, Künstlern oder zufälligen Passanten. Der Fokus lag auf den Chancen – der Kontinent war noch nicht so lange offen und vereint – und der Fokus lag auch auf der Auseinandersetzung mit den Gespenstern der Vergangenheit, insbesondere dem Nationalismus. Maks 2005 erschienenes Buch "In Europa" wurde zum Bestseller, denn er verstand, das Thema Europa von der lähmenden Langeweile zu befreien, in die es eine pflichtbewusste politische Berichterstattung über Jahre verbannt hatte. 

Nun hat er sich, nach Arbeiten über das Dorf seines Vaters, erneut mit dem Zustand Europas beschäftigt. Das Buch trägt den Titel "Große Erwartungen" und ist eine Inspektion des geistigen und kulturellen Zustands Europas. Mak stellt ein Gedankenexperiment an: Wie würde er einer Historikerin aus der Zukunft von uns erzählen, von Corona, den Krisen Europas, dem Gegensatz zwischen Stadt und Land, den kollektiven Erschöpfungen, der Migrationskrise und schließlich den wilden Hoffnungen, die dennoch und trotz allem hier blühen?

Mak unternimmt eine Reise an die Grenzen der Union, beamt uns zurück in die Neunzigerjahre, beschreibt Krisen und Helden, bis Leserinnen und Lesern klar wird, welche seltenen Möglichkeiten und Freiheitsräume hier bestehen - allerdings zeigt er auch auf, wo Europa seinem idealen Kern untreu wird. Hier greift er zu dichten Beschreibungen aus seinem Umfeld, betrachtet sich etwa das Bildungswesen in seinem heimatlichen Dorf.

Dort kennt er einen engagierten, aber eigensinnigen Lehrer, der schon mal den Unterricht neu gestaltet, wenn es in der Nacht ein heftiges Gewitter gab auf dem Land. Dann geht es den ganzen Vormittag um Blitze und Elektrizität und alles, was damit zusammenhängt. Doch dieser Lehrer geriet deswegen in Schwierigkeiten, schreibt Mak: Er halte sich zu wenig an den Lehrplan. Das gesamte Bildungswesen, kritisiert Mak, sei von Managern und Beratern übernommen worden, die von der eigentlichen Sache, dem Unterrichten von Kindern, wenig verstehen und denen es auch nicht wichtig ist. Das gleiche beobachtet er im Verfahren um die Auswahl der europäischen Kulturhauptstadt des Jahres: Mak beschreibt es als eine Parade von professionellen Eventmanagern und Beratern, in der es um sehr viel Geld geht und die mit dem Kern der Sache, einer lebendigen, erfreulichen Kulturproduktion, nicht mehr viel am Hut hat. Hier sollte sich Europa besser besinnen, denn Bildung und Kultur sind wesentliche Ideale. 

Zwischen Trumps USA, Putins Russland und den Chinesen wächst Europa in eine neue Rolle: Ein Ort, der einzigartig frei ist, der sich Bildung, Kultur und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet hat und die Demokratie und Meinungsfreiheit pflegt und fördert. Europa ­- das ist das Fazit dieses unweigerlich gute Laune machenden Buchs - Europa beginnt gerade erst.